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Vorschlag-Hammer:Keine Zeit verlieren

Sollten Sie hier oder anderswo etwas über einen Film lesen, der Sie interessiert, rate ich Ihnen: Lassen Sie alles stehen und liegen, verlieren Sie keine Zeit, machen Sie sich auf ins Kino! Denn schon morgen könnte das Programm ein anderes sein

Vor kurzem erzählte mir eine Regisseurin, wie lange sie an ihrem jüngsten Film gearbeitet habe. Waren es sieben oder acht Jahre? Ich weiß es nicht mehr genau, es erschien mir nur unendlich lang. In dieser Zeit schreiben Autoren tausende Aufsätze, backen Bäcker Millionen Brezen oder bauen Bauherrn halbe Elbphilharmonien. Nun bereiten Filmleute ja selten nur ein Projekt vor, meistens haben sie mehrere Pferdchen im Rennen. Den weniger starken Pferden geht auf dem Weg die Puste aus, nur die stärksten schaffen es ins Ziel, bis dahin können eben ein paar Jahre vergehen. Aber wie frustrierend muss es sein, wenn diese zeitintensiven Werke nach nur einer Woche wieder aus den Kinos verschwinden und deutschlandweit weniger Zuschauer anlocken als Menschen in die Olympiahalle passen? So etwas ist keine Ausnahme, sondern fast schon die Regel: Gerade für anspruchsvollere Filme ist es schwierig geworden, ein Publikum zu finden - wenn es nicht gleich in der Startwoche in Scharen anrückt, ist das ihr Ende.

Sollten Sie also hier oder anderswo etwas über einen Film lesen, der Sie interessiert, rate ich Ihnen: Lassen Sie alles stehen und liegen, verlieren Sie keine Zeit, machen Sie sich auf ins Kino! Denn schon morgen könnte das Programm ein anderes sein, dazu reicht ein Blick auf die Filmstartliste: Nächste Woche laufen die Künstlerinnenbiografie Maudie an, der Münchner Filmfest-Liebling Sommerhäuser, sowie Michael Glawoggers Dokumentarfilm-Vermächtnis Untitled. Alle drei Filme sind sehenswert und grundsätzlich gefährdet. Mit Fack ju Göhte 3, der diesen Sonntag Weltpremiere im Mathäser hat und am Donnerstag danach startet, können Sie sich dagegen Zeit lassen. Bora Dagtekins jüngster Blick auf die deutsche Bildungsmisere hat so viele Fans (auch unter Cineasten), dass er vermutlich bis Weihnachten in den Kinos laufen wird. Ebenfalls nicht so sehr zu beeilen brauchen Sie sich mit Babylon Berlin: Die neue deutsche Superserie über das wilde Berlin der Zwanzigerjahre ist zwar durchaus sehenswert, läuft aber noch ein ganzes Weilchen bei Sky (und von Herbst 2018 an in der ARD).

Aber noch einmal zurück ins Kino: Vergangene Woche traf ich Christoph Maria Herbst. Der "Stromberg"-Fiesling erzählte mir, was Filmleute in den sieben bis acht Jahren machen, bis ihr nächstes Werk fertig ist. Er zum Beispiel widmete sich zu Beginn seiner Karriere "Filmen aus dem Bereich der Erwachsenenunterhaltung". "Sie haben Pornos synchronisiert?", fragte ich ungläubig. "Ich dachte, das hat nur der junge Til Schweiger gemacht." Da musste er lachen. Dann sagte er den schönen Satz: "Sind wir nicht alle ein bisschen Til Schweiger?"