Süddeutsche Zeitung

Vorschulgeschichten:Der Spatz badet

Rachel Williams findet überall "Wunder der Natur", die sie für kleine Kinder entdeckt und erzählt.

Von Katrin Blawat

Der Weg durch die südfranzösische Bergwelt war weiter als gedacht, steiler und schwieriger - es hätte wohl bessere Varianten gegeben, um einem Vierjährigen die Freuden des Wanderns nahe zu bringen. Doch allem Klagen, Weinen und Schimpfen des Kindes zum Trotz: Irgendwie musste es die Gruppe zurück zum Ausgangspunkt schaffen. Und wundersamer Weise lief der Junge auf einmal ohne zu murren mit. Einzige Bedingung war: Er wollte Geschichten hören, eine nach der anderen. Geschichten über Vögel mit Supernasen, über Tintenfische mit drei Herzen, über Ameisen mit körpereigenem Schrittzähler.

Nicht nur bei einem Vierjährigen können Erzählungen Wunder wirken. Jeder Mensch funktioniert so: Geschichten treiben uns an, wecken Neugier und lassen uns die Welt, auch die der Tiere und Pflanzen, neu entdecken. Da passt es nur allzu gut, wenn Autorin Rachel Williams und Illustratorin Freya Hartas 50 "Wunder der Natur" in Form kleiner Sach-Geschichten erzählen. Pro Doppelseite entfalten sie eine kurze Erzählung: wie sich eine Sonnenblume zur Sonne reckt, wie sich ein Schmetterling entpuppt, wie ein Spatz ein Bad nimmt, eine Schneeflocke zu Boden fällt und wie eine Spinne ihr Netz webt. Auf den ersten Blick sind das unspektakuläre Vorgänge, für die der Begriff "Wunder" etwas groß erscheinen mag. Doch die Autorin und Illustratorin schaffen es, in Wort und Bild jene Faszination einzufangen, die sich in all diesen Episoden entdecken lässt. Die Texte sind auch für kleine Kinder gut verständlich und die Bilder schön, ohne ins Kitschige abzurutschen. Es ist ein thematisch bunt gemischtes Entdeckerbuch, gut geeignet, um es an jeder beliebigen Stelle aufzuschlagen und loszuerzählen. Die Protagonisten sind Tiere, von der Biene bis zum Pferd, doch auch Seerosen, dem Mond, Wellen und dem Sonnenuntergang sind Sach-Geschichten gewidmet. Dabei wirkt das Buch durch seine besondere Gestaltung selbst so kostbar wie all die in ihm beschriebenen Naturphänomene.

Kinder sind von sich aus oft achtsamer als ein Erwachsener

Ein Ärgernis des Buches allerdings sticht hervor: wie auf dem Konzept der Achtsamkeit herumgeritten wird. Im einseitigen Pressetext zum Buch kommt allein viermal das Wort "achtsam" vor. Da scheinen die Macherinnen des Buches und der Verlag die falsche Zielgruppe anvisiert zu haben. Denn sind Kleinkinder nicht per se Meister darin, gefühlt stundenlang vor irgendeiner Kleinigkeit zu verharren und bei deren Beobachtung alles andere um sich herum zu vergessen? Kinder sind von sich aus oft achtsamer als ein Erwachsener nach fünf Yoga-Retreats, aber sie betonen es nicht ständig. Das würde man dem Buch ebenfalls wünschen. Immerhin beschränkt sich das explizite Achtsamkeits-Gerede nur auf den Schluss des ansonsten wirklich empfehlenswerten Buches. (ab 5 Jahre und zum Vorlesen)

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Quelle:
SZ vom 13.10.2020
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