Volkstheater:Unter edlen Helden

Ritterschauspiele Kiefersfelden

Nicht immer geht es auf der Bühne des Kiefersfeldener Theaterhauses so gewaltsam zu wie in dieser Szene von "Kaiser Oktavianus", in der die ritterlichen Kreuzfahrer gegen die Sarazenen kämpfen. Geschrieben hat das Stück im Jahr 1835 Josef Schmalz, der "Hausautor" des Theaters.

(Foto: Markus Mitterer)

Seit 400 Jahren gibt es die Ritterschauspiele in Kiefersfelden. Erhalten hat sich hier eine einzigartige Spiel- und Sprechtradition

Von Sabine Reithmaier

Der Schock war groß. "Aber wir sind uns sicher, er will, dass wir seine Arbeit weitermachen", sagt Philipp Kurz. Der Vorsitzende der Theatergesellschaft Kiefersfelden ist erschüttert über den plötzlichen Tod des langjährigen Spielleiters Andreas Gruber. Knapp drei Wochen vor der Premiere der "Jubiläumsinszenierung" ist der 61-Jährige völlig unerwartet gestorben. Aber das Volkstheater feiert heuer sein 400-jähriges Bestehen. Da kann man nicht so einfach absagen, auch wenn die Lust zum Spielen gering ist.

14 Jahre hat Gruber die berühmten Ritterschauspiele geleitet, sie behutsam modernisiert, das Jubiläumsstück mit dem schönen Titel "Kaiser Oktavianus oder: Die unschuldig mit ihren Kindern in das Elend vertriebene Kaiserin Dianora" von sechs auf verträgliche vier Akte und dreieinhalb Stunden reduziert. Die unverwechselbare Sprache und den speziellen Gestus hat er freilich nicht angetastet.

Spiel- und Sprechtradition, Geste und Sprache werden in Kiefersfelden von Generation zu Generation weitergegeben. Dadurch hat in dem Ort eine historische Bühnenpraxis des 19. Jahrhunderts überlebt, die es sonst nirgendwo mehr gibt. Das Jubiläumsstück stammt natürlich aus der Feder des "Kieferer" Hausautors Josef Georg Schmalz. Der Kohlenbrenner, 1804 im Zillertal geboren, kam 1838 nach Kiefersfelden. Die 23 Stücke des "Bauernshakespeare", wie ihn der Schriftsteller Ludwig Steub 1862 liebevoll nannte, machen bis heute einen Großteil des Spielplans aus.

Schmalz war ein genialer Verwertungskünstler. Ob Schillers "Räuber", "Wilhelm Tell", "Maria Stuart" oder Shakespeares "Macbeth" - der belesene Kohlenbrenner verknüpfte die Klassiker kreativ und ungeniert mit den Ritter-und-Räuber-Romanen seiner Zeit. Im Falle von "Kaiser Oktavianus" standen ihm vermutlich mehrere Quellen zur Verfügung: Der Text eines unbekannten deutschen Autors, der die Sage nach lateinischen und französischen Quellen im 16. Jahrhundert aufschrieb, und Johann Ludwig Tiecks erste dramatische Bearbeitung aus dem Jahr 1804.

Schmalzs Stücke sind eine bizarre Mischung aus pathetischem Ernst, romantischen Gefühlen und urwüchsiger Komik. Die Handlung spielt in einer unwirklichen Welt, aber grundsätzlich im Ausland. Die Hauptfiguren sind Könige, Grafen und Ritter, die entweder sehr edel oder abgrundtief böse sind. Die Situation ist jedenfalls immer eindeutig, während die Handlung meist höchst komplex ist. "Kaiser Oktavianus" gilt als das aktionsreichste Werk von Schmalz, es spielt in Rom, Paris und im Heiligen Land. Allein zwischen dem ersten und zweiten Akt liegen 18 Jahre Zeitunterschied, schließlich müssen die Söhne von Kaiserin Dianora zu tollen Rittern heranwachsen. Aber die Geschichte, die so schrecklich beginnt - Kaiser Oktavianus verstößt seine Frau, weil er auf die Intrigen des bösen Mangold hereinfällt, und die wiederum lässt sich im Wald ihre Kinder von einem Affen und einem Löwen rauben -, geht natürlich gut aus, wenn auch erst nach diversen Kämpfen mit viel Schwertergeklirr. Und keine Sorge: Die Schauspieler sind es gewohnt, dass das Publikum an den falschen, nämlich den todernsten, völlig witzfreien Stellen lacht. Auch wenn manche Passagen aus heutiger Sicht komisch wirken, es handelt sich niemals um eine Parodie.

Die raschen Ortswechsel ermöglicht ein raffiniertes Drehkulissensystem, mit dem im Handumdrehen die Szenerie verändert werden kann. Es ist amüsant, den plötzlich auftauchenden Händen zu zusehen, die die links und rechts hängenden, unmittelbar nacheinander gestaffelten Kulissen drehen und wieder fixieren. Aus dem Gemach im kaiserlichen Palast wird binnen Sekunden ein Wald und genauso schnell wieder ein Rittersaal oder eine orientalische Landschaft.

Das hölzerne Theatergebäude stammt wie das Kulissensystem aus dem Jahr 1833. Die Theatertradition ist aber weit älter. Tiroler Schmiede, die im 1611 gebauten Eisenhammerwerk ihr Geld verdienten, hatten den Einheimischen im Jahr 1618 angekündigt, "dass sie eine Komödi vom Stapel lassen werden", notierte Dorfpfarrer Johannes von G. Gierl 1899. Das machten sie dann auch. Sechs Originaltexte aus der Zeit zwischen 1753 und 1777 sind im Archiv erhalten. Die Kieferer beobachteten damals misstrauisch, wie der Flintsbacher Pfarrer, ein "aufgeklärter", gegen das "Comödispill" wetterte, das seiner Meinung nach gegen alle guten Sitten verstieß. 1784 wurden alle geistlichen Spiele verboten.

Erst um 1801 fassten die Kieferer wieder Mut. 1802 führten sie das erste Ritterschauspiel auf, "Die Fürstin Hirlanda". Inzwischen durften sie auch wieder religiöse Stücke spielen, nur die Königsdisziplin, eine Passion, war ihnen verwehrt. 1811 begründete Spielleiter Wolfgang Schwarz das Gesuch mit einem Gelübde, das die Kieferer angeblich 1809, als der Feind das Dorf mit Abbrennen bedrohte, abgelegt hatten. Der Trick funktionierte nicht, 1812 kam die Ablehnung. Schwarz ließ sich nicht beirren, probierte es ein Jahr später wieder, und es klappte. Aber nur ein einziges Mal.

Die Schmalz-Stücke haben noch eine Besonderheit: den Kasperl, auch "Lipperl" genannt, die komische Dienerfigur, die unter verschiedenen Namen auftaucht, Dialekt spricht und sich gern dumm stellt - es war die Paraderolle von Andreas Gruber. Jetzt ist Sepp Goldmann für ihn eingesprungen. Dass Namen genannt werden, ist übrigens die absolute Ausnahme, das Programmheft enthält nur die Rollenbezeichnungen. Und es gibt nur einen Schlussapplaus, keinen weiteren Vorhang. Was zählt, ist die Ensembleleistung.

Kaiser Oktavianus, Premiere Sa., 28.7., 17 Uhr, Theaterhaus Kiefersfelden, weitere Aufführungen bis 16.9. (www.ritterschauspiele-kiefersfelden.de)

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