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Theater:Männer, die Frauen hassen

Glaube Liebe Hoffnung, Volkstheater München

Bei Horváth ist die Liebe nur ein aufgeblasenes Kondom: Alfons (Jakob Gessner) hat die Nacht mit Elisabeth verbracht (hinten: Nina Steils)

(Foto: Gabriela Neeb)

Christian Stückl inszeniert am Münchner Volkstheater Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" und schickt seine Protagonistin durch eine Geisterbahn des Patriarchats und des gesellschaftlichen Grauens.

Die (Be-)Achtung der Frau erlebt im Moment ja einen Aufwind. In Zeiten von "Me Too" und "Time's Up" reißt sich die Männerwelt am Riemen und gibt sich Mühe. Auf einmal sind da ganz viele Frauenförderer und Frauenversteher. Auch Christian Stückl, der Intendant des Münchner Volkstheaters, hängt seine Segel in den feministischen Wind, wenn er nun an seinem Haus Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" mit starker Betonung der darin enthaltenen Misogynie erzählt. Über seine Inszenierung könnte man gut den schwedischen Originaltitel von "Verblendung", Stieg Larssons Auftakt zu seiner "Millennium"-Trilogie rund um die Superheldin Lisbeth Salander, setzen: "Männer, die Frauen hassen".

Und wie hier die Männer die Frauen hassen! Würde Stückl seinen Ansatz wirklich so brutalkomisch-krass durchziehen wie angelegt und würde sich seine Inszenierung nicht immer wieder verweichlichen und verläppern, es wäre ein grandioser Männerhassabend. Eine Abrechnung nicht nur mit "der Gesellschaft" im Allgemeinen, die Horváths Protagonistin Elisabeth mitleidlos untergehen lässt, sondern insbesondere auch mit dem feisten, dreisten Geschlecht, das sich seit je als das stärkere aufspielt. Es gibt Szenen, in denen die Männlichkeit plötzlich so extrem brutal zuschlägt, dass es einen durchzuckt. Und es gibt eine Wirtshausszene, die so fies gezeichnet und boshaft ist wie eine Manfred-Deix-Karikatur, nur nicht so grellbunt, denn bei Stückl herrscht auch optisch die Schwärze des schwarzen Humors.

In dieser Wirtshausszene, die an einem langen Tisch in neidgrünem Licht spielt, hängen die Herren über ihrem Bier und stieren oder mampfen dumpf vor sich hin. Es gibt patriotische Würste ("Deutschländer!"), und es wird sehr viel geraucht. Der Herr Amtsgerichtsrat, den Pascal Fligg als famos schmierigen Widerling mit gefährlich flackerndem Blick gibt, furzt ungeniert. Neben ihm leidet seine vor Abscheu implodierende Angetraute (Luise Deborah Daberkow). In ihrem Hass auf Frauen sind sich die Ekelpakete am Tisch alle einig, sie bezeichnen sie als "Restmüll", als den "geborenen Feind des Mannes". Einem tropft vor Degout der Speichel aus dem Mund, wenn er frauenfeindliche Witze reißt.

Eine widerwärtige Runde. In ihrer Mitte: die notgeplagte Elisabeth, die hier noch voller Hoffnung ist, denn sie hat nun einen Verlobten, den Schutzpolizisten Alfons, mit dem sie aus ihrem Schlamassel herauskommen könnte. Aber das ist nur ein kurzer Lichtblick. In der von Horváth beschriebenen Gesellschaft ist sich jeder selbst der Nächste und für Empathie kein Platz.

Einen "kleinen Totentanz in fünf Bildern" nannte Horváth im Untertitel sein tragikomisches Stück, das zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den Dreißigerjahren spielt. Stückl behält in seiner karikaturhaften Umsetzung den Zeitrahmen bei. Da wird Elisabeth als "Fräulein" angeredet, und es sind die fehlenden "150 Mark" für ihren "Wandergewerbeschein", die sie in einen Teufelskreis bringen: ohne Geld keine Arbeit und ohne Arbeit kein Geld. Gleich zu Beginn meldet sich Elisabeth beim Anatomischen Institut, um dort ihren Leichnam schon zu Lebzeiten zu verkaufen. Das klappt zwar nicht, aber der Präparator leiht ihr das Geld. Als er erfährt, dass Elisabeth damit ihre Vorstrafe bezahlt hat, die sie wegen Handelns ohne Gewerbeschein aufgebrummt bekam, bringt er ihr wegen "Betruges" eine Haftstrafe ein. So nimmt Elisabeths Schicksal seinen Lauf.

Die tote Eliabeth bekommt eine Zombie-Szene als untote Rächerin

Stückl erzählt das in einer hoch grotesken Bildersprache, die Horroreffekte mit Monty-Python-Humor mischt. Er schickt Elisabeth durch eine Geisterbahn des Patriarchats und des gesellschaftlichen Grauens. Die Ausstattung, die Stefan Hageneier dafür geschaffen hat, erzeugt eine fast expressionistische Gruselfilmstimmung. Wie von Geisterhand kann die Bühne sich zum engen Riegelraum verschließen, in den kaltes Nebellicht fällt, oder aber sich nach hinten erweitern zu einem düsteren Pathologiesaal mit schwarzen Tischen und verdreckten Oberlichtern. Hier schrecken schon mal Leichen hoch, in einer Schüssel liegen Gedärme, alles ist gar albtraumhaft.

Seltsame Gestalten mit Anzug und Melone schleichen herum. Der verdruckste Präparator mit seinem Schockschwerenotgesicht (Oleg Tikhomirov) wirkt wie ein Hochdruckkessel mit Deckel, wenn er schnaubend seine Sätze hervorpresst. Jakob Gessner tänzelt den selbstverliebten Schupo Alfons wie einen verhinderten Nurejew auf die Bühne. Und was für ein langes Elend der fast zwei Meter große Mauricio Hölzemann als Vizepräparator und als Transe ist! Lauter gute Stellschrauben für einen Gruselschocker. Es fehlt nur leider: die eine Drehung mehr, die das Treiben tatsächlich zu einem bösen Horrortrip macht. Auch sind nicht alle auf demselben Spielniveau.

Nina Steils ist als Elisabeth das menschliche Herz in diesem Schreckenskabinett, eine selbständige junge Frau mit einer optimistischen Einstellung und einem gesunden Humor. Sie macht das gut. Trägt auch mal Hosenanzug. Sie ist kein Opfer. Der Regisseur schenkt ihr am Ende, wenn sie tot aus der Isar gefischt wird, eine Zombieszene als untote Rächerin. Leider fehlt auch hier die eine Drehung mehr: hin zum richtig guten Trash á la "Kill Bill".

© SZ vom 03.12.2018
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