Süddeutsche Zeitung

Vorschlag-Hammer:Zurück in die Zukunft

Es gibt ein Lied der Hamburger Rockband "Ohrenfeindt" mit dem Titel "Tanz nackt für mich", das ein ideales Schulungsmaterial für angehende Rock'n'Roller sein könnte. Vor allem dahingehend, wie man mit viel Dynamik und möglichst wenig Harmonien den perfekten Rocksong konzipiert

So wunderbar laut kann Musik sein, und so wunderbar leise. Zwei Ereignisse der nächsten Tage sollten jedenfalls die Freunde authentischer Musik nicht auslassen. Das eine findet im Backstage-Club schon an diesem Freitag statt, das andere in der Bar Gabanyi am nächsten Donnerstag. Das jetzt am Freitag ist das lautere. Ich bin auf diese Combo schon vor Jahren gestoßen, als mir mein Neffe, selber Musiker, und als Oboist ein ernst zu nehmender klassischer, beim Urlaub in Ungarn seine neueste Entdeckung in den Schlitz des Autoradios steckte: Es hätte selbiges fast zerrissen, als Chris Laut (der heißt wirklich so!), Bassist und Sänger des Hamburger Trios Ohrenfeindt (die heißen wirklich so!) anfing zu brüllen: "Ich bin dein Rock'n'Roll-Sexgott!"

Jetzt kommen also Ohrenfeindt wieder. Der Titel der Tour: "Tanz nackt für mich". Natürlich wird das wieder laut im Sinne von Chris Laut, und natürlich kriegt man wieder Angst um dessen Stimmbänder. Aber dieses Lied (ha! Lied?) ist, wie fast alles von der Reeperband-Band, auch ein ideales Schulungsmaterial für angehende Rock'n'Roller, vor allem dahingehend, wie man mit viel Dynamik und möglichst wenig Harmonien den perfekten Rocksong konzipiert. Und wie man den möglichst wirkungsvoll auf die Bühne bringt, das zeigen die drei Ohrenfeindte dann in Perfektion - Rock'n'Roll never dies.

Wesentlich leiser, man könnte auch sagen gesitteter geht es natürlich in der Bar Gabanyi zu, dem Hort gepflegten Klanggenusses. Dort gibt sich die Hannah Weiss Group die Ehre, ein Sextett, das der ortsansässigen Musikhochschule, respektive der dortigen Ausbildung in Sachen Jazz entsprungen ist. Dementsprechend fein gesponnen und ziseliert sind die Arrangements um die Schweizer Sängerin Hannah Weiss, schwebend zwischen Jazz, Pop und Kunstlied. Während man bei Ohrenfeindt Bier trinkt, ist hier ein feiner Cocktail angebracht.

Weil wir gerade bei feiner Musik sind. Da gäbe es für die nächsten Tage noch ein paar Empfehlungen, die zeigen, dass, wer in die Vergangenheit hineinhört, Klänge mitbekommt, die so zeitlos sind, dass sie auch die nächste Zukunft bestimmen werden. Das trifft zunächst auf Nick Woodland zu, den unverwüstlichen Kämpfer für das Gute und Schöne im Blues. Er zupft am Samstag im Alten Speicher zu Ebersberg die Saiten. Noch viel mehr aber auf eine ältere Dame, die nun schon seit fast sieben Dekaden mit ihrer unverwechselbaren, so strahlend klaren Stimme gegen Krieg und für Frieden singt: Joan Baez, heute 78 Jahre jung und angesichts der aktuellen Entwicklung der internationalen Politik aktueller und wichtiger denn je. Sie wird, ebenfalls am Samstag, in der Philharmonie davon singen.

PS: Vor vielen Jahren durfte ich mal auf der Frankfurter Buchmesse aus einem Buch von mir lesen. Danach setzte sich T.C. Boyle auf denselben Stuhl, welche Ehre! Jetzt kommt T.C. am Samstag zu Hugendubel, um sein neuestes Werk zu signieren. Diesmal wärme ich ihm den Stuhl nicht!

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SZ vom 15.02.2019
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