Vorbericht "Musiker, jetzt übernehmt ihr!"

Das Münchener Kammerorchester übt ein neues Werk ohne Dirigent

Von Rita Argauer

Die Stimmung im Probensaal ist anders. Obwohl die Konstellation ähnlich einer ganz gewöhnlichen Orchesterprobe ist: Die Musiker spielen, vor ihnen steht ein Mensch mit der Partitur in der Hand, der hie und da Anweisungen gibt. Und doch verläuft diese Probe des Münchener Kammerorchesters zum letzten Abonnement-Konzert der Saison ganz anders: Denn der Partitur-tragende Mensch dirigiert nicht. Es ist der irische Komponist David Fennessy; und er wird seine Komposition "Hirta Rounds" letztlich völlig in die Verantwortung der Musiker geben. Unter der Leitung von Konzertmeister Daniel Giglberger wird das Orchester das Stück am Donnerstag uraufführen (neben Beethovens Violinkonzert D-Dur mit Isabelle Faust) - eine Auftragskomposition für das Kammerorchester, die mit der Vorgabe geschrieben wurde, dass sie ohne Dirigent spielbar sein müsse.

"Das hatte ganz pragmatische Gründe", erklärt Florian Ganslmeier, der Geschäftsführer des Orchesters: "Es geht um Repertoireerweiterung." Dem Orchester sind die Stücke ausgegangen. In München nehme man das nicht so wahr, denn hier tritt das Ensemble fast ausschließlich mit Dirigenten auf. Doch viele der Gastspiele außerhalb der Landeshauptstadt seien Konzertmeisterdirigate - in dem Fall wird also unter der Leitung von Giglberger, der gleichzeitig Geige spielt, aufgetreten. Das ist bei einem kleinen Orchester, das ausschließlich mit Streichern besetzt ist, nun erst einmal nicht so ungewöhnlich. "Ein Kammerorchester kann man sowohl als erweiterte Kammermusik, als auch als Sinfonieorchester sehen", sagt Ganslmeier, wenn sie ohne Dirigent spielen, dann sei das mehr ein kammermusikalisches Musizieren.

Das Problem, das nun zu der Uraufführung führt, ist ein anderes: Es gibt kaum Neue Musik, die ohne Dirigent spielbar ist. Die Kompositionen sind meist einfach zu komplex. Da das Kammerorchester in seinem Repertoire aber einen bewussten Fokus auf der Musik des 20. Jahrhunderts und der Neuen Musik hat, sollte diese auch auf den Tournee-Konzerten weiterhin stattfinden: Es mussten neue Stücke her.

Von hier an wird die Arbeit der Musiker besonders. Denn plötzlich verschlingen sich in diesem Ensemble Wege und Verbindungen, die innerhalb der Institutionalisierung, die größere Orchester häufig erfahren, kaum möglich sind. Der Wunsch zur Auftragskomposition kam aus dem Orchester, die Musiker hatten bei einem Projekt der Münchner Biennale David Fennessy kennengelernt, waren beeindruckt und wünschten sich die Zusammenarbeit mit ihm. Und die verlief außergewöhnlich nah: Schon im vergangenen Dezember besuchte Fennessy das Orchester zum ersten Mal. "Ich musste herausfinden, ob meine Ideen nicht völlig verrückt waren", erzählt er. Auch für ihn war es neu, für ein Orchester ohne Dirigent zu schreiben, "die Musik muss einfach sein, damit sie es alleine spielen können, und soll aber gleichzeitig auch komplex sein", erklärt er. Er wollte also kein stumpfes "Eins-zwei-drei-vier"-Geklopfe, wie er im Anschluss an die Probe vorzählt, sondern eine einfache, aber dennoch verzahnte Ästhetik.

Es ist ein fließendes Stück, tonal kreist es um wenige Töne und setzt sich auf wellenartige Impulse, die Giglberger während des Geigenspiels durch das Orchester schicken kann. Die Komplexität ergibt sich aus den verschiedenen Schichten, die die Musiker, oft solistisch, dann im Trio auftürmen und gegeneinander auflaufen lassen. Die Klangästhetik ist wichtig. Mehr Kratzen, oder mehr Ton, solche Fragen stellen die Musiker dem Komponisten immer wieder. "Von beidem etwas", sagt er der Kontrabassistin Tatjana Erler, die daraufhin ein ehrliches "I try. . ." antwortet. Komponist und Musiker agieren auf Augenhöhe.

Beim letzten Durchlauf dreht sich Fennessy schließlich um, er will nicht mehr sehen, wie die Musiker spielen, nur hören. "Das klang super", sagt er danach, "ich will gar nicht wissen, wie ihr das gemacht habt, macht es so". Damit hat er das Stück künstlerisch an die Musiker übergeben. Etwas, das die Musiker zu einer besonderen Aufmerksamkeit bringt, mit der sie das Stück behandeln und erspüren.

Münchener Kammerorchester, Do., 2. Juli, 20 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12