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Vorschlag-Hammer:Oh, Simone

Auf den Tag genau vor 30 Jahren ist Simone de Beauvoir gestorben, und man kann nicht sagen, dass sich die Verleger und Veranstalter überschlagen im Bemühen, an sie zu erinnern. Dabei hat sie mehr als nur ein bisschen angestaubte Unsterblichkeit verdient

Was ist schon für die Ewigkeit gemacht? Ein Taschenbuch von 1984 jedenfalls nicht. Simone de Beauvoirs Roman "Die Welt der schönen Bilder", in einer grell pinkfarbenen rororo-Ausgabe vom obersten Regalbrett gezogen, ist bereits unansehnlich angegilbt. Wenn man davon ganz allgemein auf den Nachruhm der französischen Schriftstellerin, Philosophin und Feministin schließen wollte: Scheint der wohl bereits ähnlich zu verblassen? Auf den Tag genau vor 30 Jahren ist sie gestorben, und man kann nicht sagen, dass sich die Verleger und Veranstalter überschlagen im Bemühen, an sie zu erinnern. Dabei hat Simone de Beauvoir, die viele nur im Doppelpack mit ihrem Lebensgefährten Jean-Paul Sartre kennen, mehr als ein bisschen angestaubte Unsterblichkeit verdient - nicht nur für den berühmten, viel diskutierten Satz aus ihrem wichtigsten Werk "Das andere Geschlecht": "Man wird nicht als Frau geboren: Man wird es."

Immerhin huldigt ihr die junge Berliner Autorin Julia Korbik anlässlich des runden Todestages derzeit mit dem Blog "Oh, Simone". Und immerhin hat - statt Rowohlt - der kleine Verlag Ebersbach & Simon den Roman "Die Welt der schönen Bilder" neu aufgelegt. Es ist kein sprachästhetisch bedeutsames Werk, wie Simone de Beauvoir überhaupt eher die Ideen- als die Literaturgeschichte nachhaltig bereichert hat. Doch inhaltlich hoch aktuell ist dieser luzide, mit vielen Dialogen lebhaft erzählte Kurzroman noch immer. Er handelt vom Aufbruch einer Frau namens Laurence, die in wohlsituierten Pariser Zirkeln der Sechzigerjahre alles hat - außer einem Ziel im Leben. Als ihre zehnjährige Tochter sie eines Tages fragt, warum der Mensch auf der Welt ist, und Laurence darauf keine gute Antwort geben kann, gerät ihr vom schönen Schein dominiertes Weltbild ins Wanken. Laurence beginnt nachzudenken, und sie weigert sich schließlich, die gewünschte Rolle weiterzuspielen. Mehr noch als ihr eigenes Leben will sie zumindest das ihrer Tochter ändern - und damit die Gesellschaft.

Wo könnte man die gerade aufgewachte Laurence treffen, wenn sie heute leben würde? Vielleicht würde sie zur Lesung der Schriftstellerin Karen Duve gehen, die an diesem Donnerstag, 14. April, ihren Roman "Macht" vorstellt (Literaturhaus, 20 Uhr). Vielleicht würde sie hören wollen, was die syrische Dramaturgin und Performerin Rania Mleihi von ihrer Flucht und ihrem neuen Leben in München erzählt (Buchhandlung Isarflimmern, 14. April, 20 Uhr). Oder sie würde sich dafür interessieren, was die tschechische Schriftstellerin Tereza Boučková und ihr Vater Pavel Kohout über Politik, Widerstand und die Kunst des Lebens erzählen (Literaturhaus, 26. April). Vielleicht würde man Laurence auch ganz woanders suchen müssen. Auf alle Fälle aber würde sie versuchen, hier und sofort aus ihrem Leben das menschenmöglich Beste zu machen. Und was die Nachwelt über sie denken sollte, ob die Erinnerung an sie verblassen würde, das wäre ihr ja sowas von egal.

© SZ vom 14.04.2016
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