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Vorschlag-Hammer:Wenn Musen spicken

Ist das womöglich des Kulturpudels Kern? Die Einsicht, dass in der Schöpfungsgeschichte der Kreativen alles aufeinander aufbaut und die Kunst im kunstvollen Zusammensetzen besteht. Anders gesagt: Wenn Musen spicken, ist das kein Grund zum Verweis

Douglas Adams soll ja ein paar Gösser intus gehabt haben, als er 1971 in Innsbruck auf die Idee zu "Per Anhalter durch die Galaxis" kam. Bei mir hat's neulich zwar nicht zu einer galaktischen Romanidee gereicht (womöglich, weil es kein Gösser gab), dafür zu einer Erkenntnis, die Ihnen den Leitfaden dieser Kolumne beschert. Und das kam so: Nach einem genussreichen Abend im Veggie-Lokal Kismet stolperten meine rotweinbefeuerten Freunde und ich in eine Gruppe Straßenmusiker. Das Ensemble spielte den barocken Gassenhauer "Kanon in D", den ich auf Anhieb erkannte, weil ich ihn als Teenager auf dem C 64 in die Musiksoftware "Romuzak" eingepflegt hatte, Note für Note. Jedenfalls führte die unverzügliche Handy-Recherche in besagter Februarnacht zu dem Bonuswissen, dass das Stück von dem Nürnberger Johann Pachelbel stammt, der mit seiner Harmoniefolge scheinbar jeden Popsong der Galaxis inspiriert hat, von "Spicks and Specks" von den Bee Gees über "Go West" von Village People bis zu "Whatever" und "Don't Look Back in Anger" von Oasis. Und ist das nicht des Kulturpudels Kern? Die Einsicht, dass in der Schöpfungsgeschichte der Kreativen alles aufeinander aufbaut, es alles schon gibt, und die Kunst im kunstvollen Zusammensetzen besteht. Anders gesagt: Wenn Musen spicken, ist das kein Grund zum Verweis.

Schönes Altes in schönes Neues zu modellieren, darum soll es hier gehen. Die tollkühne Jazzrausch Bigband ist ein gutes Beispiel. Ihr Fünfjähriges feiert die Gruppe an diesem Freitag exzessiv im Harry Klein und am Montag in der Unterfahrt, wo sie unter dem albumgebenden Motto "Bruckners Breakdown" zeigen, wie man Spätromantik für Techno-Jazzer aufbereitet. Weiter geht's mit Nora Gomringer: In Kürze erscheint mit "Peng Peng Parker" die neue CD von ihr und Philipp Scholz. Gomringer singt und haucht und ätzt und rezitiert Gedichte von Dorothy Parker, bettet also - auf Deutsch und Englisch - die messerscharfen Zeilen der Amerikanerin auf ein modernes Klangbett aus Schlagzeug-Beat und Klavier-Groove (24. Juni, Literaturhaus). Oldschool-Beats, Trap-Hypnose, Dub und Reggae vermengt der Hamburger Rapper Dendemann auf seinem neuen Album "Da nich für!" (13. Februar, Tonhalle). Im Kino indes verpassen Will Ferrell und John C. Reilly Holmes & Watson ein Slapstick-Update, im Fernsehen hebt die Regisseurin Anna Martinetz Tschechows Onkel Wanja ins Hier und Jetzt (26. Februar, ZDF), und in der ZDF-Mediathek kann man die Crime-Serie Parfum nachgucken, die blutrünstig mit Motiven aus dem Roman spielt. Bleibt die Frage zu klären, ob sich Parfümeure ebenfalls an den Errungenschaften von früher orientieren, um Neues zu schaffen. Dufte Zuschriften dazu sehr willkommen.