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Vorschlaghammer:In aller Bescheidenheit

Ist Angeberei nur Männersache? Das lässt sich nicht ganz klar beantworten. Aber es braucht nicht immer ein Ego, das sich zwischen Ich und Welt drängt

Im Plausch mit einer Kollegin kam neulich der Themenkomplex Männer und schnelle Autos zur Sprache. Ich erzählte von meinen roten Vintage-Rennrad, das ich in keinem Fall aus sportlichen Erwägungen fahre, sondern nur, um damit lässig zu wirken, und mir wurde beschieden, dies eben sei genau jenes Verhalten, das Männern ab einem bestimmten Alter gerne an den Tag legen. Diese Angeberei sei Sache der Frauen nicht, sagte die Kollegin und wirkte trotz Nachbohrens, was sie betraf, recht überzeugend. Die Frage, ob Frauen insgesamt in diesem Punkt souveräner sind, trieb mich noch eine Weile um.

In der Markus-Lüpertz-Ausstellung im Haus der Kunst erlebt man das Pathos von sich selbst beeindruckter Bedeutsamkeit, das man, ich schreibe das im Vollbewusstsein meiner Zukunft, alten weißen Männer gerne unterstellt. Untergehende Stahlhelme, Hitlers Westwall rhythmisiert, riesenhaft in Öl, bedeutungsschwanger, mit Verweis auf die Antike. Okay, Boomer. Wenn schon Hitler, dann so wie im Obergeschoss in Henrike Naumanns Installation "Ruinenwert". Der Obersalzberg, nachgebaut aus Möbeln aus dem Keller des Hauses der Kunst, erweitert um aktuelle deutsche Schrankwände aus zweiter Hand. Ein Fanal der Piefigkeit, ironisch scharf und ganz anders als die bundesdeutsche Geniekunst. Ebenso wie die Arbeiten der anderen Künstlerinnen: Njideka Akunyili Crosby, Leonor Antunes und Adriana Varejão, die sich unter dem eher lax gefassten Titel Innenleben Gedanken machen zum Verhältnis von Ich und Welt, ohne dass ihnen das Ego dazwischenkäme.

Das stellt auch Susanne Neuffer in ihrem Erzählungsband Im Schuppen ein Mann hintan, den der sympathische Augsburger Maro-Verlag kürzlich veröffentlicht hat. Neuffer schreibt kleine Aquarelle in zart durchscheinenden Farben. Ihren Protagonisten widerfährt das Leben oft als Erscheinung, die in letzter Konsequenz rätselhaft bleiben darf. Für Lautsprecherei ist hier kein Platz. Neuffert schafft Atmosphäre durch Reduktion, in Texten, die manchmal so verblüffend kurz sind, weil die Kunst im Ungesagten liegt.

Ob der Absenz großmäuliger Frauen befielen mich zarte Selbstzweifel, bis ich den bei dtv erschienenen Roman Oreo las. Die weitgehend unbekannte Afroamerikanerin Fran Ross schuf 1970 eine Titelheldin nach dem Vorbilde des Theseus. Sie ist jüdisch, schwarz, noch minderjährig, macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und schickt dabei ganz locker sogar einen Zuhälter, der sie vergewaltigen will, auf die Matte. Ein Großvater erstarrt in der Form eines halben Hakenkreuzes. Es treten auf: eine Nymphomanin, ein schwuler Reisehenker, verrückte Frauen und andere Bekloppte. "Oreo" ist respektlos, eine tolle Unverschämtheit, ein wunderbares, mächtig mutiges Buch. Manchmal hilft nur übersteigerte Selbstwahrnehmung gegen größenwahnsinnige Gegner. Recht sympathisch wurde mir Erika Mann in der aktuell in der Monacensia zu sehenden Ausstellung. Überwiegend furchtlos war diese Schauspielerin, Kabarettistin, Reporterin, die 1945 von den Nürnberger Prozessen berichtet und schon 1934 mit einem Couplet über den Prinz von Lügenland dem Diktator die Hosen herunterzog. Zugegeben: Der Hang zur Großsprecherei ist frei von Eitelkeit und dient bei letzteren Damen dem ehrenwerten Ziel, männliche Dummheit zu entlarven. Ich dagegen fahre jetzt eine Runde Rad. Der Hauch sportlicher Verwegenheit steht mir ungemein.

© SZ vom 09.01.2020
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