bedeckt München 24°

Alex Ross' Buch "Die Welt nach Wagner":Komponist und Hetzer

A visitor takes a picture of a bust of German composer Richard Wagner at the Richard Wagner Museum in Bayreuth

Fast irreales Phänomen globaler Wirkung: Wagner-Büste im Bayreuther Wagner-Museum.

(Foto: Staff/REUTERS)

Alex Ross' eindrucksvolles Buch über den Einfluss des Komponisten Richard Wagner auf Kunst und Leben des 20. Jahrhunderts - und die Frage, ob man als Verehrer der Musik Wagners auch den ideologischen Ballast auf sich nimmt, der sie umgibt.

Von Helmut Mauró

Was bleibt von Richard Wagner, wenn man mal nicht über seine Musik redet? Viel! Der Komponist hat die ganze Welt verrückt gemacht, weit über die Grenzen der musikalischen Zirkel und Operngänger hinaus. Er hat Malerei und Architektur beeinflusst, Literatur und Philosophie, Sexualität und Geschlechterrollen, Religion und Klassenkampf. Er stand 1849 in Dresden selbst auf den Barrikaden, erfand das Musiktheater neu, brüskierte sein soziales Umfeld, wo immer es Gelegenheit dazu gab, spannte seinem größten musikalischen Förderer Hans von Bülow die Frau aus und hetzte in seinem gleichnamigen Aufsatz "Gegen das Judenthum in der Musik". Kurzum, ein musikalisches Genie, dem man auf einer Cocktail-Party wahrscheinlich aus dem Weg gehen würde.

Wahrscheinlich kann man sich ihm nur lauthals schimpfend nähern, mit einer nietzscheanischen Hassliebe, sich an die Stirn fassend, immer wieder staunend vor seiner Kunst, seiner Besessenheit im Guten wie im Bösen. Der Klassik-Kritiker des New Yorker, Alex Ross, hat sich in seinem neuen Buch "Die Welt nach Wagner", wie Hunderte Musikologen, Psychologen, Philologen und Philosophen vor ihm, auf die Suche nach dem Musiker, dem Menschen und dem Monster Wagner gemacht. Der Musiker kommt diesmal zu kurz, stattdessen verschmelzen Künstler und Monster zu einem schier irrealen Phänomen globaler Wirkung, das Ross schlicht "Wagnerismus" nennt.

Es ist ein sperriger, etwas konstruierter Begriff, weit aus dem Französischen der 1880er-Jahre hergeholt. Die Wagner-Begeisterung eines großen Teils der französischen Intellektuellen ließ auch nach dem verlorenen deutsch-französischen Krieg nicht nach. Man sah Wagner nicht als Deutschen, sondern als Europäer. Ross schreibt, Baudelaire "ignoriert, dass Wagner Deutscher ist, und kritisiert die Borniertheit, die viele Franzosen dazu verleitet hat, ein Werk von höchster Bedeutung abzulehnen".

Es gab auch in Frankreich viele Wagner-Gegner, aber die beriefen sich auf kunstästhetische Kategorien, nicht auf nationalistische. Ihnen war Wagner zu modern, zu formlos, zu zukunftsverliebt. Also genau das, wofür die Symbolisten schwärmten. Mallarmé, Verlaine, Cézanne, Gaugin, van Gogh beriefen sich auf Wagner, die Zeitschrift "Revue wagérienne" versammelte einschlägige Interessenten, die Oper "Tristan und Isolde" stürzte sie in einen mentalen Rausch.

Wagner stand für alles, was Wunsch, Traum und Zukunft war

Der Wagnerkult, le Wagnérisme, kannte kaum Grenzen, Wagner stand für alles, was Wunsch, Traum und Zukunft war, Wagner war la vie moderne. Baudelaires Begeisterung für Wagner ist legendär, das Vorspiel zum Lohengrin haut ihn um: "Ich fühlte mich befreit von den Banden der Schwere, und ich fand durch die Erinnerung das außerordentliche Wohlgefühl wieder, das an hohen Orten in der Luft liegt (...). Und dann malte ich mir unwillkürlich den wonnevollen Zustand eines Menschen aus, der in einer völligen Einsamkeit einer großen Träumerei anheimgegeben ist, jedoch in einer Einsamkeit mit unermesslichem Horizont und breit sich ergießendem Lichte (...). Ich hatte ganz die Vorstellung von einer Seele, die sich in einer lichthellen Umgebung bewegt, einer Extase, aus Wonne und Erkenntnis geboren und hoch und ferne schwebend - über der natürlichen Welt!"

Baudelaire war aber kein blinder Schwärmer. Er zieht Schlüsse aus eigenem und fremdem Erleben. Er war überzeugt, dass Wagners Musik, "die wahrhafte Musik verschiedenen Gehirnen analoge Ideen suggeriert", dass sie die "unteilbare Totalität" der göttlichen Schöpfung widerspiegelt.

Alex Ross, geboren 1968, studierte in Harvard und ist seit 1996 Klassik-Kritiker des "New Yorker". 2009 erschien sein preisgekröntes Buch "The Rest is Noise", eine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

(Foto: David Michalek/Rowohlt Verlag)

Einige Kollegen Baudelaires dagegen fürchteten nicht nur die Überwältigungsmacht der Musik, sondern vor allem die literarisch-dramatischen Neuerungen, die brutalen ästhetischen Umbrüche, Wagners Versuche auf literarischem Boden. Den wollte man verteidigen. Der Schriftsteller Stéphane Mallarmé forderte seine Kollegen auf, sich dieses Gebiet zurückzuerobern, sich vom Musikdrama "zurückzuholen, was uns gehört".

Der Wagner-Diskurs beherrschte die Zeit. In Deutschland berichteten die Bayreuther Blätter über alles, was mit Wagner zu tun hatte, auch in Frankreich gab es ein eigenes Wagner-Magazin, ebenso in Italien und schließlich sogar in Großbritannien, wo man von Wagners Opern oft nur den Hochzeitsmarsch aus "Lohengrin" kannte, diesen aber gleich als Standardmusik zur Eheschließung festlegte. Da waltete ein Pragmatismus wie im Opernhaus, wo man der Meinung war, Oper sei italienisch, weswegen alle Opern auf italienisch gesungen wurden. Auch die von Wagner.

Eine Sache an dem Werk allerdings wird die Wagnerianer abschrecken

Ross lässt all dies wieder aufleben, sei es im Bezug zur Wiener Secession, zu satanischer Literatur, zum viktorianischen England oder, natürlich, zu Hitler. Was allerdings neu ist: Dass der ganze Wagner-Wust in einem fast lässigen, journalistischen Ton - flüssig übersetzt von Gloria Buschor und Günter Kotzor - heruntererzählt wird, ganz in der angelsächsischen Sachbuchtradition. Was den Wagnerianer vielleicht abschrecken könnte: Es wird nicht über Musik geredet. Über Malerei, Schriftstellerei, Architektur, das schon, aber nicht über Musik. Vielleicht hätten für Wagners musikalische Wirkung auch 800 Seiten nicht ausgereicht, vielleicht wollte Ross nach seinem Bestseller "The Rest is Noise" keinen Flop riskieren. Das Interesse an Wagner minus Musik scheint jedenfalls vor allem in den USA größer als die Diskussion über sperrige Harmonien und die Auflösung der traditionellen musikalischen Formensprache.

Vielleicht erklärt das auch den stellenweise problematischen Umgang mit gängigen Begriffen, etwa dem im Zusammenhang mit Wagner seit 1851 etablierten Begriff "Zukunftsmusik". Er wird immer mit "Musik der Zukunft" übersetzt, womit seinerzeit aber Werke von Chopin, Liszt und Berlioz bezeichnet wurden. Brisanter ist die Verwendung von Nietzsches "Übermenschen", den Ross in den Dunstkreis der Nazi-Ideologie rückt, als sei er der Zwillingsbruder des Untermenschen. Auch der ganze Wagnerismus, der nach und nach pathologische Züge annimmt, gerinnt im Laufe des Lesens unversehens zur Nazi-Ideologie. "Die Version der Nationalsozialisten ist die bekannteste Ausprägung des Wagnerismus", schreibt Ross.

Für den anvisierten ideologischen Kurzschluss schiebt er den Philosophen Alain Badiou mit der Behauptung vor: "Der Begriff 'protofaschistisch' wurde praktisch für Wagner geprägt." Und Ross ergänzt: "Dieser Zusammenhang ist kein Zufall." Und wenige Sätze später: "Trotz ihrer inneren Widersprüche war die Weltanschauung des Komponisten die Keimzelle der NS-Ideologie." Wagner ist Antisemit, er ist aber nicht die Keimzelle der NS-Ideologie, die sich ja nicht im Antisemitismus erschöpfte.

Wagners Rassismus und Antisemitismus erscheinen als Ausdruck einer individuellen Entgrenzung

Man kann schlechterdings auch nicht, wie dies Ross leider tut, den amerikanischen Rassismus zur Zeit der Sklavenhaltung mit dem deutschen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts gleichsetzen, der nicht mit Sklaverei, sondern - im Gegenteil - mit der allmählichen Gleichstellung der Juden in Deutschland einhergeht.

Wagners Rassismus und Antisemitismus werden nicht kontextualisiert, sondern erscheinen vielmehr als Ausdruck einer individuellen Entgrenzung, radikal wie seine übrigen Ansichten und Interessen, einschließlich aller möglichen Widersprüche. Gerade die scheinen den Komponisten anzuregen, sind Quelle seines künstlerischen Tuns und Denkens. So ist er von jüdischer Kultur fasziniert, studiert jüdischen Mystizismus, sucht Parallelen im Christentum und arbeitet in sein "Bühnenweihfestspiel" "Parsifal" kabbalistische Riten ein. Den Kindern liest er Lessings "Nathan der Weise" vor und kann sich angesichts des Theaterbrandes in Wien mit 400 jüdischen Toten den "heftigen Scherz" nicht verkneifen, alle Juden sollten bei einer Aufführung des "Nathan" verbrennen. Infam und rassistisch, ja. Außerdem sind für Wagner Juden "das Symptom einer weitverbreiteten Seuche", und die ist der "die Unschuld würgende Dämon" des Goldes.

Dann wieder geht es um Rassetheorien, etwa die weit verbreitete von Arthur de Gobineaus, dass alle Menschenrassen aus eigenen Ursprüngen entstanden sind, wobei die weiße Rasse die erhabenste sei. Das freute weiße Rassisten in den USA, wo Gobineaus Schriften schon 1865 in Übersetzungen zu lesen waren. Wagner bezweifelt, dass die Rasse-Hierarchie unabänderlich sei, er glaubt an die reinigende Kraft des Blutes Christi. Das "dürfte den niedrigsten Racen zu göttlichster Reinigung gedeihen". Christus selbst gehört dabei keiner Rasse an.

Zutreffend schreibt Ross, dass es in Wagners Opern keine Juden gebe. Keinen Fagin wie in "Oliver Twist", keinen Svengali wie in George de Mauriers "Trilby" und keinen hakennasigen Börsenmakler wie in Degas' "Portraits à la Bourse". Doch spätestens seit Adornos "Fragmente über Wagner" von 1939 wird man in Mime und Alberich "Judenkarikaturen" sehen, ebenso Beckmesser in den "Meistersingern". Auch die "Nibelungen"-Zwerge werden oft in diesem Zusammenhang genannt, nicht zu vergessen die düstere Verführerin Kundry im "Parsifal".

Es gibt da vieles in vielem zu sehen, Ross löst das Dilemma so auf: "Es gibt nicht nur hell und dunkel, gut oder böse, oben oder unten." Letztlich gehe es um die Frage, ob man als Verehrer der Musik und Musikdramen Wagners auch dessen ideologischen Ballast auf sich nehme. Ross sagt ja, aber es gebe einen Ausweg. Er beruft sich dafür auf den schwarzen Vorkämpfer und Wagnerianer Du Bois sowie auf Shakespeare und verweist auf die Bedeutung der Einbildungskraft im Theater, die es ermögliche, ein "doppeltes Bewusstsein" zu entwickeln.

Der Aufsatz wäre so gerne ein Manifest geworden und ist doch nur ein großmäuliges Pamphlet

Wichtig wäre auch die Rolle des Redakteurs der Neuen Zeitschrift für Musik, der Wagners Aufsatz ins Blatt hob, der gedruckte Rede und Gegenrede moderierte, zur Veröffentlichung die Fußnote anbrachte: "Mag man die darin ausgesprochenen Ansichten theilen, oder nicht, Genialität der Anschauung wird man dem Verf. nicht abstreiten können." Genialität bedeutete damals eher Originalität, dennoch, das ganze Hin und Her, angefangen von der Kritik Theodor Uhligs, die Aufgeregtheit über Meyerbeers "Le Prophète", die Verquickung von Nationalbestreben und Antisemitismus, endlich die Selbst-Ermutigung Wagners, seinen zunächst noch unter Pseudonym veröffentlichten Aufsatz "Das Judentum in der Musik" stolz mit Klarnamen im Sonderdruck herauszugeben - dieses ganze nationalistische Wabern und antisemitische Weben wäre wichtig zum Verständnis von Wagners Aufsatz, der so gerne ein Manifest wäre und doch nur ein großmäuliges Pamphlet geworden ist.

Auch hier darf man nicht die Größe des Komponisten Wagner für den Politiker Wagner zum Maßstab nehmen. Der Aufsatz taugt jedenfalls nicht dazu, den ganzen europäischen Antisemitismus seit dem Mittelalter und den Antisemitismus der Nationalsozialisten zu erklären. Es gibt starke Verbindungen, keine Frage, aber - trotz großer philologischer und philosophischer Anstrengungen in diese Richtung - den direkten Weg von Wagner nach Ausschwitz gibt es nicht. Dies nicht deutlich zu machen, sondern vielsagend im Dunkeln zu lassen, kann man dem sonst so klarsichtigen und fleißigen Autor vorwerfen.

Man erfährt im Buch allerdings auch, dass Wagner nicht nur Spalter ist. Es gibt nicht bloß fanatische Anhänger und glühende Verächter, wie es oft und gerne behauptet wurde, um dem Werk etwas Sektenhaftes einzuschreiben. Es gab natürlich die barfuß nach Bayreuth pilgernden Sektierer, aber das waren weniger Anhänger als Stalker. Musik ist nicht ideologisch, Theaterformen auch nicht. Und was der Mensch und Künstler darüber hinaus denkt, sagt und schreibt, gehört zum Menschen und vielleicht zum Künstler, aber nicht zum Werk. Das alles wurde in den vergangenen Jahrzehnten gerne zusammengerührt, um bestimmter Effekte willen. Es muss wieder getrennt werden, was im Buch nicht durchgehend gelingt. Dennoch ist es ein höchst lesenswerter Aufriss der Wagnerschen Wirkungsgeschichte.

Alex Ross: Die Welt nach Wagner. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 907 Seiten, 40 Euro.

(Foto: David Michalek/Rowohlt Verlag)
© SZ/crab
Zur SZ-Startseite
New Year's Day celebrations amid the COVID-19 restrictions in London

SZ PlusZukunftsängste
:Was wäre, wenn ...

... es 2020 keine Pandemie gegeben hätte? Diese Frage ist nicht müßig, nein, es ergeben sich eine ganze Reihe von Anschlussfragen. Über die Macht des Zufalls und die Wichtigkeit historischer Erkenntnisse.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB