Süddeutsche Zeitung

Vorschlag-Hammer:Lebenshilfe vom Bohnenpupser

Politisch korrekt zu sein, ist sprachlich schwer. Was schreibe ich, wenn jemand non-binär ist, weder Mann noch Frau genannt werden möchte? Und kann der moderne Mann noch ein Stenz sein?

Jetzt bloß nichts Missverständliches schreiben. Als Journalist steht man unter Ironieverdacht. Als ich das anrührende Konzert von Phil Collins im Olympiastadion in einer Kritik würdigte, bezichtigten mich erzürnte Fans der Majestätsbeleidigung. Ich hatte es gut gemeint mit dem altersschwächelnden Musiker, eine Leserin aber schrieb: "Mir gefällt Ihr Duktus nicht!" Ducken ist da ein guter Rat. Als Schreiber bollert man ja ständig "arrogant" (so eine weitere Leserin) erhobenen Hauptes gegen Messlatten der Political Correctness. Wie hilfreich, dass einem da einige Künstleragenten Formulierungshilfe geben.

Etwa aus dem Stab des Multiinstrumental-Genies Tash Sultana. "Der*die Australier*in" ist am 24. Juli im Zenith zu bestaunen. Ich schreibe bewusst "Genie", nicht wertend, sondern weil es geschlechtsneutral ist. Wie es der hiesige PR-Mensch fordert: "Wir sind vom Camp Tash Sultana gebeten worden, alle Partner darauf hinzuweisen, dass Tash non-binär ist und daher darum bittet, dass in jeglicher Berichterstattung nicht von er oder sie gesprochen wird." Als non-binäres Wesen fühle er/sie/es (der/die/das im übrigen eine von halluzinogenen Pilzen ausgelöste Psychose durch intensives Gitarrespielen überwand) sich weder von der Kategorie "Mann" noch von "Frau" repräsentiert. Ehrlich: Ich respektiere das. Jede*r darf sein, wer/wie/was er/sie/es will. Aber Sie sehen schon: Das Schreiben erleichtert es nicht gerade, dem gerecht zu werden.

Der Monaco Franze hatte derlei Probleme noch nicht. Sein "Spatzl" wusste genau, woran es bei ihrem Stenz war (Ich schreibe "Spatzl" nur, weil Kollege Tholl mit seinem Nilpferd eine "Woche der Tiere" im Vorschlag-Hammer ausgerufen hat, im vollen Bewusstsein, dass mit Tiernamen liebkoste Partner*innen sich erniedrigt fühlen könnten). Umso interessanter, was man von dem Soziologen Rainer Sontheimer in seinem Vortrag auf dem "Free & Easy"-Festival (18. Juli bis 4. August) im Backstage lernen kann (4. August): "Wie viel Monaco Franze ist heute noch in uns, oder besser: Kann der moderne Mann im Wandel der Zeit noch ein Stenz sein?" Ich sage mal entschieden: vielleicht. Und nehme Nachhilfe in gewaltfreier Kommunikation bei einem, der vielen Kulturakteuren als Vorbild dient, so auch dem Bud Spencer Heart Choir, der den italienischen Dampfhammer im Namen trägt und Lieder aus seinen Filmen am 28. Juli im Crönlein singt. Der Soziologe Sontheimer würdigt den Bohnenpupser und dessen Gefährten Terence Hill im Vortrag "Vier Fäuste für den Erfolg" (23. Juli) für "seine Lebensphilosophie der Gerechtigkeit und den Glauben an das Gute". Glaube ihm, wer will.

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Quelle:
SZ vom 17.07.2019
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