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Vorschlag-Hammer:Immer wenn es kritisch wird

Das Schreiben über Kunst ist für mich einer der schönsten Berufe in meiner Branche

Vergangene Woche kehrte ich an die Deutsche Journalistenschule zurück, die Schule, an der ich selbst vor ungefähr tausend Jahren meine Ausbildung zur Redakteurin machte. Mir sind aus den Monaten an der DJS vor allem kurze Nächte (oder lange, wie man's nimmt), viel Kaffee, chronische finanzielle Engpässe und die Lebensläufe meiner Mitschüler in Erinnerung, die wir bei praktisch jedem Dozenten erneut aufsagen mussten. Jetzt war ich als Dozentin dort, um den Schülern etwas über Kulturberichterstattung beizubringen. Über Kritik, um genau zu sein, denn wie man ein Interview führt, das lernen sie auch in anderen Seminaren. Ich strengte mich also an, weil ich diesen meinen Beruf für einen der schönsten in der Branche halte und der Meinung bin, dass die Kritik nicht nur für Journalisten und Akademiker wichtig sein kann, sondern für die Kunst selbst. Der Filmkritiker der New York Times A. O. Scott schreibt in seinem sehr guten Buch Kritik üben: "Die Kunst ist dazu da, unser Denken zu befreien, und die Aufgabe der Kritik ist es, herauszufinden, was wir mit dieser Freiheit anfangen sollen." Auch wenn ich längst nicht immer in der Lage bin, herauszufinden, was Zuschauer mit der vom Theater angebotenen Freiheit machen sollen, teile ich diese Haltung zur Kritik. Weil sie der Kritik die wichtige Aufgabe der Einordnung und Vermittlung in Anerkennung der Hoheit der Kunst zugesteht.

Möglichkeiten, sich von Kunst zu befreien zu lassen, gibt es beispielsweise an den Kammerspielen, wo das Festival Friendly Confrontations stattfindet (Donnerstag, 16., bis Sonntag, 19. Januar). Vier Tage lang will sich das Theater für Perspektiven öffnen, die an bildungsbürgerlichen Institutionen noch immer zu kurz kommen. Die Kuratoren nennen das "Dekolonialisierung", es wird Lesungen, Musik und Panels geben. Dann beispielsweise die Performance Race Me (Premiere Donnerstag, 16. Januar, 20 Uhr), die untersucht, wie so etwas wie Rassifizierung überhaupt erst entstehen konnte. Höhepunkt dürfte aber ein Boxkampf sein, der mitten in der Kammer 1 ausgetragen wird (Samstag, 18. Januar, 19 Uhr). Ali Cukur leitet die Boxabteilung des TSV 1860 München und lebt im Verein Gleichberechtigung jenseits von Herkunft und sozialer Schicht. Am 16. Januar um 19.30 Uhr hat außerdem Mephisto Premiere am Teamtheater. Andreas Wiedermann inszeniert die Adaption des Romans von Klaus Mann, in dem es auch um Freiheit geht, aber um die eingeschränkte Kunstfreiheit in Zeiten des Nationalsozialismus, das ist großartig erzählt.

Ach ja, bevor hier falsche Eindrücke entstehen: Gelernt habe ich an der Journalistenschule natürlich auch viel. Dass man mit Ausrufezeichen unbedingt sparsam sein soll! Dass ein Text, indem eine Wurst vorkommt, gar nicht schlecht sein kann. Vor allem aber, dass es sich lohnt, sich was zu trauen. Zu erkennen nämlich, dass man eine Stimme hat und die einsetzen darf, darin liegt auch eine sehr große Freiheit.

© SZ vom 15.01.2020