Vorschlag-Hammer:Erkenntnisse auf den zweiten Blick

Lesezeit: 2 min

31 Jahre nach seiner deutschen Erstveröffentlichung habe ich doch noch Stephen Kings Roman "Es" gelesen, aber überhaupt kein Interesse daran, mir auch den Film anzusehen. Schon alleine deshalb, weil ich mutmaße, dass eine adäquate Umsetzung meines Kopffilmes einfach scheitern muss

Kolumne Von Christian Jooß-Bernau

Je länger die Nächte, desto dicker die Bücher. In meiner Jugend mutmaßte ich, man könne sich diesen Horrorschrott sparen. Ich war jung und unwissend. Jetzt habe ich 31 Jahre nach seiner deutschen Erstveröffentlichung doch Stephen Kings Es gelesen und überhaupt kein Interesse, mir den Film anzusehen. Eine adäquate Umsetzung meines Kopffilmes muss scheitern. H. P. Lovecraft, Algernon Blackwood, Poe, Entwicklungsroman, die finstere Seite der Romantik, Gothic Novel, Rock'n'Roll, Actionkino und ein bisschen Splatter. "Es" ist ein Kosmos kultureller Querverweise, belebt von einer epischen Lust am Erzählen. Hinzu kommt aus heutiger Sicht die Zeitreise in die frühen Achtziger, die eine angenehme Patina angesetzt haben. In popmusikalischer Hinsicht dazu passend erscheinen mir Algiers, die am 24. Januar im Strom spielen. Auch ihr Album "The Underside Of Power" taucht ab in eine dunkle Vergangenheit, als aus dem Field holler, den Gesängen der Sklaven und schwarzen Häftlinge, der Soul geboren wurde. Als hätte man unentdeckte Aufnahmen, die Alan Lomax auf der Parchman Farm machte, in unsere Zeit elektronisch beschleunigt.

Weil die Beschäftigung mit der Vergangenheit ausbaufähig ist, las ich im Anschluss das, was Peter Rühmkorf zu Walther von der Vogelweide zu sagen hatte. "Des Reiches genialste Schandschnauze" heißt der im letzten Jahr erschienene Sammelband mit Rühmkorf-Übersetzungen, einem Rühmkorf-Essay und dem Briefwechsel zwischen Rühmkorf und Peter Wapnewski. Auch diesmal: Erkenntnis auf den zweiten Blick. In finsteren Zeiten machte man Walther zum Prophet des Nationalismus. Alles Quatsch. In liebevoller Textexegese ersteht hier ein mittelloser Sänger, der auf der Suche nach Mäzenen erstaunlich wendig war, dabei schnell beleidigt und gerne beleidigend. Mithin ein wunderbar menschliches Ekel, das, soweit ich das mit meinen mageren Erinnerungen an das Mittelhochdeutsche zu beurteilen wage, ein eleganter Sprachmeister war.

Unverstellter konnte ich bis jetzt auf die Sprachkunst von Textor blicken, der als Rapper einst mit Kinderzimmer Productions und solo hippte und hoppte und jetzt mit Holger Renz das Album "The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere" (Trikont) veröffentlicht. Am Donnerstag, 18. Januar, hören die Konzertbesucher im Vereinsheim, dass Textor & Renz mit dem was man so Hip-Hop nennt, kaum noch etwas am Hut haben. Mit Gitarre und Kontrabass geht es auf Englisch und, reduziert bis auf die Knochen, eher in Richtung des Albums "Superwolf" von Bonnie, Prince' Billy und Matt Sweeney. Und damit hin zu einer Idee von Folk-Vergangenheit. Angemerkt sei noch, dass der Wert, den wir dem Vergangenen zumessen, vielleicht auch eine westliche Fixierung ist, was mir unlängst im Museum Fünf Kontinente in der Myanmar-Abteilung auffiel, als ich vor dem Bild eines Buddhas zu stehen kam, den man im Original in der Stadt Pyay findet. Möglicherweise ein adliger Birmane hatte ihm im 18. Jahrhundert eine goldene Brille gestiftet, was den Buddha zum Experten für Augenkrankheiten machte. Die Brille ging verlustig, und statt herumzurestaurieren, trägt der Buddha heute ein modernes Modell mit getönten Gläsern. Denn Buddha weiß: Komfort geht manchmal vor Nostalgie.

Zur SZ-Startseite