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Volksbühne Berlin:Major Tom war nur ein Junkie

Volksbühne

Martin Wuttke hat den Hut auf, ist aber dem Untergang geweiht.

(Foto: L. Blievernicht)

Mit der Inszenierung "Dark Star", der letzten Premiere des Regisseurs René Pollesch an der Berliner Volksbühne, findet das Theater noch einmal zu sich selbst - als untergehendes Raumschiff.

Schon zu Beginn will man wehmütig werden. Die Drehbühne kreist. Martin Wuttke liegt im Cockpit eines Raumschiffs und raucht. Milan Peschel steht am anderen Ende der Bühne im Dunkeln. Dazu singen die Beach Boys in kalifornischer Melancholie "God only knows what I'll be without you" - Nur Gott weiß, was ich ohne dich sein werde. Und als der Song zu Ende ist, geht er wieder von vorne los. Weil's so schön war.

Aber auch die schönsten Dinge enden irgendwann wirklich, und so begeht man an diesem Abend - nach zwei Abschiedsjahren, unzähligen Feuilleton-Nachrufen und diversen Castorf-Abschiedsinszenierungen - die nun wirklich allerallerletzte Volksbühnenpremiere der scheidenden Intendanz. René Pollesch hat ihn arrangiert, der die jüngere Zuschauergeneration mindestens so geprägt hat wie Frank Castorf und der selbst unter eingefleischten Theaterhassern Fans hat.

Um Polleschs Karriere muss man sich keine Sorgen machen. Eher um sein Arbeitspensum: Im Sechs-Wochen-Takt hat er Premieren in Hamburg, Wien und Zürich. In Berlin wird er künftig am Deutschen Theater arbeiten. Und doch ist es ein Verlust, dass er nicht mehr an der Volksbühne inszenieren wird.

Am schönsten: Wenn die Männer, erst in Schlaf-, dann in Raumanzügen, laut nachdenken

Der Bühnenraum gibt seinen Arbeiten hier eine besondere, existenzialistische Note: diese Weite, in der der Mensch ein Winzling ist. "Dark Star" heißt der Abend nach einer Science-Fiction-Parodie aus den Siebzigerjahren.

Drei Jungs, die schon bessere Tage gesehen haben, fliegen seit 20 Jahren in einem Raumschiff durchs Weltall. Eine Bombe soll explodieren, der Countdown läuft. Während sie auf dieses Ende warten, besprechen sie, was so gerade anliegt: Schwarze Löcher etwa, Abschied und Neuanfang, gutes und schlechtes Theater, aber auch Freundschaft und den kalifornischen Kulturimperialismus. Anderes schwingt mit. Die Angst vor Terror zum Beispiel und das Gefühl, einem Epochenwandel beizuwohnen.

Das untergehende Raumschiff ist natürlich die Volksbühne. Ihr wird in großen Bildern, entworfen von Barbara Steiner, gehuldigt: Trystan Pütter schwebt auf einem Surfbrett durch den Bühnenhimmel. Ein Container fährt aus dem Untergrund in die Höhe. Und aus dem schwarz-silbernen Glitzervorhang, der das Bühnenrund umspannt, blinken Stroboskoplichter auf wie nachts an einem Flugzeug.

Trystan Pütter, Martin Wuttke und Milan Peschel waren schon im Herbst in zwei Pollesch-Abenden zu sehen. Nun schließen sie ihre Volksbühnen-Diskurs-Trilogie mit der bekannten Mischung aus Trash und Tiefgründigem ab. Diesmal ist noch Christine Groß dabei. Warum, wird nicht klar. Im eingespielten Jungstrio bleibt ihr nur die Rolle des gelegentlichen Sidekicks. Man kalauert sich durch Ketten von Missverständnissen, macht homoerotische Witzchen und versteigt sich in Monologe. Für interessanten Diskursstoff sorgt diesmal Diedrich Diederichsen mit den Thesen vom "ganzheitlichen" Kapitalismus made in California und einer Welt ohne außen.

Schauspielerisch wirkt das locker improvisiert. Martin Wuttke hat man allerdings schon stärker gesehen. Seine übliche Fahrigkeit hat hier etwas Unkonzentriertes. Milan Peschel, der 1985 als Tischlerlehrling an der Volksbühne anheuerte, hat die berührendsten Auftritte. Wenn er mit verschmitztem Gesicht den Kollegen zuhört und nicht klar ist, ob er spielt oder sich gerade freut. Und wenn er seinen schlaksigen Körper zu einer Art ernstem Slapstick zur Verfügung stellt.

Peschel ist es, der für die "alte" Volksbühne steht. Wenn Martin Wuttke vom Westen redet, spricht er vom Osten. Natürlich wird gegen Chris Dercon, der das Haus im August übernimmt, ausgeteilt. Vermutlich ist auch er gemeint, wenn von der Vereinnahmung einer Gegenkultur durch den Mainstream die Rede ist. Deutlicher wird Wuttke, der den Abend als "die letzte, verschissene Premiere auf Jahre" bezeichnet und ins Publikum fragt: "Ist das von Baudrillard: ,Die Saison 17/18 findet nicht statt'?"

Aber die Melancholie überwiegt die Galle. Milan Peschel zitiert den 2015 verstorbenen Bühnenbildner Bert Neumann: Don't look back - Schaut nicht zurück!" Und er spricht darüber, dass es inmitten unendlicher Möglichkeiten schwieriger geworden ist, anders zu sein. Das sind die schönsten Momente des Abends. Wenn drei Männer, erst in roten Schlafanzügen, dann in expressionistischen Raumanzügen, über sich nachdenken. Antihelden auf Sinnsuche. Zum Schluss landen sie auf der Erde. Ratlos wie zuvor, aber etwas weniger traurig. Am Ende gibt es Standing Ovations. Das liegt natürlich auch am unbequemen Asphaltboden, auf dem die Zuschauer gesessen haben. Am Ende wird man den wohl auch noch vermissen.