Von Kassel bis Venedig Die wichtigsten Kunst-Events 2012

Es ist ein Ausstellungs-Marathon: Eine Vorausschau auf die großen Ereignisse in der zeitgenössischen Kunst in diesem Jahr zeigt, wie beliebt aktuelle Werke sind. Und wo dennoch Entdeckungen zu machen sind.

Von Georg Imdahl

Auf das Publikum kann sich die Gegenwartskunst derzeit verlassen. Der Zulauf zu den großen periodischen Ausstellungen steigt ständig, zu einer gelungenen Biennale gehören per se hohe Besucherzahlen, am besten Zuwachsraten, also Rekorde. So auch bei der Documenta.

Kunst ist 2012 so präsent wie nie: Etwa im Medienhafen in Düsseldorf, wo die 'Flossis', von der Künstlerin Rosalie entworfene Figuren, an einem Gebäude hochklettern.

(Foto: dpa)

Sie hat sich bei ihren zurückliegenden Ausgaben regelmäßig selbst übertroffen und hat vor fünf Jahren 750 000 Besucher begrüßen können - eine Zahl, die sie 2012 natürlich nicht unterbieten darf, soll sie nicht als Misserfolg in die Annalen eingehen. Die 54. Biennale in Venedig wiederum haben im vorigen Jahr 440 000 Besucher gesehen, mit denen die Bestmarke von 2009 (365 000 Besucher) noch einmal um zwanzig Prozent in die Höhe geschraubt wurde; auch die Berlin-Biennale verzeichnete in ihren letzten Ausgaben stets steigende Quoten.

Bemerkenswert ist der Run auf die Gegenwartskunst schon deshalb, weil bei den genannten Anlässen Meisterwerke aus dem MoMA nicht präsentiert werden. Ins Schaufenster gestellt werden vielmehr atelierfrische Arbeiten einer bisweilen durchaus spröden, ja hermetischen Produktion, die auch für das professionelle Publikum keineswegs immer schnell und vollends durchsichtig ist. Vieles von diesem Angebot muss jedenfalls auf ausgeprägtes Interesse rechnen, um überhaupt adäquat wahrgenommen werden zu können.

Der Boom der zeitgenössischen Kunst dürfte sich in diesem Jahr bestätigen, wenn in Deutschland außer der Documenta weitere international beachtete Ausstellungen eröffnen - wie die siebte Berlin-Biennale oder der Hannoveraner Überblick "Made in Germany", der sich 2007 erstmals an die Documenta angehängt hatte.

Hinzu kommen die neunte Manifesta im belgischen Genk (bei Maastricht) und die dritte Kunsttriennale in Paris, die diesmal von Okwui Enwezor verantwortet wird. Marrakesch, Sidney und Sao Paulo, Havanna, Bukarest, Liverpool - und in Indien debütiert im Dezember die Kochi-Muziris-Biennale. Ehe man sich's versieht, hat sich die Agenda 2012 mit Biennalen allüberall gefüllt. Keine "Grand Tour" steht in unseren Breiten zwar bevor wie 2007, wohl aber ein veritabler Kunst-Marathon.

Was erwarten die Besucher von der "zeitgenössischen" Kunst? Wie der Name sagt: Sie konfrontieren sich mit der eigenen Zeitgenossenschaft in (hoffentlich) verdichteter visueller Form, erfahren hautnah, wie sich der Status quo der Gegenwart anfühlt und wie man selbst sich dabei fühlt, noch nicht kanonisierte Kunst nach eigenem Urteil zu goutiereren oder zu verwerfen. So lassen sich auch je eigene Kriterien und Werte auf den Prüfstand stellen. Zeitgenössische Kunst ist "Ausdruck unserer Zivilisation" (Chris Dercon) und hat einiges an kritischen, ironischen, verkopften, absurden Pointen zu bieten.

In Venedig anno 2011 konnte man in die Alpträume eines Drohnenlenkers eintauchen, der von den eigenen Dämonen heimgesucht wird, sah in einem makabren fiktiven Video, wie die Asche des Leichnams von Adolf Eichmann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Mittelmeer verstreut wird, setzte sich Fotografien mit grauslichen Verstümmelungen in einer wuchernden Installation über Kapitalismus und Krieg aus. Man hörte Opernsängern zu, die Erinnerungen...

Hokusai-Ausstellung in Berlin

Höhere Ordnung des Fuji