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Wacken-Open-Air:Göttliche Raserei

Wacken Open Air

Wacken Open Air 2014: Kein anderes deutsches Musikfestival ist weltweit so bekannt wie diese Heavy-Metal-Hölle.

(Foto: dpa)

Wer wirklich böse sein will, muss ganz schön gut sein: Wie Lemmy Kilmister und die weiteren aktuellen Inkarnationen von Dionysos und Bacchus beim 25. Wacken-Open-Air die Freuden und Tücken des Rausches zelebrierten.

Kurz die gute Nachricht vom Open Air in Wacken: Ian Kilmister hat diesmal durchgehalten, mehr oder weniger. Und jetzt noch einmal mit ein bisschen mehr Anlauf: Der Gott Dionysos, den die Römer Bacchus nannten, ist einer der ältesten der Antike, der durch ihn bezeichnete Sachverhalt, die Freuden und Tücken des Rauschhaften, gehört zu den anthropologischen Konstanten, seit der Mensch die alkoholische Gärung kennt.

Man hat Dionysos genauso wie Bacchus oft mit einem Gefolge aus Mänaden dargestellt, deren enthusiastische (und das heißt wörtlich: gotterfüllte) Raserei durch das fliegende Haupthaar kenntlich gemacht ist, und nicht selten sind auch lüsterne, bierbäuchige Satyrn dabei.

Die Bäuche dürften auch daran liegen, dass etliche der Künstler, denen wir diese Vorstellungen verdanken, aus dem Norden kamen, wo eher Hopfen wächst als Wein. Solche mythischen Figuren sind dafür da, den jeweils eigenen Umständen angepasst zu werden. Es spricht daher einiges dafür, dass die aktuellen Inkarnationen von Dionysos und Bacchus John Osbourne und eben Ian Kilmister heißen, Ozzy und Lemmy, wie ihre jeweiligen Mänadenscharen sie nennen.

Wacken Open Air

Lauter als die Hölle

Beide Briten, beide Langzeitüberlebende legendärer Intoxikationsexzesse, der eine ansonsten mit bleibenden Verdiensten um die Schwere in der Rockmusik, der andere mit solchen um die Kategorie der Geschwindigkeit, genauer: des Rasens.

Das fliegende Haupthaar ist da, die satyrnhafte Fokussierung gewisser Teile des Anhangs aufs Geschlechtliche, mitunter auch wirklich eindrucksvolle Bäuche, denn manche Strukturprinzipien bleiben stets die gleichen, auch wenn die Personifikationen wechseln.

Antike Götter vs. zeitgenössische Rocksänger

Der Vorteil von antiken Göttern gegenüber zeitgenössischen Rocksängern ist nur der, dass sie selbst nicht dem körperlichen Verfall durch das von ihnen Repräsentierte unterliegen. Während Ozzy Osbourne nach einem Rückfall in die alten Alkohol- und Drogensüchte zuletzt trotzdem wieder erstaunlich bravourös zweieinhalbstündige Monsterkonzerte mit Black Sabbath aufgeführt hat, musste Lemmy Kilmister seinen Auftritt auf dem Heavy-Metal-Festival von Wacken im vorigen Jahr nach noch nicht einmal einer halben Stunde wieder abbrechen: die Gesundheit.

Allerdings ist Osbourne inzwischen auch 65 und Kilmister sogar 69 Jahre alt. Die SPD, nur mal zur Erinnerung, hält schon deutlich Jüngere für nicht mehr arbeitsfähig, selbst wenn die nie Trinker oder drogensüchtig oder prägende Figuren des Heavy Metal waren.

Jedenfalls: Deshalb war dieses Jahr der Auftritt von Ian Kilmister, genannt Lemmy, mit seiner Band Motörhead beim Festival in Wacken so zentral. Es geht nicht nur um ihn, es geht um das Ganze.

Und als er am Freitagabend Punkt 21 Uhr auf die Bühne trat, da sah er, das muss man leider sagen, schon erschreckend tatterig aus, geschwächt, ja: greisenhaft, seine Stimme flatterte wie die eines Opas, der seine Enkel zum letzten Mal um sich weiß, aber dann wurden ihm seine eigenen Lieder praktisch zur Krücke, er richtete sich an ihnen auf und gewann an Sicherheit durch Tempo.

Rasender Rollator

Das hätte man ja auch früher mal nicht gedacht, dass Motörhead eines Tages wie ein rasender Rollator klingen würden, und man Ehrfurcht davor hat. Nach zwanzig Minuten erstes ausgedehntes und übrigens sehr schönes Gitarrensolo von Phil Campbell, daher sofort Sorge, denn so hatte sich der Zusammenbruch beim letzten Mal auch angekündigt.

Aber diese Solos müssen jetzt offenbar regulär für die Pausen sorgen, in denen Kilmister hinter der Bühne ans Sauerstoffgerät darf. Nach 35 Minuten übernimmt deshalb sein wunderbarer Schlagzeuger Mikkey Dee diese Aufgabe, und dann macht Kilmister die Stunde tatsächlich noch voll, singt "Killed by Death" (zusammen mit der als unangekündigter Überraschungsgast über das Festival geisternden Doro Pesch) und als Zugabe auch noch "Overkill", und mehr als 70 000 Menschen vor seiner Bühne feiern beglückt den Fakt, dass er immer noch lebendig genug ist, um den Tod zu besingen. Denn der war, anders als in Arkadien, in Wacken immer schon zu Hause, allerdings als lyrisches Subjekt.

Aktuelles Lexikon: Power-Akkord

Der Power-Akkord, oft auch Powerchord genannt, ist das Grundelement des Hardrock und seiner jüngeren Varianten wie dem Heavy Metal. Power-Akkorde zeichnen sich durch ihre brachiale Druckwirkung aus, die vor allem bei jüngeren Zuhörern den Drang auslösen, die Gestik eines Gitarristen nachzuäffen. Bekannte Powerchord-Motive findet man im Song "You Really Got Me" von den Kinks, in "Smoke on the Water" von Deep Purple und dem überwiegenden Teil des Repertoires der Bands, die am Wochenende beim Open Air in Wacken auftraten. Für Gitarrenschüler sind Powerchords zu Beginn oft ein Rätsel, weil die klassischen Akkorde auf den sechs Saiten einer Gitarre nie eine solche Wucht entwickeln wie die Vorbilder. Der Trick des Power-Akkordes ist, dass er aus lediglich zwei Tönen besteht. Dabei handelt es sich um den Grundton und dem fünften Ton darüber, der Quint, wobei der Grundton oft noch mit seiner Oktave darunter oder darüber verstärkt wird. Notiert wird ein Power-Akkord beispielsweise in der Tonart C als C5. Entscheidend ist das Weglassen des sonst üblichen dritten Tons über dem Grundton, der Terz. Denn eine Terz führt bei einem Akkord, der elektrisch bis zur Verzerrung verstärkt ist, zu Dissonanzen. Beim Power-Akkord dagegen entstehen in der elektrischen Verstärkung durch Intermodulation Zwischenfrequenzen, die den Eindruck einer Klangwand schaffen. Andrian Kreye