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Vorschlag-Hammer:Rückzug in den Lesesessel

Gerade wenn sich die Termine überschlagen, ist es angenehm, sich mit ein paar Büchern aus der Kulturkonsummühle zurückzuziehen

Es ist ja nicht so, dass nach "Spielart" und dem Literaturfest notgedrungen der Horror vacui über einen hereinbräche. Auch in München ist ja inzwischen soviel ist los, dass man das Wichtigste, Schönste, Tollste nur per konzentriertester Planung schafft. Zwischendrin ist es auch mal gut auszusteigen aus der Kulturkonsummühle und sich zurückzuziehen in den Lesesessel. In der Stadt stehen ja schon die Buden für den Glühweinkampf samt Rattenkonferenz zur Geisterstunde, wie sie vor Jahren Ex-Feuilletonchef Johannes Willms als nächtlicher Christkindlmarktflaneur so trefflich beschrieben hat. Man nimmt also vielleicht den jüngsten, im schlimmsten Fall auch letzten Abraham B. Yehoshua zur Hand. Israels berühmter Schriftsteller der Amos-Oz-Generation, der zur Staatsgründung noch ein Kind war. Er ist, inzwischen 83, krank, weshalb er kürzlich nicht nach München kommen konnte, um seinen Roman Der Tunnel (Nagel & Kimche) selbst vorzustellen.

Die Hauptfigur darin, Zwi Luria, ist ebenfalls alt, wenn auch nicht ganz so alt wie sein schreibender Schöpfer. Er heißt, Zufall oder nicht, mit Nachnamen so wie der berühmte Rabbiner Isaak Luria, der im 16. Jahrhundert die Kabbala erneuerte und darin dem keineswegs immer lieben Gott immerhin eine weibliche Seele zudachte. Yehoshuas Luria ist alles andere als ein Mystiker. Er ist ein Pragmatiker, der versucht, seiner möglichen Demenz im Anfangsstadium mit allen Mitteln entgegenzusteuern. Noch tatkräftiger als der pensionierte Erbauer israelischer Autobahnen ist seine Frau, die ihm einen Auftrag zuschustert, nämlich eine angeblich strategisch wichtige Militärstraße zu planen, die just durch ein palästinensisches Dorf führen soll. Die Läuterung, die Luria dabei erlebt, könnte nicht elementarer sein, hätte er die jüngsten Nachrichten aus Amerika gelesen, wonach der aktuelle Außenminister den israelischen Siedlungsbau als legitim deklariert.

Hannah Arendt hatte schon vor der Staatsgründung anlässlich eines Gesprächs mit David Ben-Gurion vorausgesehen, was auch noch Golda Meir Anfang der Siebzigerjahre konsequent verdrängte - dass die Araber in einem jüdischen Staat Bürger zweiter Klasse sein würden. Nachzulesen ist das im Kapitel II des Essaybandes Wir Juden (Piper). Wer sich darin, was kaum vorstellbar ist, nicht tagelang festliest, um innerlich mit Hannah Arendt zu diskutieren, mache sich auf ins Literaturhaus zu den Fragen an die Welt nach 1989. Da trifft Yitzhak Laor, einer der schärfsten Kritiker der Palästinenserpolitik im Land Israel, auf den widerständischen russischen Autor Vladimir Sorokin. Am heutigen Donnerstag, 18.30 Uhr - da verstecken sich die Ratten noch.