Vorschlag-Hammer:Er fehlte schon lange

Was kann man tun, um einen zu ehren, der Musik gemacht hat, solange er konnte? Hören, was er konnte. Christoph Ising war Keyboarder, unter anderem in der Funk-Band Primates und bei Les Babacools

Von Jakob Biazza

Unter den vielen sehr blöden (und darin sehr wunderbaren) Musikerwitzen gibt es eine besonders blöde Serie: "Woran erkennt man, dass (...) an die Tür klopft?" Man setzt die verschiedenen Instrumentalisten ein, und die Pointe bezieht sich dann auf deren charakterliche oder spielerische Eigenarten. Dass ein Sänger anklopft, merkt man etwa daran, dass es immer lauter wird, bis auch die letzte Frau hinhört. Bei Keyboardern ist die Auflösung etwas tragischer: "Du glaubst, du hast was gehört. Aber du bist dir nicht sicher."

Kein Wunder also, wenn ein Keyboarder manchmal auch viel zu ungehört stirbt. Und bevor sich jetzt jemand erregt, einen Nachruf beginne man doch nicht mit einem Witz, dem sei gesagt: Christoph Ising mochte den Witz. Er hatte eine eigentlich recht unverwüstliche Selbstironie. Vielleicht etwas, das mit dem Instrument kommt, das er so geliebt und manchmal so gehasst hat. Aus Selbstschutz. Es gibt ja eher kein anderes Instrument, das einen so unendlich tief und immer wieder neu fordert wie das Klavier. Und sicher keines, das sich gleichzeitig so banal bedienen lässt. Das ist das ganz eigene Spannungsfeld des Pianisten. Und es war, zumindest solange ich ihn kannte, das immerwährende Spannungsfeld von Christoph. Er war am Klavier, ach was, in der ganzen Musik, ja ein Tiefenforscher. Ein Analytiker. Und manchmal auch dessen trauriger Bruder: der Zerdenker. Gott, hatte der die Musik theoretisch aufgesogen. Und Gott, konnte der - alte Streitfrage: trotzdem oder deswegen? - mit einer so wunderbaren Naivität spielen, als wäre es alles das erste Mal. Schon in seiner Zeit bei der so undeutschen Funk-Band Primates. Später dann als stilistische Allzweckwaffe bei Les Babacools. Jazz, Funk, Klassik, Country, Latin. Egal. Christoph spielte alles. Und quasi alles hervorragend. Er hat ja auch immer gespielt. Immer.

Und dann plötzlich wieder gar nicht. Wenn diese verdammten Löcher kamen. Diese verfluchten Phasen der Leere, gefüllt mit irgendeinem Dreck, der alles war, nur nicht Musik. Es waren die Zeiten, in denen sein Spott über das, was er dann als seicht empfand, beißend wurde. Oft meinte er dann leider auch sich selbst und seine Rolle in der Band: Harmonie-Geber für die Sänger, Latin-Phrasen, Reggae-Off-Beats, Synthie-Flächen. Du glaubst, du hast was gehört, aber du bist dir nicht sicher. So empfand er das dann. Was für ein furchtbarer Unsinn!

Es gibt eine fantastische Ballade von den Babacools, die man dieser Tagen also hören sollte: "Complain". Christophs Rhodes umtänzelt da die Gravitation einer sehr tiefen Traurigkeit. Und der Sänger lässt wissen, er könne sich nicht beschweren. Alles in seinem Leben sei ja in Ordnung, "checked an clean / A part of the machine - that's what I am." Ja, auch Musiker können sich als Teil einer Maschine fühlen. Christoph ist der Maschine, die er wohl auch selbst gebaut hat, jetzt entkommen. Er wird fehlen, will man sagen. Aber er fehlte schon lange. In den vergangenen Jahren hatten ihn seine Dämonen sehr im Griff. Am Montag ist er beerdigt worden. Woran merkt man, dass ein Keyboarder an die Himmelspforte klopft? Scheiß Witz. Scheiß Welt.

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