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Von der Longlist des Deutschen Buchpreises:Brüchiger nie

Die Idylle ist wieder da, in der Literatur deutscher Debütanten. Dass da etwas nicht stimmen kann, zeigt Raphaela Edelbauers Roman "Das flüssige Land".

Eher ruhig war es in der Literatur lange Zeit um die Idylle - wenig überraschend hinsichtlich der Großwetterlage, aber auch dessen, was literarisch interessant zu verarbeiten ist. Was soll man schon erzählen, wenn alles in schönster Ordnung ist? Zuletzt stand ein Roman in der Kritik, der eine mit Idylle garnierte Geschichte wenig überraschend als verdrehte Dystopie erzählt: In Karen Köhlers "Miroloi" (Hanser-Verlag) widerfahren der Protagonistin auf einer sogenannten "Schönen Insel" schreckliche Dinge. Die Welt des Romans ist ebenso archaisch gewaltvoll wie anheimelnd strukturiert. Zur Diskussion stand besonders Köhlers betont schlichter, fast kindlicher Manierismus sowie die Frage, ob das die geeignete Form für eine emanzipatorische Selbstfindungsgeschichte sei.

Raphaela Edelbauers Roman "Das flüssige Land" verhält sich in vieler Hinsicht komplementär zu "Miroloi". Die Erzählerin ist keine 15-jährige Unschuld von der Insel, sondern eine 35-jährige, mit diversen Psychopharmaka gedopte Hochleistungsphysikerin, die kurz vor der Habilitation steht. Nachdem Ruth Schwarz' Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, möchte sie zur Vorbereitung einer Ansprache bei ihrer Beerdigung deren Biografien besser verstehen. Zu diesem Zweck macht sie sich von Wien aus auf in die österreichische Provinz, um in eine Region namens Groß-Einland zu gelangen, in der ihre Eltern aufwuchsen.

Tief in den Wäldern eines nicht näher bezeichneten Teils des doch eigentlich nicht so unübersichtlichen Österreichs stößt sie schließlich auf ein Städtchen, dessen Flair sie sich nicht entziehen kann: "Groß-Einland war von unfassbarer Schönheit, ähnlich der Kulisse eines Mittelalterfilms, in dem die Hochphase des Handwerks an makellosen Fassaden entlang ausgewiesen wird." Hier bleibt Ruth nun für sie selbst überraschend mehrere Jahre, denn nicht nur ästhetisch bewegt sie sich scheinbar in der besten aller denkbaren Welten. Auch sozial ist auf den ersten Blick alles in Butter: "Jeder Bewohner besaß eine genau bezifferte Bedeutsamkeit in diesem sozialen Gefüge, die man mit Händen greifen konnte, denn sie war hierarchisch und wurde ihren Bedingungen nach meist offengelegt. Die einfachsten Verrichtungen hatten etwas Magisches an sich."

Ein Hohlraum destabilisiert den Boden, auf dem dieser unheimlich schöne Teil Österreichs erbaut ist

Weil wir uns aber in einem Roman für die Großen und nicht in einem Pixie-Buch für die Kleinen befinden, stellt sich heraus, dass die Heimeligkeit schwer zu übersehende Risse hat. Praktischerweise darf das ganz wörtlich aufgefasst werden: Unter Groß-Einland befindet sich ein riesiger Hohlraum namens "das Loch", der den Boden destabilisiert, auf dem dieser unheimlich schöne Teil Österreichs erbaut ist. Ab dem Moment, in dem das Ausmaß des metaphorologischen Interesses Edelbauers an diesem Loch deutlich wird, erhält auch die Grenze zwischen Roman und Pixie-Buch Groß-Einland-mäßige Risse.

Loch in der Heimat: Höhlen und Stollen in der österreichischen Landschaft dienen Raphaela Edelbauer als Metaphern für Abgründe, die sich in der Idylle auftun können. Hier der Eingang zu einem Triftstollen in Niederösterreich.

(Foto: imago)

Denn dieses Loch dient nicht nur den Bewohnern als Halde, auf der sie ihren Bauschutt verklappen, es dient auch dem Buch dazu, seinen Plot in Richtung Vergangenheitsbewältigung auszudehnen. Es kommt heraus, dass Groß-Einland, das von einer schrecklich-jovialen Gräfin beherrscht wird ("Ich bin die Ulrike", stellt sie sich irgendwann vor), eine düstere Vergangenheit hat. Der Reichtum der Gräfin beruht nämlich nicht zuletzt auf der Arbeit ungarischer Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkriegs für die Industriellenfamilie, der die Gräfin entstammt, ausgebeutet und dann ermordet wurden. Das Loch ist der Ort, an dem Groß-Einland seine Gewaltgeschichte verscharrt.

Wer Idylle sagt, muss Verdrängung meinen: Dieser nicht ganz taufrische Gedanke spielt sowohl bei Edelbauer, als auch in Köhlers "Miroloi" eine zentrale Rolle. Köhler greift auf einen nervtötenden Simplizissimus, Edelbauer auf einen ins Schnörkelige driftenden Stil zurück, um die Unerreichbarkeit einer heilen Welt angemessenen poetisch abzubilden. Der Abstand zum unterstellten Alltagserleben des Publikums ist damit geschaffen. Es fragt sich aber, ob ein Publikum, das den Weg zu diesem Buch gefunden hat, aufklärungsbedürftig beispielsweise hinsichtlich der Tatsache ist, dass es leider doch keine Welt gibt, die frei von überzogenen Ansprüchen an Habilitandinnen ist, dafür aber voller sozialen Friedens und in gutem Einvernehmen mit der historischen Verantwortung für den Faschismus.

Dass ihre Welt so gut nicht ist, erfährt Ruth, als ihre Fähigkeiten als Physikerin in Dienst genommen werden, um den Hohlraum mithilfe eines Füllmaterials zu befestigen, das sie selbst erfindet. So erhält sie Zugang zu Unterlagen über die Geschichte des Ortes, in denen sie etwas über die unmittelbare Vorgeschichte des Todes ihrer Eltern erfährt. Diese waren ebenfalls nach Groß-Einland zurückgekehrt, um mehr über dessen verleugnete Vergangenheit herauszufinden, die offenbar stark mit ihrer eigenen Biografie zusammenhängt. Anhand der Tagebuchaufzeichnungen eines weiteren Groß-Einländers rekonstruiert Ruth, dass es sich bei ihren Großeltern um Juden handelte.

Selbst für gutgläubige und zugewandte Leserinnen wird der Roman da zur Zumutung

Spätestens an dieser Stelle wird der Roman, der von fiktiven Auszügen aus Ruths Habilitation und Archivmaterialien durchsetzt ist, zu einer Zumutung selbst für gutgläubige und zugewandte Leserinnen und Leser: Nun gut, es gibt da also dieses Loch - unklar, wie das statisch gehen soll, und warum die fast habilitierte Physikerin so zugeknöpft ist, was statische Details angeht. Nun gut, schuld an allem ist unter anderem "die Ulrike", und ja, vermutlich, weil ihre Familie mit den Nazis zusammengearbeitet hat, schlimm genug, man kennt das, die Hoffnung auf nähere Ausführungen dazu gibt man spät auf. Und okay, die Risse in der Erde symbolisieren die Risse in den Gewissheiten der Erzählerin, viel Halt scheint sie bei ihrem Codein-Konsum nicht gehabt zu haben. Ihr nun aber auch noch jüdische Großeltern zu verpassen, die das Ausmaß an Involviertheit in die Geschichte Groß-Einlands steigern, wirkt plotstrategisch wohlfeil und historisch frivol.

Autorin Raphaela Edelbauer

Die Autorin Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien.

(Foto: Victoria Herbig/dpa)

Sowohl die Anbindung des Romans an die Gegenwart, als auch an die Geschichte ist äußerst lose gestrickt: Gegenwart wird er durch seine eskapistische Grundanlage los. Unter anderem stellt sich nach Ruths Ankunft heraus, dass herrlichste Glasfaserkabel unter Groß-Einland befindlich sind, die aber niemand nutzen möchte. Kein Interesse am Internet, ihr Handy vernichtet Ruth schon auf der Hinfahrt. Ein Supermarkt im Ort und ein Fernseher hingegen stören keinen großen Geist, der Roman schreitet antiquiert tönend voran. Die reale Vergangenheit, insbesondere die des Austrofaschismus und der Shoah, ist mit den Stichworten Mauthausen, KZ, Zwangsarbeiter abgesteckt, der Rest sind von Edelbauer selbst erdachte Spezialmythen ihres im verwunschenen Wald gelegenen Horrorörtchens. Während es einerseits erfrischend ist, dass es hier jemand mit dem Ausdenken so ernst nimmt, wäre es auf der anderen Seite erleichternd, wenn der Eindruck entstünde, dass es sich mit der historischen Recherche ebenso verhält.

Dass die einzige Heimat, die Ruth je gekannt hat, nur als eine Art Albtraum Realität hat, wird ihr deutlich, als sie schließlich den Absprung schafft und nach Wien zurückkehrt: "Ich würde schon abends, dachte ich, am Donaukanal sitzen, in dieser schnurgeraden Betoneinfassung des Flusses, und Menschen aus allen Nationen würden mit Lautsprechern und Dosenbier in der Hand an mir vorbeirinnen. Groß-Einland wäre mir nichts mehr als ein merkwürdiger Traum, wenn ich den Faden, wo ich ihn verloren hatte, wieder ergriffe."

Die Botschaft gilt offenbar als überzeugend: Der Roman steht auf der Longlist des Buchpreises

Eine von vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Traditionen und Ethnien mehr oder weniger friedlich bewohnte Großstadt ist hier die eigentliche Insel der Seligen. Viel spricht dafür, dass dieser am Ende angerufene Ort die Gegenwelt und sogar das Gegengift zu der Homogenisierungsfantasie ist, die Edelbauer mit Groß-Einland entworfen hat. Mühsam ist jedoch die Beflissenheit, mit der das Buch auf das Publikum einhämmert, dass der feste Grund, auf dem wir auch an solchen Orten zu stehen glauben, längst ein flüssiges Land geworden ist. Dass es sich bei unserer Gegenwart um eine immer schon instabile Welt handelt, die auf Fiktionen beruht.

Diese Botschaft wurde offenbar für so überzeugend gehalten, dass Edelbauers Debüt wie Köhlers "Miroloi" auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet ist. Die Mischung von zeitgeistigen Themen mit Archaik und Fantastik scheint einen Nerv zu treffen. Möglicherweise auch, weil sich die Autorinnen die Mühe machen, den Blick vom eigenen Nabel abzuwenden, die Perspektive zu erweitern - und im Fall von "Das flüssige Land" mit einer Reflexion auf den (österreichischen) Umgang mit der Geschichte zu verbinden. Allerdings arbeiten sowohl Edelbauers, als auch Köhlers Versuche, eine brüchige Idylle als Genre zu aktivieren, in dem sich der Verlust von Eindeutigkeit gut modellieren lässt, unablässig mit Vereindeutigungen. Unschuldige Frauen gegen böse Männer, hübsche Fassaden gegen düstere Löcher, Erinnern gegen Vergessen, multikulturelle Großstädte gegen homogene Dörfer, der Zeit entrückte Inseln gegen stressige Moderne. So entsteht zumindest in diesen Romanen ideologische Übersichtlichkeit, offene Fragen, Mischzustände, Uneindeutigkeit bieten sie nicht an. Es ist sehr schade, dass zwei mit zeitgenössischen Konflikten so vollgesogene Bücher so weltarm geraten sind.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 350 Seiten, 22 Euro.