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Walser wechselt:Das schwere Erbe des Blitzherleiters

Martin Walser geht zum Rowohlt Verlag. Ein Abschied, ein Neubeginn. Doch nun kommt eine unerhörte Tat des verstorbenen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld zum Vorschein: Walser erhielt alle Rechte an seinem Werk. Und das nimmt er wohl mit ins neue Haus.

THOMAS STEINFELD

Im August 1961 erschien im Rowohlt Taschenbuch Verlag ein kleines rotes Bändchen, das von einem gelben Streifen Baumwolle am Rücken zusammengehalten wurde. Ein Satz ist darin zu lesen, wie zum bedeutungsschweren Zitieren geschaffen: "Was in uns zurückbleibt, wirkt wie eine Nachtaufnahme von Gebirgsmassiven." Das Büchlein hieß "Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung" und dokumentierte einen Widerstand gegen Franz Josef Strauß und den, wenn auch vielfach gebrochenen, Wunsch von zwanzig Intellektuellen, darunter Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Peter Rühmkorf, nach einer anderen, einer sozialdemokratischen Zukunft. Herausgeber dieses Bändchens war Martin Walser. Und jener Satz bezog sich auf die Formelsprache einer als unwählbar begriffenen Politik.

Konferenz in Wasserburg 1962: (von links nach rechts) Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Unseld, Karl Markus Michel, Walter Boehlich, Uwe Johnson, Martin Walser

(Foto: Foto: Suhrkamp / Elisabeth Johnson)

Was heute hinter Martin Walser zurückbleibt, und was bald aussehen wird wie eine Nachtaufnahme von Gebirgsmassiven, ist - der Suhrkamp Verlag. Gerade wurde bekannt gegeben, dass Walser definitiv den Verlag verlässt, mit dem, in dem und durch den er fünfzig Jahre gelebt hat - so wie dieser Verlag fünfzig Jahre mit, in und durch Martin Walser gelebt hat. Und wohin geht der Schriftsteller? Zu Rowohlt, zu dem Verlag, in dem er vor mehr als vierzig Jahren "Die Alternative" veröffentlichte und der auch die "Ehen in Philippsburg" als Taschenbuch publizierte, als Suhrkamp noch nicht über eine entsprechende Reihe verfügte.

Im kommenden Herbst wird Rowohlt den "Augenblick der Liebe" veröffentlichen, den nächsten Roman Martin Walsers, im Frühjahr darauf einen Band mit Essays - und dann, irgendwann in mittlerer Zukunft, wird dort auch das Werk erscheinen, das wohl auch diese Geschichte, die Geschichte der Menschen, der Institutionen und ihrer Verwicklungen erzählen wird: die Tagebücher.

Diese Tagebücher hätten kaum mehr bei Suhrkamp veröffentlicht werden können. Am Montag wird Der Spiegel einen Offenen Brief Martin Walsers publizieren, in dem sich dieser von den Mitarbeitern des Suhrkamp Verlags verabschiedet. In knapper Form wird darin vermutlich auch davon die Rede sein, wann und wie Martin Walsers Vertrauen in seinen Verlag zerbrach: als Suhrkamp, während der Verleger sterbenskrank daniederlag und von allem Getöse nichts wusste, wochenlang zögerte, sich in der Debatte um die Kriminal- und Mediensatire "Tod eines Kritikers" hinter seinen Autor zu stellen. In den vergangenen Monaten haben sich darüber hinaus die beiden Mitarbeiter des Hauses, die am meisten mit Martin Walser zu tun hatten, der Lektor Thorsten Arend und der verlegerische Geschäftsführer Günter Berg, vom Verlag getrennt oder trennen müssen. Wäre Martin Walser noch bei Suhrkamp - über diese Ereignisse könnte er in einem veröffentlichten Tagebuch nicht ohne Rücksichten schreiben. Dieses Werk mag der Schlussstein sein, den Walser in sein Œuvre setzt, und der Abschied von Suhrkamp wird darin eingehen.

Der Abschied von Suhrkamp schadet Martin Walser. Denn in diesem Verlag war er in einem emphatischen Sinne zu Hause. Nicht nur, weil hier zwischen 1955 und 2003 Dutzende von Romanen erschienen, die kleinen Schriften, die Essays, die Bühnenstücke gar nicht gerechnet. Sondern weil Suhrkamp auch seine intellektuelle Heimat war: durch die enge Freundschaft mit Siegfried Unseld, durch die Konzentration der Gruppe 47 auf diesen Verlag, durch die Nachbarschaft zu Uwe Johnson oder Hans Magnus Enzensberger, durch eine nicht nur literarische, sondern auch intellektuelle und politische Existenz. Und manche Nachbarschaft, etwa die zu Thomas Bernhard oder die zu Peter Handke, tat ihm gut, auch wenn er sie sich vermutlich nicht selbst ausgesucht hätte. Über Jahrzehnte lebten hier Autor und Verlag in einer Symbiose miteinander. Doch auch diese Verbindung ist Geschichte, und von manchem überlebenden Mitarbeitern der "Alternative" hat sich Martin Walser inzwischen weit entfernt. Der Kontext aber bleibt, und sei es, weil er in die Entstehungsbedingungen der Werke eingegangen ist, weil er dazuerzählt werden muss, will man die Geschichte dieses Schriftstellers begreifen.

Den gleichen Schaden hat, auf der anderen Seite der Symbiose, auch der Verlag. Und mehr als nur den gleichen Schaden. Martin Walsers Abgang trifft den Verlag härter, als Suhrkamp seinen abtrünnigen Autor je wird treffen können. Denn im Jahr 1997 hat Siegfried Unseld mit seinem Freund und Autor eine im Verlagswesen höchst ungewöhnliche, ja einmalige Regelung getroffen. Sie sieht vor, dass Walser im Falle seines Ausscheidens als geschäftsführender Gesellschafter des Suhrkamp Verlags die Rechte an seinem Gesamtwerk zurückfordern kann.

Der Fall ist mit Siegfried Unselds Tod im Herbst 2002 eingetreten. Martin Walser macht nun von seinem Recht Gebrauch, und schon streiten sich die Juristen, ob und wie dieser Vertrag Gültigkeit für Nebenrechte, Lizenzen und andere Formen der Mehrfachverwertung besitzt. Spätestens nach fünf Jahren sollen alle Bücher mit dem Imprint des alten Verlags aus den Buchhandlungen verschwunden und alle Rechte wieder beim Autor sein. Gewiss gibt es Arbeiten von Martin Walser, die fast vergessen und im Handel nicht mehr greifbar sind. Andere Bücher aber werden wieder und wieder nachgedruckt, im Schulunterricht verwendet und sind im Publikum lebendig geblieben. Sie gehören zum ökonomischen Fundament des Suhrkamp Verlags, und durch diesen Grund zieht sich nun ein Sprung.

Warum hat Siegfried Unseld so gehandelt? Was, wenn Martin Walser nicht der einzige Autor mit einem solchen Vertrag ist? Warum hat er Autoren, die nach seinem Tod ihren Fortgang erwägen, die Trennung so leicht gemacht? Wozu die ganze, neue, komplizierte Konstruktion eines Verlags nach Siegfried Unseld, mit Stiftungsrat und Beirat und Holding, wenn einer der wichtigsten Autoren am Ende einfach seine Sachen packen und davongehen kann, um sie woanders wieder aufzustellen, und sei es in Gestalt einer halben Bibliothek?

Über die Gründe dieser Entscheidung lässt sich nur spekulieren. Eher, als dass Siegfried Unseld seinem Unternehmen schaden wollte, sind diese Verträge wohl ein Aufbegehren, eine trotzige Geste wider den Tod. Der Verleger wusste, dass er bald würde loslassen müssen, und er ließ mehr los, als notwendig gewesen wäre. Er war so sehr der Verlag selbst, dass, wenn er gehen musste, auch die Autoren sollten gehen können. Er erneuerte eine Situation des Anfangs. Verstörend aber bleibt, dass ein Verleger, der sein Metier verstand wie kaum ein anderer, als eine seiner letzten wichtigen Entscheidungen Verträge schloss, die nach seinem Tod wie Lunten wirken müssen. An diese Lunten können nun gerade die wichtigsten Autoren Feuer legen, wenn sie nur wollen. Gäbe es das Gegenteil eines Blitzableiters, eine Art Blitzherleiter - Siegfried Unseld wäre sein Erfinder.

Es wird Jahre dauern, bis Martin Walser in seinem neuen Verlag sein Œuvre rekonstruiert haben wird. Vielleicht wird es nie ganz geschehen. Und wenn sie dereinst dort stehen werden, in Reinbek bei Hamburg, die Franz Horns und Xaver Xürns und Helmut Halms, all diese Epiphanien des deutschen Mittelmaßes, wird das Werk ein wenig anders aussehen, als es das jetzt tut. Denn im Unterschied zum Suhrkamp Verlag, der zwar Isabelle Allende und Samuel Beckett zu seinen Autoren zählt, aber insgesamt doch ausgesprochen einheimisch wirkt, ist Rowohlt ein dezidiert internationaler Verlag. Ungefähr zu selben Zeit, als dort die Taschenbuchausgabe von "Ehen in Philippsburg" erschien, publizierte Rowohlt den Roman "Hasenherz" von John Updike - und sieht Helmut Halm neben Harry Angstrom nicht ein bisschen blass aus, und was sind Anselm Kristleins gegen Portnoys Beschwerden? Rowohlt, da darf man sich sicher sein, wird seinen neuen Autor pflegen. Aber dieser wird, eben weil er es an Weltläufigkeit mit den Nachbarn nicht aufnehmen kann, noch ein wenig deutscher wirken, als er es in seinem alten Verlag schon tat.

Auf einen alten Kollegen und Gefährten wird Martin Walser bei Rowohlt allerdings stoßen: auf Peter Rühmkorf, den klugen, raschen Denker, den Virtuosen der kleinen Form, den begnadeten Tagebuchschreiber. Neben diesen Bruder Schnellfuß wird nun ein Bruder Schwerfuß treten. "Ach dieser Bruchladen, diese broschierte Pracht!", hatte Peter Rühmkorf im August 1961 in der "Alternative" ausgerufen. Vielleicht wird sich auch diese Nachbarschaft noch als fruchtbar erweisen.

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