Vorschlag-Hammer:Viertel Welt

Das Leben ist ja nicht nur fürs Vergnügen da - und da ist Haidhausen der richtige Stadtteil, weil man hier wirklich was über die Geschichte Münchens erfährt. Zum Beispiel in der Ausstellung "Haidhausen 1945 bis 1990", die am 18.Dezember in der Glashalle des Gasteigs beginnt

Von Christiane Lutz

Haidhausen ist der beste Stadtteil Münchens. Das sage ich nicht nur, weil in Haidhausen viele Menschen wohnen, die ich sehr gut finde (Hallo Roman! Huhu Jessica!), oder weil ich da wohne. Ich sage das vor allem, weil man in Haidhausen so viel Gutes zu essen bekommt. So befindet sich das vermutlich beste und wahrscheinlich auch winzigste vegetarische Restaurant der Stadt natürlich in Haidhausen, das Iunu (Wörthstraße 30). Die Küchenchefin serviert jeden Tag nur ein Gericht, einen Teller, auf dem sie teilweise Unkenntliches aber stets Leckeres arrangiert. Es tut allen Vollzeit arbeitenden Menschen im Herzen und vor allem im Magen weh, dass das Iunu immer nur von 9 bis 17 Uhr geöffnet hat - und samstags gar nicht.

Man muss sich also trösten. Mit Büchern zum Beispiel. Wirklich erstaunlich, wie es der Jutta Bühler, Inhaberin des Haidhauser Buchladens, gelingt, auf ihren paar Quadratmeterchen immer genau die Bücher parat zu haben, über die die klugen Leute gerade sprechen. Und ein paar Sachen für Kinder. Und ein bisschen Reiseliteratur. Und, ach komm, warum nicht mal Zadie Smiths "Swingtime" auf Englisch lesen? Dass die Polka Bar und Restaurant seit ihrer Eröffnung das Viertel noch ein bisschen schöner gemacht hat, ist inzwischen bekannt. Vor allem die Bar ist ein herrlich unaufgeregter Ort, in den man nicht mit hohen Absätzen stöckeln, sondern erst mal eine steile Treppe hinab klettern muss. Am Mittwoch, 20. Dezember, von 21 Uhr an spielt dort die Trash/Schlager/Musical/Sonstiges-Band Los Poppos ein Konzert, wie sie das einst regelmäßig im schwer vermissten Atomic Café tat.

Aber das Leben ist ja nicht nur fürs Vergnügen da - und auch da ist Haidhausen der richtige Stadtteil, weil man hier wirklich was über die Geschichte Münchens erfährt. Im Gewölbekeller meines etwa 120 Jahre alten Hauses etwa findet man noch den verblassten Hinweis "Hier bitte Kleidung ablegen" und an der Decke ein grusliges Hakenkreuz. Möglicherweise die Reste eines Luftschutzbunkers. Wer hat das da hin gemalt? Die Ausstellung Haidhausen 1945 bis 1990, die am 18. Dezember in der Glashalle des Gasteigs startet (bis 18. Januar 2018), beantwortet diese Frage wahrscheinlich nicht. Kurator Hermann Wilhelm, Gründer des Haidhausen-Museums, will aber mit Bildern und Geschichten eines vom Krieg gebeutelten Viertels bis zum Mietwahnsinn erzählen. Und weil dieser Text nicht mit Deprimierendem, sondern mit etwas Positivem enden soll: In der Bäckerei Neulinger gibt es jetzt zur Adventszeit wieder - einzeln verpackt! - die aller-, allerbesten Lebkuchen. Die schmecken wie ein Biss in den Heiligen Abend höchstpersönlich.

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