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"Während wir feiern":Neben dem Unglück der anderen

Ulrike Ulrich: Während wir feiern. Roman. Berlin Verlag 2020. 272 Seiten, 22 Euro.

Ulrike Ulrichs kaleidoskopischer Zürich-Roman "Während wir feiern" zeichnet das Selbstbild und das Fremdbild der Schweiz nach.

Von Martin Ebel

Das Guggisberglied ist das älteste bekannte Volkslied der Schweiz. Das "Vreneli vom Guggisbärg" und "d Simes Hans-Joggeli von ännet dem Bärg" können, wie die deutschen Königskinder, zusammen nicht kommen. Ein trauriges Lied, das einst Schweizer Söldnern verboten war zu singen, weil es die Sehnsucht nach der Heimat, die "Schweizerkrankheit", unerträglich machte. Dieser Hintergrund wird mehr oder weniger vorausgesetzt im neuen Roman von Ulrike Ulrich, einer gebürtigen Deutschen, die seit 2002 in der Schweiz lebt - ebenso lang wie ihre Heldin Alexa Albrecht, eine deutsche Sängerin, die gerade den Einbürgerungsprozess durchläuft. Alljährlich gibt Alexa am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, ein Fest auf dem Dach ihrer Wohnung, und diesmal will sie dabei eine eigene Version des Guggisbergliedes zum Besten geben. Aus dem Vreneli wird die Schweizer Veronika, aus dem Hans-Joggeli der Albaner Hashim-Elmedin aus Elbasan, der "ausgeschafft" worden ist.

Das Lied ist "politisch, ein bisschen kitschig", und ein Festbesucher konstatiert: "Das Lied ist so vorhersehbar. Die Linken sind so vorhersehbar. Natürlich ein armer Secondo" (so nennen die Schweizer im Land Geborene "mit Migrationshintergrund"). Der Besucher steht natürlich der SVP nahe, der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei, die - wir schreiben das Jahr 2015 - gerade die Masseneinwanderungsinitiative gewonnen und eine weitere Volksabstimmung, die "Durchsetzungsinitiative", in Gang gesetzt hat, um die Ausschaffung zu automatisieren.

Es braucht einige Schweiz-Kenntnis, um die Bezüge dieses Buches zu goutieren, anders gesagt: Dieses Buch einer eingewanderten Deutschen ist helvetischer als das vieler "eingeborener" Schweizer Autoren.

"Während wir feiern" ist eine Art Kaleidoskop-Roman, mit jeder Drehung entsteht ein anderes Mosaik, weil jeweils eine andere Person auf die Welt schaut. Ulrike Ulrichs Vorbild dabei ist Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway", wo es auch um die Vorbereitungen zu einem Fest geht. Was für eine Welt schüttelt sich da zusammen? Das Buch zeige, rühmt ein Blurb des Kollegen Lukas Bärfuss, "wie sich das Leben im 21. Jahrhundert in einem der Herzen des Kapitalismus anfühlt". Eine Nummer kleiner stimmts: Es ist ein treffender Einblick in ein bestimmtes Milieu der Wirtschaftsmetropole Zürich, mit vielen topografisch präzisen Details. Die handelnden Personen sind gut situierte Angehörige akademischer, oft künstlerischer Berufe, die unter den Ansprüchen, die sie an das Leben stellen, ächzen. Auch das Fest bedeutet Stress, vor allem für Alexa, die zu spät mit der Vorbereitung begonnen hat und nun vergeblich nach Unterstützung Ausschau hält: "Wieso haben alle Kinder, wieso hat niemand Zeit, ihr zu helfen?"

"Es hätt zviil Tüütschi", sagt ein Arzt, und die deutsche Kollegin findet das ganze Bohei bescheuert

Es ist eine sich empathisch gebende Bürgergesellschaft, natürlich mit dem richtigen politischen Standpunkt und klarer Kante gegen rechts, theoretisch auch schnell bereit, einem abgewiesenen Asylbewerber Unterschlupf zu gewähren - außer, der eigene Sohn beansprucht die Mansarde, oder der Gatte hat etwas dagegen, oder man möchte die eigene Einbürgerung nicht riskieren. Oder, so geht es Zoltan, der jenen Tunesier Kamal betreut hat, man hat sich in ihn verliebt und kann ihn deshalb nicht in der eigenen Familie unterbringen.

Als Kamal dann in Panik vor einer Polizeistreife in die Limmat springt, mit dem Kopf aufschlägt und im Spital (der Berlin-Verlag hat einige Helvetismen als Lokalkolorit stehen lassen) notoperiert wird, überlegt sie kurz, das Fest abzubrechen. Aber "wir feiern doch ständig neben dem Unglück der anderen", so die ausformulierte Fassung des Titels.

So schüttelt das Kaleidoskop des Romans zusammen: Luxusprobleme wie "Alexas abwegige Lieblingssorge, noch vor der Einbürgerung gegen irgendein Gesetz zu verstoßen und ausgeschafft zu werden" und existenzielle Probleme wie die Kamals, der in Tunesien wegen seiner Homosexualität gefoltert wurde. Seine Topografie des unsicheren Fluchtortes Zürich - wo fällt man auf, wo nicht - ist dann auch eine ganz andere als die der Frage, wohin man schneller mit Auto oder Velo gelangt. Der Roman schüttelt weiter zusammen die glücklich etablierten Paare (mit durchaus offengehaltenen Optionen oder bittersüß erhaltenen Erinnerungen an Seitensprünge) und die unmöglichen (Zoltan und Kamal). Die Alten und die Jungen, hier der 17-jährige Robert und seine Peer-Group, bei der die Autorin ihren Erzählton durchaus erfolgreich verjüngt.

Die Schweiz ist dabei nicht nur Schauplatz, sondern auch immer wieder Thema. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Durchsetzungsinitiative (sie kam dann nicht durch) könnte das Land verändern, den Konsens kippen lassen. "Es hätt zviil Tüütschi" (es gibt zu viele Deutsche), sagt ein Arzt, und die deutsche Kollegin "findet das ganze Bohei bescheuert, das die Schweizer um ihre Schweiz machen". Darf sich die noch nicht eingebürgerte Alexa am Guggisberglied "vergreifen"? Sie tuts. Und riskiert damit ja nichts. Es ist bloß Kunst. Und der, dem es ums Leben geht, liegt im Koma.

Die Kaleidoskop-Form spiegelt auf den ersten Blick das schweizerische Selbstverständnis, eine Konsensgesellschaft zu sein, perfekt wider: Jeder kommt zu Wort und Ausdruck, oft glänzend formuliert. Auf den zweiten Blick zeigt gerade die Form in ihrer Diversität, dass der Konsens nur an der Oberfläche besteht. Darunter knirscht es in dieser Gesellschaft. Ulrike Ulrichs Blick ist vom Temperament her versöhnlich. In der analytischen Schärfe aber durchaus ein böser.

© SZ vom 21.07.2020

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