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Vorfall in Washington:Das vermeintliche Hass-Video

Schikaniert dieser Schüler der katholischen Covington High School einen Native American? Ein neues Video erzählt eine andere Geschichte.

(Foto: AP)
  • Ein virales Video soll zeigen, wie Schüler der katholischen Covington High School einen Native American schikanieren.
  • Viele Kommentatoren überzogen die Schüler daraufhin mit Hass.
  • Nun zeichnet eine längere Version des Videos möglicherweise ein anderes Bild.

Es ist eine Szene, wie sie sich das liberale Amerika kaum besser ausdenken könnte: Junge, privilegierte, weiße Trump-Anhänger verhöhnen Angehörige ethnischer Minderheiten und deren Kultur auf schamlose Art und Weise. Und zwar nicht irgendwo, sondern vor dem Lincoln Memorial in Washington. Einem Herzstück des liberalen Amerika. Der Ort, an dem Martin Luther King im Jahr 1963 seine weltberühmte "I have a dream"-Rede hielt und gleiche Rechte für Schwarze und Weiße forderte.

Das erste Video, das die Szene zeigt, wurde seit Freitag hunderttausendfach geklickt: Man sieht Schüler der katholischen Covington High School. Viele von ihnen tragen rote Baseballkappen mit dem Trump-Slogan "Make America Great Again". Die Schüler sind für den "March of Life" nach Washington gekommen, den jährlichen Demonstrationszug konservativer Abtreibungsgegner. Vor dem Memorial bilden sie einen Halbkreis. Sie grölen, sie klatschen, sie feuern sich gegenseitig an, manche lachen. Dazu hört man Trommelklang.

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Videos lassen sich seit kurzem auch in Echtzeit raffiniert manipulieren. Und das macht vielen Angst: Vor Pornos mit allem und jedem, vor gezielter Propaganda, vor dem gefakten atomaren Erstschlag.

Dann zoomt die verwackelte Smartphone-Kamera tiefer in die Menge hinein. Man sieht jetzt zwei Menschen, wie sie ungleicher kaum sein könnten. Rechts im Bild sind die dünnen, langen schwarzen Haare auf dem schmalen Hinterkopf von Nathan Philipps, einem älteren Native American und Vietnam-Veteranen zu sehen. Er singt indianisch anmutende Gesänge, dazu schlägt er mit stoischem Gesichtsausdruck eine Trommel. In bedrohlicher Nähe, nur wenige Zentimeter davon entfernt, sieht man das junge Gesicht von Nick Sandmann, einem Schüler der katholischen Covington-Highschool. Auf seinem Kopf sitzt geradezu demonstrativ die Trump-Kappe. Er schmunzelt und schaut Nathan Philipps direkt in die Augen. Spöttisch, überheblich und in dieser Direktheit auch aggressiv sieht das aus. Beziehungsweise kann es aussehen.

Denn genau hier setzen das vermeintliche Vorwissen und die Deutungsmuster beim Betrachter ein. Es gibt schließlich eine lange Geschichte der politischen, sozialen und kulturellen Unterdrückung von Minderheiten. In den USA genauso wie anderswo auf der Welt. Und es wäre grundfalsch, diese Geschichte hier auszublenden. Nur: Reicht das aus, um in diesem konkreten Fall den Stab über die Jugendlichen zu brechen? Ja, sagten viele Kommentatoren in den Sozialen Medien kurz nachdem der Fall am Freitag bekannt wurde.

"Rassistische kleine weiße Punks mit Make-America-Great-Hüten, die aus dem Samen weißer Supremacists hervorgegangen sind, haben einen Native American Leader schikaniert, verhöhnt und lächerlich gemacht." twittert Talbert Swan, ein Pastor und Bischof einer überwiegend von Schwarzen besuchten kanadischen Freikirche unter dem Hashtag #TrumpsAmerica. Knapp 3000 Nutzern gefällt das auf Twitter.

"Diese rassistischen weißen Trump-Studenten haben einen alten Native American verhöhnt", twittert auch Luke Waltham, ein Menschenrechtsaktivist. Dann gibt er noch die mutmaßliche Telefonnummer der katholischen Highschool an - mit dem Zusatz: "Hier kann man anrufen, um sich zu beschweren."

Der Fall schien also klar. Es passte ja auch wirklich alles perfekt zusammen. Bis es plötzlich nicht mehr perfekt zusammenpasste. Als neue Videos von dem Vorfall auftauchten. Und mit ihnen auch neue Perspektiven auf einen vermeintlich eindeutigen Fall.

Am frühen Montagmorgen hat CNN World einen Fernsehbericht online gestellt, der eine deutlich andere Geschichte erzählt. Entscheidend dafür ist eine dritte Gruppe von Männern, die in dem dreiminütigen Clip, der ursprünglich im Netz verbreitet worden war, gar nicht zu sehen sind. Diese vier oder fünf Männer beschimpfen nahezu alles und jeden auf dem Platz vor dem Memorial lautstark - vor allem aber die katholischen Jugendlichen, die sie "dirty bastards" und "incest-babies" nennen.

Deeskaltion überall? Nicht ganz

Mit Kameras bewaffnet rücken die Männer, die sich "Hebrew Israelites" nennen, immer näher an die abwartenden Jugendlichen heran. Spannung staut sich in der Luft an. Man ahnt, dass sich eine Konfrontation anbahnt. Bis sich plötzlich, man sieht das in den auf CNN gezeigten Aufnahmen gut, Nathan Philipps mit seiner Trommel singend zwischen die beiden Gruppen schiebt.

Er habe bemerkt, dass er sich in eine gefährliche Situation gebracht habe, sagt der Vietnam-Veteran in dem CNN-Bericht. Zwei Gruppen hätten sich gegenseitig beschimpft, fährt er fort, er habe die aufgeheizte Stimmung zwischen den Jugendlichen und den "Hebrew Israelites" deeskalieren wollen.

Auch er habe deeskalieren wollen, sagt der junge Nick Sandmann im Nachhinein. Das sei der Grund gewesen, warum er regungslos vor Nathan Philipps und den "Hebrew Isrealites" verharrt habe, während er von den Erwachsenen beschimpft worden sei.

Deeskalation also. Für den Moment. Im November 2017 hatte US-Präsident Donald Trump immerhin für einen Eklat gesorgt, als er bei einem Treffen mit Veteranen des Navajo-Stammes Witze über die Disney-Figur Pocahontas gerissen hatte. Es darf nicht verwundern, wenn ein Land, das den Hohn von ganz oben vorgelebt bekommt, bald wieder überreagiert. Auf allen Seiten.

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