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Von Heidelberg nach Berlin :Der erste Zivilist im Staate

Ein Fotoband über den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zeigt Freud und Leid des Reichspräsidenten, der für Medienauftritte und PR wenig Gepür besaß, viel weniger als Wilhelm II.

Von Robert Probst

(Foto: AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung)

"Ebert ist Süddeutscher; er ist am 4. Februar 1871 in Heidelberg geboren. Als siebzehnjähriger Sattlergeselle zog er in die Fremde und wurde nach dreijähriger Wanderschaft in Bremen ansässig. Wie die meisten sozialistischen Arbeiter kam er über den Weg der Gewerkschaftsbewegung zum Sozialismus." So beschreibt sich das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt nach seiner Wahl im Jahr 1919 in einer autobiografischen Skizze selbst. Da ist nichts von Selbstinszenierung, Pomp und Polit-PR. Und so waren auch seine Auftritte als SPD-Politiker, Revolutionär im Jahr 1918 und später als Reichspräsident von 1919 bis zu seinem Tod im Jahr 1925. Ein üppiger, großformatiger Bildband über Friedrich Ebert zeigt nun, 100 Jahre nach seiner historischen Wahl, die neue Art der politischen Repräsentation und gleichzeitig auch deren Tragik.

Walter Mühlhausen, Vorstand der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, hat diesen Band in langjähriger Arbeit zusammengetragen, sozusagen als Abrundung seiner diversen Ebert-Biografien und -Studien. Mehr als 400 Fotos sind hier versammelt, biografisch und thematisch geordnet. Man sieht einen ernsthaften Mann, der erkennbar um Würde und Haltung bemüht ist, einen kleinen, kaum 1,65 Meter großen Politiker, der Bescheidenheit und Korrektheit auszustrahlen versucht. Einen ersten Mann im Staate, der 1922 seiner Nichte schreibt: "Aber eine Reise als Reichspräsident ist mir nichts weniger als Freude." Ein Zivilist und Proletariersohn auf großer Bühne, die ihm nicht immer behagt. Selten sieht man ihn fröhlich. Eine der wenigen Ausnahmen ist oben abgebildet: Ebert mit seiner Frau Louise auf dem Weg zur Stimmabgabe bei der Reichstagswahl im Juni 1920 - offenbar ohne Sicherheitsbeamte.

Was man in dem Band nicht sieht und sich dazu vorstellen muss, ist der Paradigmenwechsel in der Bildsprache, die mit dem Untergang der Monarchie und der Errichtung der Demokratie einherging. Kaiser Wilhelm II. war, so schreibt Mühlhausen in der Einleitung, im Gegensatz zu Ebert ein Medienstar und die wohl am häufigsten fotografierte und gefilmte Person seiner Zeit, vor allem als Hohenzollern-Kriegsherr.

Walter Mühlhausen: Friedrich Ebert. Sein Leben in Bildern. Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2019. 272 Seiten, 38 Euro.

Ebert und seine Leute hatten für PR und Pomp kein Gespür und zunächst auch keine Lust darauf. Das hing sicher mit den zahllosen Verleumdungen und persönlichen Angriffen auf Ebert vonseiten der Republikfeinde, Monarchisten und Völkischen zusammen. Und auch mit Eberts Person und Amtsverständnis, was ihm zur Ehre gereicht, aber der Popularisierung der neuen Staatsform keinen Auftrieb verschaffte. Zudem waren die Zeiten angespannt, innen- und außenpolitisch gab es wenig zu feiern - im Gegenteil: bis 1923 schrammte die junge Republik immer wieder am Bürgerkrieg vorbei.

Die Betrachter erfahren auch viel über die damalige Fototechnik und die Quellenlage - und darüber, wie die damalige Presse - und da nicht nur die rechtsgerichtete - Fotos benutzte, um den Präsidenten und damit die Demokratie lächerlich zu machen: Ebert in Badehose, Ebert auf einem Podest, damit er über eine Brüstung schauen konnte, und vom Wahltag 1920 erschien nicht das Foto vom gut gelaunten Ebert, sondern eines mit einem griesgrämig dreinblickenden Präsidenten.

Ein Buch für Ebert-Kenner, Foto-Experten und auch für Menschen, die sich für Macht und Machtmissbrauch der Presse in der Weimarer Republik interessieren.

© SZ vom 26.11.2019
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