Wallraff und die "Satanischen Verse" Jämmerlich durchgefallen

Günter Wallraff darf Salman Rushdies "Satanische Verse" nun doch nicht in einer Kölner Moschee lesen. Damit sind die Muslime bei ihm ganz unten durchgefallen bei seinem persönlichen Integrationstest.

Von Sonja Zekri

Es ist schwärzester Undank. Da reibt sich einer auf, riskiert sein Leben, und kommen ihm die Muslime auch nur einen Millimeter entgegen? Aber woher. Der Schriftsteller Günter Wallraff darf die "Satanischen Verse" von Salman Rushdie nicht in der geplanten Moschee in Köln-Ehrenfeld lesen, ja, nicht mal auf dem Moschee-Gelände.

Günter Wallraff darf die "Satanischen Verse" nicht in der Moschee in Köln-Ehrenfeld lesen. Der Moscheeverein Ditib lehnte ab.

(Foto: Foto: AP)

Erste Reaktionen des Moscheevereins Ditib nach Wallraffs Angebot im Sommer klangen unentschieden, aber nicht ablehnend. Nun, zwei Wochen nach einem Treffen mit Wallraff, beschied Ditib allerdings, eine solche Lesung komme "sicherlich nicht in Frage". Falsch, ganz falsch! Die Lesung wäre ein Segen, eine Erlösung.

So könnten die Muslime jedermann sichtbar ihre Toleranz beweisen, schließlich begreift Wallraff sein Angebot als "Integrationstest". Die Muslime sind jämmerlich durchgefallen, den Ditib-Präsidenten Sadi Arslan bezeichnete Wallraff gar als "Aufpasser, Wächter, Abschirmer im Auftrag des türkischen Staates".

Doch Wallraff sieht das Potential. Als er nun erklärte, die al-Qaida-nahe Gruppe Islam News Center habe im Internet Morddrohungen gegen ihn ausgestoßen, weshalb er unter Polizeischutz stehe, verurteilten die Kölner Muslime dies "aufs Schärfste" und Wallraff konnte einen schönen Lernerfolg verbuchen.

Ähnlich lange brauchte übrigens auch der schwedische Künstler Lars Vilk, bis muslimische Fanatiker ihn ernst nahmen. Bereits im Juli hatte er drei Zeichnungen von Hunden mit dem Kopf des Propheten im Heimatmuseum Tällberg ausgestellt, wo sie bald abgehängt wurden. Erst jetzt aber reagierten Fundamentalisten. In Pakistan brannte die schwedische Flagge. Nun sei er wohl ein "kleiner Rushdie", erklärte Vilk zufrieden.

Zurück nach Köln. Dort schmiedet Wallraff neue Pläne. Er wolle in die Türkei reisen, um mit Vertretern des Amtes für religiöse Angelegenheiten "ein ernstes Gespräch" über seinen Vorstoß zu führen, kündigte er an. Genau!, möchte man rufen: Endlich!

Eine Islam-Debatte in der Türkei - wie originell, wie radikal! Für die Bibliothek der Moschee möchte Wallraff zudem Bücher spenden, ein "Care-Paket mit Weltliteratur" schnüren. Auch dies ein großherziger, weitblickender Gedanke, der nur noch gekrönt würde, wenn Wallraff auch Messer und Gabel oder ein Stück Seife spenden würde. Wer in Anatolien erst vor drei Wochen vom Esel gestiegen ist, kann jede Unterstützung brauchen.

Wallraff, der mit Büchern wie "Der Aufmacher" und "Ganz unten" voller Empathie das prekäre Milieu ausgeleuchtet hat, erklärte unlängst, er fühle sich getrieben, "Unrecht im Selbstversuch zu erleben und dann darüber Zeugnis abzulegen". Vielleicht wird er eines Tages über Wasser laufen. Oder, etwas profaner: Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht, hat ein großes Massenblatt mal geschrieben. Da war es ausnahmsweise ganz nah bei Wallraff.