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J. J. Voskuil: "Die Mutter von Nicolien":Ein Universum verschwindet

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Die Routinen des Alltags lösen sich allmählich von innen her auf: J. J. Voskuil erzählt vom geistigen Verfall einer Frau über drei Jahrzehnte.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

J. J. Voskuils Demenz-Roman "Die Mutter von Nicolien" und die Frage, ob realistische Literatur einen Leser braucht, der mitleidet.

Von Thomas Steinfeld

Zuerst gleicht das Unglück einem Scherz, einer Lücke im Vorstellungsvermögen oder einer lässlichen, kleinen Verwirrung. Wo die Sonne eigentlich bleibe, wenn sie untergehe, fragt die alte Dame. Mit der naturwissenschaftlichen Erklärung, mit der ihr Schwiegersohn aufwartet, ist sie keineswegs zufrieden. "Ich kann das alles nicht mehr so gut begreifen." Dann breitet sich das Unglück aus, langsam, aber unaufhaltsam. Immer größere Lücken reißt es ins Gedächtnis, bis vom Geist einer offenbar munteren und liebenswerten Frau nichts mehr übrigbleibt als eine fatale Hilfsbedürftigkeit und ein dumpfer, alles umfassender Kummer.

Über fast drei Jahrzehnte erstreckt sich die Chronik, die der niederländische Schriftsteller J. J. Voskuil dem geistigen Verfall einer alleinstehenden Frau widmet, von den späten Fünfzigern bis in die frühen Achtziger. Als sie endlich stirbt, ist die Sonne schon seit langer Zeit hinter dem Horizont verschwunden, die Kastanien werden grün, und die Tochter besucht mit dem Schwiegersohn ein Fischrestaurant.

J. J. Voskuils schmales Buch "Die Mutter von Nicolien", im Original schon im Jahr 1999 erschienen, erzählt die Geschichte einer Demenz. So etwas tun gegenwärtig viele Romane, und noch mehr Bücher erzählen vom Sterben der Mutter, des Vaters oder eines anderen nahestehenden Menschen. Der moralischen Wucht dieser Bücher ist schwerlich zu entgehen: Stets ist da ein einzigartiger Mensch, mehr oder minder klug und freundlich, mehr oder minder vom Leben gezeichnet, doch in jedem Fall ein Universum für sich allein. Und dann geht dieses kleine All verloren, für sich selbst wie für den Rest der Welt, und den Zurückgelassenen bleibt der Schmerz über diesen Verlust.

Alltag als Halt, unter besonderer Berücksichtigung des Eierlikörs und des Ingwertörtchens

Doch in den Schmerz mischt sich ein schlechtes Gewissen: Denn dieses kleine All hatte es auch gegeben, bevor es der Vergänglichkeit anheimfiel. Nur hatte man sich kaum darum bemüht, sodass die letzten Tage dieses Menschen im Zeichen eines sonderbaren Widerspruchs stehen: Im selben Maße, wie eine Individualität in die abstrakte Allgemeinheit des Todes eingeht, scheint sie an Würde zu gewinnen. Die Rücksichtnahme, die Pietät und die Zartheit, all die feinen Gefühle, die man einem Menschen vielleicht im Leben hätte zuwenden sollen: Erst im Angesicht des Todes werden sie freigelassen, so spät, dass man sich fragt, wem diese Gefühle eigentlich gelten sollen, dem Sterbenden oder den Hinterbliebenen?

Wer das große Werk J. J. Voskuils (1926 bis 2008) kennt, den siebenteiligen, zwischen den Jahren 1996 und 2000 erschienenen Roman "Das Büro", die lückenlose Berufsbiografie eines wissenschaftlichen Angestellten in einem Institut für Volkskunde in Amsterdam, kennt auch das Personal dieses Sterbebuchs. Da ist Maarten, der zu Beginn der Chronik seine Stelle antritt und sich zunächst mit den Wichteln beschäftigen soll, die sich in der niederländischen Volksmythologie herumtreiben. Da ist seine strenge Frau Nicolien, die nichts von seinem Beruf hält und ihm dennoch liebend zugetan ist, und da ist die Mutter, eine schlichte Hausfrau, deren Leben zunächst fest in den Routinen des Alltags gegründet zu sein scheint, unter besonderer Berücksichtigung des Eierlikörs und des Ingwertörtchens, bis es sich dann auflöst, von innen her und Stück für Stück.

An dieser Auslöschung ist nichts Dramatisches, und die Übergänge von den scheinbar banalen, oft wiederholten Sätzen, die einem ganz und gar unauffälligen Leben seine Struktur geben, bis zu den plötzlichen Ausfällen des Gedächtnisses sind kurz: Der Niedergang vollzieht sich im Kleinen, er höhlt die Gewohnheiten aus, weswegen sich erst im Nachhinein erweist, wie fatal es tatsächlich war, als die Mutter zum ersten Mal die Wochentage verwechselte.

Ja, sagt sich der Leser, "genauso war es bei meiner Mutter auch"

Zu den häufig verwendeten, meist zustimmend gemeinten, im Grunde aber fragwürdigen Urteilen, die man über ein literarisches Werk fällen kann, gehört der Satz, es gehe in der Wirklichkeit genau so zu, wie es im Buch geschildert werde. Denn wenn es sich tatsächlich so verhielte: Welcher Gewinn wäre dann aus der Lektüre zu ziehen? Und was fügte die literarische Verdopplung einer Wirklichkeit hinzu, die offenbar auch ohne Unterstützung durch die Dichtkunst nicht nur verständlich, sondern auch nachvollziehbar wäre? Dennoch lebt der landläufige Realismus von solchen Verdopplungen, vor allem dann, wenn diese als Bestätigung begriffen werden: Ja, sagt sich der Leser, "genauso war es bei meiner Mutter auch". Eine solche Verdopplung ist ohne Sentimentalität nicht zu haben: Zwischen dem Buch und seinem Leser wird ein Gefühlsraum aufgespannt, in dem man sich niederlassen kann wie in einer Therapiegruppe, in der jeder Teilnehmer jedem anderen zunächst einmal versichert, sich mit seinen Anliegen am richtigen Ort und unter verständnisvollen Menschen zu befinden.

Der Roman "Die Mutter von Nicolien" besteht aus kurzen, knappen Szenen, in denen es jeweils um ein Ereignis aus der Krankheitsgeschichte geht. Sie wird von einem auktorialen Erzähler getragen, besteht aber zum größten Teil aus Rede und Gegenrede. Meistens enden diese Szenen mit einer Art Pointe, in der das Geschehene noch einmal in einem Bild zusammengefasst ist. Eine solche Szene handelt davon, dass Tochter und Schwiegersohn die Mutter besuchen. Eine Bekannte ruft an, und plötzlich weiß die Mutter nicht mehr, ob sie sich in der eigenen Wohnung oder in der ihrer Tochter befindet. Nach kurzer Rücksprache teilt die Mutter der Anruferin mit: "Meine Tochter sagt, dass ich hier bin."

J. J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien. Roman. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Wagenbach, Berlin 2021. 256 Seiten, 23 Euro.

Auf der Heimfahrt im Bus lacht der Schwiegersohn über die Absurdität dieses Satzes, zum Ärger seiner Frau, die das Geschehene nur traurig findet. Daraufhin wendet er sich ab und schaut durch das Fenster in die Nacht: "Neben ihm schaukelte sein Gesicht mit den Bewegungen des Busses mit." Der Satz ist programmatisch für eine Erzählhaltung: Bei J. J. Voskuil gibt es keinen gemeinsamen Gefühlsraum, weder zwischen dem Autor und seiner Geschichte noch zwischen dem Leser und dem Erzähler. Man schaukelt lediglich mit, wie durch eine Glasscheibe vom Gegenüber getrennt, was auch gilt, wenn man sich selbst das Gegenüber ist.

Als sich das niederländische Publikum Ende der Neunziger für den totalen Büro-Roman begeisterte und sich eine halbe Million Exemplare der sieben Bände dieses Opus verkauften, kursierten vor allem im Ausland Vermutungen, dieser Enthusiasmus gehe auf ein nicht nur obsessives, sondern auch spezifisch niederländisches Verhältnis zur Bürokratie zurück. Nun ist aber das Buch "Die Mutter von Nicolien", ein später Abkömmling des Riesenprojekts, im selben Ton und mit derselben Erzählhaltung geschrieben, und das Büro kommt darin allenfalls am Rande vor.

Vielleicht verhält es sich mit der Sachlichkeit anders, als man erwartet, zumindest im Fall von realistischen Romanen: Vielleicht ist Sachlichkeit gar nicht die Abwehr von Schmerz und Verzweiflung. Vielleicht werden solche Gefühle überhaupt erst erkennbar, wenn es Routinen und Rituale gibt, in denen sie aufgehoben werden können. Und vielleicht ist das ostentative, vereinnahmende Mitleiden das Gegenteil einer Innerlichkeit, in der sich Trauer überhaupt erst entfalten kann. In den Niederlanden gab es, wie es scheint, vor ein paar Jahren nicht nur einen klugen Schriftsteller, sondern auch überraschend viele kluge Leser.

© SZ/masc
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