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Vorschlag-Hammer:Ich ist eine andere

Schriftsteller haben schon immer auch über sich selbst geschrieben. Neuerdings wandeln sie jedoch gern auf einem besonders schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität

Wer bin ich? "Ich wäre gern jemand anderes. An einem anderen Ort, mit neuen Menschen und neuem Gesicht. Im Frühling würde ich gerne verschwinden." Das schreibt die Leipziger Autorin Isabelle Lehn in ihrem neuen Roman "Frühlingserwachen". Und weiter: "Ich wäre gern jemand, der diese Gedanken nicht kennt, ich möchte mich gern von mir trennen, singt Hildegard Knef."

Isabelle Lehn findet eine paradox anmutende Lösung für ihr Problem: Die Autorin versucht, ihren erschreckenden Drang zur Ich-Auslöschung zu bekämpfen - indem sie ihr Ich besonders stark ausstellt. Das Ich in diesem Roman heißt nämlich wie sie selbst: Isabelle Lehn. Dieses Ich erlebt so allerlei, von Sexabenteuern über Kinderwunschbehandlungen und Depressionen bis hin zum Schreiben eines Romans, und das alles kann und darf man autobiografisch lesen. Aber, und das ist natürlich sehr schlau gedacht: Was davon nun wirklich autobiografisch ist und was nicht, weiß man eben nicht. Steht ja Roman drüber. Dahinter kann sich Isabelle Lehn, bei aller demonstrativen Nabelschau, schön verstecken.

Mir ist bei solchen Schreibexperimenten manchmal ein bisschen unbehaglich zumute. Natürlich haben Schriftsteller schon immer - auch - über sich selbst geschrieben. Neuerdings wandeln sie jedoch gern auf einem besonders schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität. Ein weiteres Beispiel dafür ist die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt, die ihren neuen Roman "Damals" an diesem Freitag in der bereits ausverkauften Großen Aula der LMU vorstellt. Sie erinnert sich in diesem Buch an ihr eigenes 23-jähriges Ich, und zwar unter den nicht gerade schwer zu entschlüsselnden Initialen S. H. Zwar hätte Hustvedt einfach ihre Memoiren verfassen können, doch auch sie experimentiert lieber mit einem semifiktionalen Schreiben und vernebelt Details ihres Lebens in einer Bis-hierhin-und-nicht-weiter-Kenntlichkeit des Romans. Das ist natürlich legitim. Und Erinnerung ist ohnehin letztlich in weiten Teilen fiktional, wie Hustvedt bewusst ist: "Die Vergangenheit ist fragil, fragil wie Knochen, die mit dem Alter brüchig geworden sind."

Dennoch kommt das neue Werk von Saša Stanišić meinem Bedürfnis nach Klarheit im Leben und Schreiben etwas mehr entgegen. Im Buch "Herkunft", das er am 8. Mai im Literaturhaus vorstellt, ist das Ich eindeutig der Schriftsteller selbst, und das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung. Inwieweit Stanišić in diesem "Selbstporträt mit Ahnen" dennoch Legenden webt? Er erzählt jedenfalls, wie er, es ist schon Jahre her, nach dem Erfolg seines ersten Romans die Großmutter im bosnischen Višegrad besucht. Er hält ihr einen Vortrag darüber, was er so über Fiktion denkt; die Fiktion sei ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt ... "Reibt?", fragt die Großmutter hustend, wuchtet einen Riesentopf auf den Herd und sagt: "Erfinden und übertreiben, heute verdienst du sogar dein Geld damit." Und dann setzen sie sich an den Tisch und essen gefüllte Paprika.