Waffenrecht in den USA Der Bürger als Waffenträger

Wer Gewehre mag, erkennt hier möglicherweise eine amerikanische Idylle, alle anderen dürfte es schaudern: Ostern in Oregon 2014.

(Foto: Christian Heeb/laif)

In der Verfassung steht klipp und klar, dass jeder Bürger Waffen tragen darf? Fast alle Amerikaner glauben das - obwohl es gar nicht stimmt.

Gastbeitrag von Jan-Werner Müller

Am Samstag wird in Hunderten Städten in den USA ein March for Our Lives stattfinden, ein Marsch für unser Leben. #NeverAgain, ein Zusammenschluss von Überlebenden des Massakers in der Schule in Parkland, Florida, hat zu dieser Verteidigung des nackten Lebens aufgerufen. Mit dem Marsch wollen die Organisatoren und Protestierenden dem Wahnsinn der so gut wie freien Verfügbarkeit halb automatischer Waffen ein Ende setzen.

Die Teenager - denn vor allem Jugendliche haben ihre Stimmen erhoben - mussten sich von der Waffenlobby viel anhören. Sie seien bei ihren Auftritten manipuliert worden, heißt es, oder sie seien gar trainierte Schauspieler. Ein Argument darf nie fehlen: Wer Waffenbesitz rigoros beschränken will, entlarve sich als Verfassungsfeind. Denn stehe in der Verfassung nicht klipp und klar, dass jeder Bürger Waffen tragen dürfe?

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Das Schulmassaker in Florida könnte für viele Teenager der Gründungsmythos des eigenen Aktivisten-Ichs werden - zu Besuch in zwei Schulen in Washington, D.C. und Virginia.

Das stimmt zwar nicht, aber dass es fast alle Amerikaner glauben, hat nicht nur mit der Macht der National Rifle Association (NRA) zu tun, sondern auch mit Juristen, zum Teil sogar linksliberalen Rechtswissenschaftlern, die das Verfassungsverständnis im vergangenen Vierteljahrhundert grundlegend verändert haben.

1791 wurde die Bill of Rights angenommen. Sie umfasste die ersten zehn Zusätze zur Verfassung, und sollte vor allem jene Amerikaner zufriedenstellen, die fürchteten, der neue Bundesstaat könne die Bürger ohne spezifische Rechtsgarantien unterdrücken. Der zweite Verfassungszusatz - jener über den Waffenbesitz - blieb daraufhin aber fast zwei Jahrhunderte lang ein Stiefkind der amerikanischen Juristen. Nur über ein anderes Amendment wurde noch weniger geschrieben, nämlich das dritte, welche es der Bundesregierung verbietet, Soldaten in Privathäusern ohne Erlaubnis der Besitzer einzuquartieren.

Sprachlich war der Zusatz ein Graus: eine fast lateinische Konstruktion, wilde Kommata

Es galt als ausgemacht, dass es sich beim Zweiten Verfassungszusatz nicht um ein individuelles Recht auf Waffenbesitz handelte, sondern um das Recht des Kongresses und der Bundesstaaten, streng regulierte Milizen aufzustellen. Die im Original geradezu lateinisch anmutende Konstruktion mit abenteuerlich gesetzten Kommata schien diese Lesart zu bestätigen: "A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed."

In den Achtzigerjahren aber wurden einige Juristen plötzlich kreativ. Der in Texas lehrende Sandy Levinson bezeichnete den zweiten Verfassungszusatz als eine Art "peinlichen Verwandten". Natürlich, so Levinson, sei man als Linker gegen den uneingeschränkten Waffenbesitz - aber irgendwie sei der Artikel doch auch "interessant". Bekanntermaßen hatte man aus anderen Passagen der Bill of Rights im 20. Jahrhundert viel für progressive Anliegen herausgeholt, man denke nur an das Recht auf Abtreibung. Nur: Was war bei einem Absatz über Milizen schon zu holen?

Levinson und einige weitere Juristen führten den zweiten Verfassungszusatz in die engagiert geführte Debatte über "Republikanismus versus Liberalismus" ein. Republikaner waren dabei nicht die Anhänger der großen rechten Partei, sondern die Vertreter eines Ideals von tugendhaftem kollektiven Engagement für das Gemeinwohl. Ihnen gegenüber stand der liberale Bourgeois, der nach seinem vor allem materiellen Glück im Privaten strebt.