bedeckt München 27°

Vorwürfe gegen Quentin Tarantino:Terror am Filmset

Kill Bill - Volume 2 / Kill Bill - Volume 2; Uma Thurman

Vor dem Crash: Uma Thurman in der Rolle der "Braut" in dem Film "Kill Bill". Auf Wunsch des Regisseurs Quentin Tarantino steuerte sie den Wagen selbst - und fuhr gegen einen Baum.

(Foto: ddp images)
  • Die Schauspielerin Uma Thurman hat dem Regisseur Quentin Tarantino vorgeworfen, sie bei einem Stunt zum Film "Kill Bill" in Gefahr gebracht zu haben.
  • Tarantino bezeichnet den Dreh mittlerweile als Fehler, den er sich nicht verzeihen könne.
  • Auch die Schauspielerin Rose McGowan kritisierte die Arbeitsbedingungen unter Tarantino.

Von David Steinitz und Tobias Kniebe

Es ist einer der größten Fehler meines Lebens, dass ich sie diesen Stunt habe machen lassen." Das sagt der Regisseur Quentin Tarantino heute über eine Szene seines Films "Kill Bill", die ihm gerade um die Ohren fliegt.

Das Geständnis folgt auf eine Geschichte der New York Times über seine damalige Hauptdarstellerin Uma Thurman. Die 47-Jährige hatte mit der Zeitung zunächst darüber gesprochen, dass auch sie, wie viele Kolleginnen, vom Filmproduzenten und Tarantino-Weggefährten Harvey Weinstein brutal sexuell belästigt worden sei. Unter anderem habe er sie in einem Hotel in London attackiert. Diese Vorwürfe gerieten dann aber aufgrund einer anderen Geschichte, die sie der Journalistin Maureen Dowd erzählte, fast in den Hintergrund.

Zwei Tage schwieg Tarantino zu den Vorwürfen, dann rechtfertigte er sich in einem Interview

Thurman sagte, sie habe sich bei einem Autostunt während der Dreharbeiten zu "Kill Bill", bei dem sie gegen einen Baum fuhr, an Hals und Knien bleibende Schäden zugezogen. Als besonders traumatisierend habe sie erlebt, dass sie die Szene nicht drehen wollte, weil sie ihr gefährlich erschien, aber Tarantino trotzdem darauf bestand. Hinterher habe sie von der Produktionsfirma das Filmmaterial eingefordert, das den Crash zeigt. Das wurde über Jahre abgeblockt, jetzt aber steht das Video im Netz. Die New York Times berichtet außerdem, Tarantino habe in Großaufnahmen, in denen Thurman als "die Braut" bespuckt und gefoltert werden sollte, persönlich eingegriffen, man sehe auf der Leinwand seine Spucke und seine würgenden Hände. Daraufhin brach in den sozialen Netzwerken ein Shitstorm gegen den Regisseur los und feuert nun eine Debatte über die Arbeitsbedingungen an Filmsets auch jenseits der Diskussionen um sexuelle Belästigungen neu an.

Dass Regisseure ihre Vision über das Wohl ihrer Mitarbeiter stellen, ist kein neues Phänomen. Alfred Hitchcock war der Meinung, man müsse "Schauspieler wie Vieh behandeln". Auch anderen Star-Regisseuren wie Stanley Kubrick oder William Friedkin wird nachgesagt, dass sie Schauspielerinnen auf der Jagd nach der perfekten Szene in psychische oder physische Extremsituationen trieben, die bleibende Schäden zur Folge hatten. Die Aufdeckung des "Kill Bill"-Vorfalls fällt nun aber in die aktuelle Debatte über Machtmissbrauch und den Umgang von Männern mit Frauen, in der alte Ausreden nicht mehr zählen.

Der Video-Ausschnitt vom "Kill Bill"-Dreh

Zwei Tage schwieg Tarantino zu den Vorwürfen, bis er am Montagabend dem Medienmagazin Deadline ein langes Interview gab. Darin bezeichnet er den Dreh der Szene als Fehler, den er sich nicht verzeihen könne. Er möchte aber trotzdem ihre Entstehung detailliert beschreiben, um klarzustellen, dass er Thurman niemals in eine gefährliche Situation habe zwingen wollen: "Ich bin schuldig, weil ich sie in das Auto gesetzt habe, aber nicht auf die Art, wie die Leute jetzt glauben, dass ich schuldig bin." Es sei um eine Aufnahme gegangen, die gar nicht als Stuntszene deklariert war, weil es sich um eine ganz gewöhnliche Autofahrt gehandelt habe. Thurmans Bedenken hätten ihn vielleicht "irritiert", er sei aber nicht wütend geworden. "Ich bin nicht in Umas Wohnwagen gerannt und habe sie angeschrien, dass sie ins Auto steigen soll."

Stattdessen sei er die zu fahrende Strecke selbst abgegangen, habe sie für sicher befunden und das Thurman mitgeteilt, die daraufhin ins Auto gestiegen sei. Die einzige Planänderung sei gewesen, dass man aufgrund des schwindenden Tageslichts die Fahrtrichtung gewechselt habe, um das Licht optimal zu nutzen. Und da sei am Ende der Strecke dann jene S-Kurve aufgetaucht, die Thurman von der Straße abbrachte.

Was für eine Männerfantasie: das eine Bein ein Gewehr, das andere im Stiefel mit Riesenabsatz

Das Filmmaterial, das nun im Netz kursiert, hat Tarantino ihr nach eigener Aussage persönlich und freiwillig ausgehändigt, nachdem eine Assistentin lange in den Archiven danach gesucht habe. Auch von dem Artikel in der New York Times habe er vorab gewusst, Thurman und er hätten darüber gesprochen und er habe sie dazu ermutigt. Gegen die Vorwürfe, Thurman beim Dreh bespuckt und gewürgt zu haben, rechtfertigt er sich mit künstlerischen Argumenten - sie sei nun mal in ihrer Rolle bespuckt und gewürgt worden. Sein einziger Fehler sei gewesen, sich nicht - wie von Thurman gefordert - ebenfalls mit der Reporterin der New York Times zu treffen, um seine Perspektive zu schildern. Deshalb müsse er nun "alle Prügel einstecken".

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite