Vorschlag-Hammer Pi, Pa, Po, hipp, hipp, hurra!

Klassische Musik beim Dressurreiten, Anti-Kriegs-Hymnen in der Werbung - geschichts- und beziehungslos wird Kunst zur Dekoration

Kolumne Von Eva-Elisabeth Fischer

De-De-De-Dä. Isabell Werth galoppiert ein zum Grüßen, die berühmten ersten Takte von Beethovens Fünfter im Rücken. Emilio kommt geschlossen zum Stehen, wie es sich für einen Weltklassedressurkracher gehört. Braaav! Gleich aber macht ihm unvermittelt eine Sopranstimme Beine. Die Sängerin barmt "Oh mio babbino caro - oh mein liebes Väterchen" aus Puccinis Oper "Gianni Schicchi", passgenau zu Pa und Pi, Passage und Piaffe, den gefürchtetsten Lektionen im Dressursport (letztere auch "Angst auf der Stelle" genannt). Aber bald braucht's was Flotteres für die Trabverstärkung, was, das Emilio von hinten anschiebt auf dass die Funken stieben. Also "Freude, schöner Götterfunken" statt Verismo-Gejammer. Immerhin wieder Beethoven, wenngleich sich mal eben so ein Chopin-Prelude dazwischen mogelt. Die Pferdesport-Moderatorin kriegt sich dann gar nicht mehr ein vor Freude über die "tolle Kürmusik", was die Reiterin nach ihrem zwölften Sieg beim Großen Dressurpreis von Aachen mit so was wie "Ja, klassisch. Kann man immer wieder gut hören" quittiert.

Ein Genie, fürbass, der die Musikschnipsel, nach Kaufhausmuzakmanier arrangiert, allzeit taktrein und Lektionen-kompatibel zusammengehängt hat, bekömmlich für Pu und Doppel-Po, will heißen für Publikum, Pferde- und Reiterinnenhintern. Also rein künstlerisch gesehen - für den A... Nein, nein, hier redet niemand von mangelnder Ehrfurcht oder gar von Sakrileg. Es ist ja schon lang nichts mehr heilig - weder in der Kunst und schon gar nicht die Kunst selbst. Im Sport war es außerdem ja nur eine Frage der Zeit, dass die musikalischen Schrecknisse, die sich traditionell aufs Eislaufstadium kaprizierten, nach der Einführung der musikalisch untermalten Kür das Dressurviereck entern würden. In der Werbung, wo seit je jedes aus dem Zusammenhang gerissene Mittel recht ist, gipfelt nunmehr ein neuerlicher geschichts- und beziehungsloser Ausreißer in folgendem Spot: Zu den ersten Zeilen von Max Colpets Antikriegslied "Sag mir wo die Blumen sind" zoomt die Kamera ein üppig blühendes Blumenbeet des beworbenen Gartencenters heran.

In der Sommerhitze, von Phlox, Zinnien und Rudbeckia umwogt, ist man durchaus geneigt, an kühle Theaterräume im September zu denken. Man hat dann vielleicht gerade den Jubiläumskunstparcours anlässlich von 25 Jahren Muffatwerk mit einem innerlichen Bravo abgeschritten und stolpert über die roten Runen auf einer Einladung, die das grässlich altmodische Wort "Hurra" darstellen, zu dem einem "hipp, hipp, hurra"-brüllende Knacker mit Knebelbärten und das Wort Hurra-Patriotismus einfallen. Moritz Ostruschnjak, natürlich alles andere als ein Knacker, reflektiert ganz ohne Knebelbart in seiner Tanzperformance Hurra! im Schwere Reiter die Mechanismen kollektiver Gewalt und fragt danach, wann das Individuum zum anonymen Teil einer gewalttätigen Phalanx wird (13. bis 15.9., 20.30 Uhr). Unbedingt jetzt schon vormerken!