Vermutlich ist diese biedere Hütte im Wald ein Schwarzbau. Davor stehen ein Marienandachtsbild und eine schwarze Restmülltonne, Bio-, Papier- und gelbe Tonne aber fehlen. Ähnlich ungenügend sind denn auch die Manieren des Hüttenbewohners, Hunding heißt dieser harte Finsterling. Er ist ein grober Jäger oder gar ein Wilderer, der gern betet und seine Frau schlimm, schlimmer, am schlimmsten behandelt. Wer Richard Wagner kennt, ist von solchen Untugenden nicht weiter überrascht, schließlich wimmeln seine Opern vor Musterbeispielen toxischer Männlichkeit, sympathisch ist keiner. Und Dirigent Vladimir Jurowski liefert dazu im Münchner Nationaltheater den passenden Soundtrack, mal wild motorisch, mal jäh ausbrechend, immer dunkel und gern bedrohlich.
Die diesjährigen Münchner Opernfestspiele eröffnen mit der an Ort und Stelle fast auf den Tag genau vor 156 Jahren uraufgeführten „Walküre“, dem zweiten Stück des in der Apokalypse endenden Vierteilers „Der Ring des Nibelungen“. Vladimir Jurowski wie Regisseur Tobias Kratzer machen durchgängig klar, dass es hier um eine unablässige Folge von Menschenjagden geht. Im finsteren Wald jagt Ain Anger, ein in jeder Hinsicht mächtiger Hunding, mit seinem Gewehr den Beau Siegmund – Joachim Bäckström singt sich kultiviert mit enormer Stimmkraft in die Herzen des am Ende sehr begeisterten Publikums. Dann rast Siegmund in Hundings Lada mit dessen Frau davon. Die warm wie resolut von Irene Roberts gesungene Sieglinde ist seine verloren gegangene Zwillingsschwester, was die beiden nicht hindert, Inzest!, in der Pause des ersten Akts einen Sohn zu zeugen.

Das alles ist schon ziemlich irre, aber Wagner setzt noch eins drauf. In Kratzers bis dahin recht unfriedlichen deutschen Wald brechen bald der Götterchef Wotan und seine Walküren ein. Ausstatter Rainer Sellmaier zeigt die Göttlichen so, wie sie zu Wagners Zeiten auf die Bühne kamen: mit geflügelten Helmen, Langspeeren, bodenlangen Kampfgewändern (puh, bei der Hitze!). Das ist frech und komisch, bald gewöhnt man sich dran. Gewöhnungsbedürftiger ist im zweiten Akt die gefühlt endlose, weil arg diskurslastige Abfolge von fünf Dialogen, die von Jurowski recht breit ausdirigiert wird. Mehr Tempo und/oder Striche wären für alle Beteiligten hilfreich.
Apropos toxische Männlichkeit: Wotan ist deren unbestrittener Großmeister, da können selbst Trump et al. noch etwas lernen. Der Chefgott hat sich in seiner hemmungslosen Machtgier politisch wie privat völlig verrechnet, was Nicholas Brownlee mit nicht nachlassender Energie, viel Wut und zunehmenden Frust zeigt, den er als weise Einsicht ins Unvermeidliche darzustellen versucht. Doch Speer, Flügelhelm und Tapsigkeit machen aus ihm den Popanz, der er ist. Sein Machtverzicht ist alles andere als freiwillig. Dieser nicht allzu helle Wotan hat die Weltherrschaft angestrebt, sich von einem windigen Berater hereinlegen lassen (woran erinnert das nur?), drei Familien zum Machterhalt gegründet und ist zuletzt gezwungen, seine beiden Lieblingskinder zu opfern. Ach, der Göttermann kann, obwohl unfähig und ätzend, einem durchaus leidtun.
Erst im Schlussakt findet die Neuinszenierung aus dem deutschen Wald heraus und bietet ganz großes Operntheater
Im Schlussakt finden Regisseur Tobias Kratzer und sein Team dann endlich aus dem von ihnen aufgepflanzten finsteren Wald heraus. Der so legendäre wie immer wirksame Walkürenohrwurmritt lodert aus dem Orchestergraben heraus, und dazu liefert das Videoteam, sonst eher mit tiefenpsychologischen Familienaufstellungen beschäftigt, spektakuläre Bilder, die das Publikum zu Lachsalven animieren.

Im Film fliegt die Wotan-Tochter Brünnhilde per Hubschrauber über München, die Anspielung auf den Film „Apocalypse now“ ist süffisant witzig. Brünnhilde, das ist ihr Job, hält Ausschau nach Heldenmännern, die sie für Wotans aus Gefallenen bestehendes Schattenheer rekrutieren könnte. Dieser Gedanke ist seltsam, in der Mythologie begründet und typisch Wagner. Brünnhildes in Sachen Männerjagd nüchtern versierte und sich in den Blutrausch jubelnde Walküren-Schwestern erledigen derweil die Drecksarbeit. Sie reiten in ihrer Germanenkluft mit Speer und Flügelhaube an der Münchner Residenz und staunenden Passanten vorbei in den Hof- und den Englischen Garten, sammeln ertrunkene oder vom Rad gestürzte Männerleichen ein, die sie dann im Königssaal des Nationaltheaters – der Nachbau entzückt – wieder liebevoll herrichten, waschen und neu als Kämpfer für Wotans verlorene Sache einkleiden. Endlich ist der kleinbürgerliche Mief, auch das ist Wagner, der beiden Wald-Akte passé, Mythos und Theaterirrsinn und große Oper machen sich beglückend breit, der Gesang eskaliert wie auch das Orchesterspiel: Bravi!
Weil die Männer bei Wagner allesamt machtbesessene Nichtsnutze und Dreinschläger sind, müssen, logisch, die Frauen die Welt retten. Wotans Gemahlin Fricka erteilt dem Poltergott eine brillante Lektion in Logik und Ethik, der er intellektuell nichts entgegensetzen kann und sich deshalb ins finale Jammern flüchtet: „Nur Eines will ich noch, das Ende.“ Zudem gibt Ekaterina Gubanova ihrer Fricka noch einen menschlichen Schuss Eifersucht und Bosheit mit, sie genießt leise triumphierend.
Und die Titelheldin, die Walküre vulgo Brünnhilde? Sie ist die wahre Heldin, sie wird alles richten, was ihr Papa verkorkst hat. Und zwar nicht, weil sie muss oder ein allmächtiges mythologisches Schicksal sie dazu zwingt, sondern weil sie nach und nach und anders als die Wagner-Männer begreift, was zur Weltenrettung nötig ist. Miina-Liisa Värelä ist eine resolute Frau, die dem mächtigen Gedröhn ihres zwischen Sentimentalität und Patriarchengeprotze zerrissenen Wotan-Vaters, Nicholas Brownee zeigt das betörend hilflos, vokal Paroli bieten kann.
Aber Väreläs Deutung geht viel weiter. Sie zeigt eine Frau, die sich aus der sklavischen Bevormundung durch den abgöttisch geliebten Despotenpapa befreit, sich emanzipiert und dabei das Wunder vollbringt, sowohl die eigenen Interessen als auch die des Vaters gleicherweise zu realisieren. Nebenbei rettet sie dann auch noch die Welt, aber das passiert final erst im vierten und letzten „Ring“-Teil, in der „Götterdämmerung“, sie kommt in München in einem Jahr auf die Bühne. Das alles funktioniert, weil Väreläs Walküre intelligent, weitblickend, feinfühlig, erotisch und als Diplomatin äußerst geschickt ist. Die Frau setzt ihre Ziele argumentierend durch: Chapeau!


