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Vorschlag-Hammer:Trunken vor Vorfreude

In England, am Tresen, beim Anstehen für ein frischgezapftes Ale, kann man die hohe Kunst des Wartens lernen

Ich war in Eile, als ich das Warten lernte. In England, am Tresen, durstig. Man möchte es nicht glauben, aber im Pub offenbart sich das englische Prinzip des Schlangestehens auf das Köstlichste. Frischgezapfte Ales werden hier nicht nach dem Ellenbogenprinzip erkämpft, sondern man achtet gegenseitig darauf, wer zuerst da war. Klar, nicht immer, aber bemerkenswert oft. An diese Urlaubsszenen erinnerte ich mich kürzlich, als ich vor dem Beginn des Jack-White-Konzertes in München über die Frage nachdachte, wie sich die Bereitschaft zu Warten verändert. Insbesondere bei den sogenannten Smombies, die ihr Handy überhaupt nicht mehr beiseite legen. Im Zenith mussten sie es, weil es der Künstler so wollte. Vielen hat das offensichtlich nicht gut getan, sie wurden hibbelig und pfiffen schneller, als sie es möglicherweise mit Smartphone in der Hand getan hätten. Um die gesunde Geduld zu trainieren - das sagt einer, der dabei regelmäßig scheitert - empfehle ich den Konsum von Filmen mit Überlänge. Da bietet sich Florian Henckel von Donnersmarcks Künstlerdrama Werk ohne Autor an (mehr als drei Stunden) oder die Heimat-Trilogie von Edgar Reitz, die bei der Werkschau in Starnberg bis Dezember in allen Einzelfolgen auf der Leinwand zu sehen ist (wer alles schaut, sitzt tagelang im Kino). Das dürfte ebenso schulen wie die Lektüre der paar tausend Seiten, die das Gesamtwerk des wohl wildesten und kreativsten Wortschöpfers unserer Zeit umfasst. Je verdrießlicher die Zeiten, je stumpfer die Alltagssprache, je unlustiger das Leben, desto dringender lese ich Tom Robbins. Er entspannt mich inspirierend.

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