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Vorschlag-Hammer:Der Sommer geht, das Theater kommt

Grauer Himmel ist beim Kolumnenschreiben der Erinnerung förderlich, beispielsweise an Lipizzanerstuten und ihre Fohlen in der Julisonne im Burggarten in Wien

Ein großer Sommer geht zur Neige. Das verleitet rückwärtsgewandte Naturen dazu, mit Grabesstimme vom wohl letzten schönen Tag zu raunen, wenn mal Regen angesagt ist. Und dann? Nimmt die Sonne ein Jahr lang Urlaub? Bricht der Starnberger See unvermittelt am Ufer ab und stürzt ins Nichts? Dabei ist der Begriff vom "schönen Wetter" gelegentlich doch ziemlich subjektiv. Kolumnenschreiben bei grauem Himmel zum Beispiel ist der Erinnerung förderlich, etwa daran, wie man in der Julisonne im Burggarten, also mitten in Wien, die Lipizzanerstuten mit ihren Fohlen herumtollen sah, nachmittäglicher Freistilteil des Programms Piber meets Vienna, das sich Pferdefreunde ja gleich fürs kommende Jahr vormerken können. Denn auch 2020 gibt es, zumindest kalendarisch, wieder einen Sommer.

Piber, das ist das Lipizzanergestüt in der Südsteiermark und sichert seit 1920 eine hunderte Jahre alte Pferde-und Reitkultur - nach wie vor eine vorbildliche Alternative zum Zufrüh, Zuschnell der vielfach dem rapiden Verschleiß der Ware Pferd Vorschub leistenden Pferdesportunkultur. Piber ist zudem der Ort regen Gegenverkehrs, wo die Hengste, die in Wien ihre langjährige Ausbildung und ihre immer zahlreicheren Aufführungen bestreiten, ihren Urlaub verbringen. So werden sie gut alt: Der Methusalem unter den Hengsten ist 39 und topfit. Geduld ist das Programm bei der klassischen Pferdehaltung und Ausbildung, die nicht nur den Pferden ab dreieinhalb Jahren, sondern auch ihren Bereitern zehn Jahre lang zuteil wird, bis der Sitz passt und die Lektionen der Hohen Schule in der gewünschten Perfektion sitzen. Das kostet viel Geld, weshalb im Shop der Hofreitschule auch qualitativ minderwertige Fanartikel mit einem großen "L" darauf vertickt werden, denn: "Alles, was zählt, ist das Logo", sagt die Verkäuferin unverblümt.

Während man über einen sommerlichen Besuch in Piber zum 100-jährigen Bestehen sinniert, trudelt eine Mail ein mit dem Programm der 3. Fürstenfelder Ritterspiele vom 6. bis 8.9. mit mittelalterlichem Markt, Feuerspektakel und Turnier (Fr. 18, Sa. 14 und 18 Uhr). Immerhin auch Pferde - und ganz schön schneidige Reiter! Mit den ersten Frühnebeln also kommen die ersten Einladungen, die verheißen, dass bald Schluss ist mit tote (Theater-)hose. Man bleibt unwillkürlich am Pathos-Leporello hängen. Bombe spricht, heißt es da, Tanztheater von Bodytalk und Kaet als deutsch-israelische Koproduktion am 12. und 14. 9. (21 Uhr) im Schwere Reiter samt Gaga Workshop am 13. (18 Uhr). Das Delikate daran: Kaet aus Israel, das sind generell zu religiösen Feierlichkeiten tanzfreudige Orthodoxe (natürlich nur Männer). Der Anlass zu diesem Stück ist allerdings alles andere als fröhlich: der Tod des Israelis Arie Katzenstein durch eine Handgranate bei der gescheiterten Entführung einer El Al-Maschine am 16.2. 1970 im Münchner Flughafen - ist auch schon bald 50 Jahre her. Verhandelt wird die Frage, ob es einen positiven "Selbstmordbomber" geben könne. Nebbich.