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Wagner an der Deutschen Oper Berlin:Alles im Fluss

DAS RHEINGOLD, Regie: Stefan Herheim, Premiere: 12.6.2021, copyright: Bernd Uhlig

Diesem Flügel, hier gespielt von Alberich (Markus Brück), entsteigen so allerhand Töne und Gestalten.

(Foto: Bernd Uhlig)

Stefan Herheims fantastisch-ironisch-rasantes "Rheingold" an der Deutschen Oper Berlin.

Von Wolfgang Schreiber

Mit einem provozierend prosaischen Bild beginnt das "Rheingold": Auf die leere Bühne, darauf nur ein Konzertflügel, schlurfen flüchtende Menschen mit ihren Koffern, fluten den Raum. Trostlose Menschheitsgegenwart. Die Migranten halten inne, ihr Wotananführer tippt stumm das tiefe Es auf die Klaviatur, das Spiel kann beginnen - die Musik.

Die Flüchtlinge sind nicht wir, die zählbar ausgedünnt und maskiert jetzt im Opernhaus "physisch" zuschauen dürfen, durchgetestet oder geimpft, dank Personalausweis kontrolliert. Und um Migrantenschicksale geht es erst recht nicht in der Musik selbst, den 136 Takten des wogenden Es-Dur-Dreiklangs, dem berühmten, die Tiefe des Stroms auslotenden "Rheingold"-Vorspiel. Von dort klingt die Parabel von der unschuldigen, unversehrten Schöpfung herauf. Sir Donald Runnicles, Musikchef der Deutschen Oper, macht die Naturmystik des tiefen Orchesterstroms zur romantischen Gegenwart allein dieser Musik.

Der norwegische Regisseur Stefan Herheim verteidigt das Bild der herkunfts- und ziellos Fliehenden samt ihren schäbigen Koffern, diese verschlissene Theatermetapher. Den Einwand, die Koffer seien "abgegriffen", lässt er im Hausgespräch nicht gelten, vergleicht ihn nur mit der "Forderung mancher Parlamentarier im heutigen Bundestag, über ein Kapitel deutscher Geschichte endlich hinwegzukommen, das die Vernichtung ganzer Völker systematisierte, die zivilisierte Welt in Flammen steckte und sie für immer veränderte".

Hier wird Musik zum Impuls, die Darsteller in Bewegung zu zeigen

Ein Universalhistoriker, Jahrgang 1970, am Regiepult der Phantasie. Seinen Bayreuther "Parsifal" hatte Stefan Herheim vor Jahren in eine berauschende Kolportage zeit- und ideologiekritischer Spekulationen und Bilder verwandelt, das reichte vom kompromittierten Bayreuther Festspielhaus über Weltkriegssanatorien bis in den neuen Bundestag hinein. Und das muss in der wilden Menschheitserzählung vom "Ring des Nibelungen" - die pandemiebedingte Neuverteilung der vier Musikdramen ist in Berlin kompliziert genug - nicht so politikaffin bleiben. So macht Herheim jetzt im "Rheingold" die Musik zum Impuls, die Darsteller in dynamischen Körper- und Beziehungsaktionen zu zeigen.

Der stumm dominierende Konzertflügel war schon in seiner vorgezogenen "Walküre", zwischen zwei Lockdowns letzten September in der Deutschen Oper, die zentrale Musikmetapher gewesen. Denn das Klavier, an dem Wagner ja komponiert hat, meint der Dialektiker Herheim, sei "ein musikalisch-optisches Tor zur Phantasie und bleibt dennoch ein alltägliches Vehikel der im Moment zu schaffenden Kunst". Der Konzertflügel wird pantomimisch von einzelnen Göttern ungehört "bespielt", als Plattform benutzt und sogar bestiegen, auf ihm turnt streitend die Sippe Wotan, Fricka & Co. Praktischerweise dient er auch als eine Art Falltür in die Versenkung - dem Souffleurkasten entsteigt Urmutter Erda (Judit Kutasi), sie kennt unten das Ende, weiß, wie "alles" wird.

Um seine Maximen und Reflexionen nicht in die Opernblässe zu führen, bedient sich Herheim einer opulent spielerischen Bewegungsregie, fordert der gesamten Sänger- und Mimentruppe ein Maximum an Körperaktivität ab. Aus den dumpfen Migranten des Anfangs beispielsweise wird, sobald die feixenden Rheintöchter mit dem geilen Alberich im Wasser um Gold und Liebe zu streiten beginnen, eine rhythmisch choreografierte Menschenmasse wogender Emotionen und entledigen sich, bis auf die Unterwäsche, ihrer Alltagskleider.

DAS RHEINGOLD, Regie: Stefan Herheim, Premiere: 12.6.2021, copyright: Bernd Uhlig

Regisseur Herheim hat die Beziehungskiste der "Rheingold"-Götter unterhaltsam und farbenfroh inszeniert.

(Foto: Bernd Uhlig)

Das Prinzip des Spielens, verspielter Phantasie, beherrscht die Aufführung. Reichlich entfachen Stefan Herheim und Silke Bauer einen stämmigen oder nur flatternden Bühnenzauber, die Belustigung der Akteure mit Objekten und Motiven. Die Koffer dienen diversen Spaß- und Bluff-Aufstapelungen, die Migranten bleiben über die ganze Dramenstrecke im existentiellen Einsatz.

Die Solistinnen und Solisten dürfen ihre vokale Kraft und spielerische Berufung brennend intensiv aufbieten: Wenn Alberich (gewaltig Markus Brück) des Rheines Gold raubt, schwingt er triumphierend eine goldene Trompete. Wotan (der jugendlich frische Derek Welton) stößt das Schwert Nothung brutal in die Tastatur des Flügels. Aus dem Halbgott Loge (Thomas Blondelle) ersteht eine schrill bezaubernde Mephisto-Figur, aus dem listigen Mime (Ya-Chung Huang) dank einer Maske frecherweise ein Richard-Wagner-Double. Und dass sich die Jugendgöttin Freya (Jacquelyne Stucker) schwärmerisch in den derben Riesen Fasolt (Anrew Harris) verliebt, erscheint kaum abwegig. Dass diesen Bruder Fafner (Tobias Kehrer) dann nur mit einem Hämmerchen tötet, dürfte nur eine kleine Untat sein. Die Nebengötter Donner (Thomas Lehman) und Froh (Matthew Newlin) leisten mehr komödiantische Arbeit als sonst üblich. Verblüffend Wotangattin Fricka (Annika Schlicht), da sie die weiblich findige Ordnung weniger keifend einfordert als warmherzig charakterisierend begehrt. Etwa so, wie Donald Runnicles die symphonischen Fluten bändigt.

Stefan Herheim hat die Beziehungskiste der "Rheingold"-Götter spielend scharf strukturiert, sie mit Theaterweitsicht und Ironie vorgeführt - im "Seelenraum der Musik", wie er die Opernbühne nennt. Dort kann er demnächst als neuer Intendant am innovationsaffinen Theater an der Wien alles opernmusikalisch Weitere durchexperimentieren.

© SZ/clu
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Pressebilder:  Preisträgerin: Tabea Zimmermann 6 © EvS Musikstiftung/Rui Camilo

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