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Vorschlag-Hammer:Der Kampf und das Kunstschöne

Das traditionsreiche München kennt auch eine Tradition des politischen Theaters. Inzwischen gehört der diskursive Protest auf der Bühne zum offiziell sanktionierten Kanon politischer Korrektheit

Das traditionsreiche München kennt auch eine Tradition des politischen Theaters. Oma und Opa erinnern sich noch an den Eklat um Peter Stein, als er 1968 nach seiner Inszenierung des "Vietnamdiskurses" von Peter Weiss im Publikum Geld für den Vietcong sammelte. Jaja, auch damals hat es schon diskursives Theater gegeben, nur dass seinerzeit derlei Stücke und die dazugehörigen Aktionen weit mehr Staub aufwirbelten als das heute der Fall ist. Denn inzwischen gehört der diskursive Protest auf der Bühne zum offiziell sanktionierten Kanon politischer Korrektheit. Dennoch darf man erwarten, dass beim 10. Festival Politik im Freien Theater (bis zum 11. November) unter dem sehr München-spezifischen Titel "Reich" in den Kammerspielen und sonstwo auch einiges zu sehen ist, das sinnlich und intellektuell Anregendes über ethische Übereinkünfte hinaus bietet.

Unter anderem denkt man in diesem Zusammenhang an das New Yorker Living Theater von Julian Beck und Judith Malina, das wegen seines radikalen politischen Engagements immer mal wieder geschlossen wurde. Beck und die Seinen tourten beispielsweise 1969, vor den Zeiten der Globalisierung, durch das von einer blutigen Militärdiktatur regierte Brasilien. Und da sage noch einer angesichts der jüngsten Wahl in Brasilien, Geschichte wiederhole sich nicht! Nur dass Beck und Malina leider nicht mehr unter uns weilen. Ihr Living Theater gastierte übrigens mehrmals beim Münchner Theaterfestival und reflektierte in dem Stück "Sieben Meditationen zum politischen Sadomasochismus" die Haftbedingungen der RAF als Folter.

Angesichts der ideologischen Grabenkämpfe von 1968 und der damit einhergehenden, lauthals herausposaunten und bejubelten politischen Irrtümer laufen heute so manche alte Kämpen von einst wohl rot an. Da hatten und haben es diejenigen einfacher, die sich aufs Kunstschöne kaprizieren. George Balanchine etwa betrachtete Ballerinen als des Mannes Schmuck, dekorierte sie 1967 im Stück Jewels zu tanzenden Smaragden, Rubinen und Diamanten - zu sehen vom Bayerischen Staatsballett am 3. November um 19.30 Uhr im Nationaltheater, gleich gegenüber von Van Cleef & Arpels. Und Christian Spuck reduzierte Leo Tolstois gesellschaftspolitisch visionären Roman Anna Karenina auf die tanzbaren Liebeswirren (am 6. , 19.30 Uhr, ebenda). Die Frage, ob Ballett, restaurativ betrachtet, an sich eskapistisch ist, sollte man zumindest für die Dauer der Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung/Junior Company am 11.11., 11 Uhr, hintanstellen. Denn da knallen die Sektkorken anlässlich des 40. Geburtstags der Stiftung. Die Hartgesottenen, die im Ballett nicht nur feuchte Augen kriegen wollen, aber freuen sich jetzt schon auf Erna Ómarsdóttirs Hardcore-Version von Romeo und Julia, die am 22., 19 Uhr, im Gärtnerplatztheater Premiere hat.