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Vorschlag-Hammer:Alles ist wahr und doch erfunden

Ein wesentlicher Teil des Schaffens von Alexander Kluge fällt in genau jene Zeit, als sich Filmemacher als Autoren im eigenen Verlag organisierten. Derzeit ist die Ausstellung "Pluriversum" des 87-jährigen Universalisten im Literaturhaus München zu sehen

Zur aus Amerika herübergeschwappten, hierzulande internalisierten "Me too"-Debatte gehört es, die Macht der alten weißen Männer anzuprangern. Ein Pleonasmus. Denn in Deutschland sind nun mal ebendiese nahezu ausnahmslos weiß. Und um die Gewichte in der Waagschale politischer Korrektheit noch ein bisschen mehr ins Schleudern zu bringen, seien hier zwei ziemlich bemerkenswerte Exemplare genannt, die, obzwar weiß, männlich und sehr alt, so doch geistig wie auch moralisch aus der allseits grassierenden Mediokrität herausragen. Michael Verhoeven ist der eine. Er gehört zu jenen unbeirrbar munteren Greisen, die, 80+, auch in Zeiten neuerlich aufbrechenden braunen Sumpfes in unserem Land, nicht aufhören, am Besseren im Menschen und in der Welt zu schrauben.

Kürzlich hat Verhoeven im Fraunhofer, während nebenan inbrünstig gejodelt wurde, vor geschlossener Gesellschaft zu jenem Film geladen, angesichts dessen man eigentlich nur entsetzt schreien will: "o.k.", Skandalon bei der Berlinale 1970, die im Wald um Wörnbrunn auf Bairisch mit den Mitteln des epischen Theaters verfilmte, als wahr verbürgte grauenhafte Episode aus dem Vietnamkrieg: GIs vergewaltigten 1966 aus Langeweile eine junge Vietnamesin und schlachteten sie ab. Dass dieser zeitlose Antikriegsfilm aus Verhoevens "glücklichster Zeit" seit Jahrzehnten nicht gezeigt werden darf, ist einem beleidigten alten Mann zuzuschreiben - dem Produzenten Rob Houwer.

Ein wesentlicher Teil des Schaffens von Alexander Kluge fällt in genau jene Zeit, als sich Filmemacher (Männer allesamt) vor einem halben Jahrhundert organisierten als Autoren im eigenen Verlag. Derzeit ist die Ausstellung Pluriversum des Universalisten von nunmehr 87 Jahren im Literaturhaus München zu sehen. Dort arbeitet man sich, mal stirnrunzelnd, mal nickend, und immer öfter amüsiert feixend voran und in die Untiefen seiner dichten Gedankennetze. Klarheit und Verwirrung widerstreiten zunehmend von Abteil zu Abteil - Schächtelchen für Schächtelchen, Matroschka für Matroschka, gleichsam begleitet von des Meisters feinem Lächeln und dem kindlich verwunderten Blick kreisrunder blauer Augen für die Welt - ohne das geringste Wimpernzucken: Alles ist wahr und doch erfunden. Als Inkarnation des Tragikomischen wirkt er, der "Lichtschlangenmensch" Helge Schneider, mit einer Lichtschnur ringend, ein einsamer Laokoon, ausgesetzt der Tücke des Objekts. Komik. Eine Zweigstelle der Philosophie heißt denn auch der Abend zweier wundersamer befreundeter Narren: Helge Schneider und Alexander Kluge kommen am Mittwoch, 24. Juli, um 20 Uhr ins Münchner Literaturhaus.