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Volksbühne Berlin:In der Frauenecke

Volksbühne

Geht so ein Orgasmus? Szene mit sexuell interessiertem Außerirdischen aus dem Stück "Final Fantasy".

(Foto: Katrin Ribbe)

Aliens erkunden den Sex: Lucia Bihler inszeniert "Final Fantasy" frei nach "Salomé" von Oscar Wilde. Klug und witzig. Aber warum auf der kleinen Bühne?

Von Anna Fastabend

Die Volksbühne Berlin hat ein Problem. Trotz aller Bemühungen steckt sie immer noch in der patriarchalen Tradition des Hauses fest. Während die männlichen Regisseure im großen Saal Kriegsspiele und Beatnik-Abende veranstalten, wird ein Teil der Regisseurinnen in die Frauenecke verbannt. Genauer gesagt auf die kleine Bühne des dritten Stocks, wo sie dann Stücke über Feminismus machen dürfen. Von den regulären 14 Premieren der Saison sind lediglich fünf von Frauen, und von denen finden wiederum nur drei auf der großen Bühne statt: Im Oktober machte Claudia Bauer mit "Germania" den Anfang, im Januar folgt Susanne Kennedys neue Uraufführung, im Februar Constanza Macras mit einem Tanzabend.

Dabei sind die Ansätze der aktuellen Leitung gar nicht verkehrt, immerhin hat sie die jüngste bundesweite Konferenz des "Ensemble Netzwerks" beherbergt, in der es um eingefahrene Strukturen am Theater ging. Umso unverständlicher, dass sich Shootingstars wie Pınar Karabulut und die neue Hausregisseurin Lucia Bihler mit dem kleinen Saal zufrieden geben müssen. Karabuluts zweite Inszenierung wird erneut im dritten Stock stattfinden und Bihler, die zwar 2020/21 mit einer "Iphigenie-Überschreibung" auf die große Bühne geht, will/soll/muss sich in dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz scheinbar erst mal akklimatisieren. Und das, obwohl sie spätestens mit der Spielzeiteröffnung des Münchner Volkstheaters bewiesen hat, dass sie auch in größeren Dimensionen arbeiten kann. Apropos: Wenn progressives weibliches Theater irgendwo ein Publikumsmagnet ist, dann ja wohl in Berlin.

Doch zu der Premiere von "Final Fantasy" kommen, so macht es den Anschein, vor allem Freunde und Bekannte des Kreativteams, so familiär wie es in dem kleinen Saal zugeht. Das hinterlässt einen faden Beigeschmack, ist es doch der erste Abend, an dem Bihler sich dem Volksbühnenpublikum präsentiert. Da wäre es schön gewesen, wenn das ein paar mehr Menschen gesehen hätten, damit es nicht bloß ein Geheimtipp bleibt. Vor allem, weil Bihler etwas zu erzählen hat: Zum Beispiel, wie absurd es ist, dass am Theater ständig dieselben ollen Kamellen aufgeführt werden, wie sie mit diesem Abend lustig und einfallsreich umreißt.

Die Grundlage ihrer Inszenierung ist Oscar Wildes Mädchentragödie "Salomé", die man mit dem Auftakt des Stücks zunächst nicht in Verbindung bringen kann. Denn hier betritt ein Außerirdischer die Bühne, der mit seinem wasserkopfförmigen Schädel, den Insektenaugen und dem verzerrten Mund wie die gruselige Version von E. T. aussieht. Die Kostümbildnerin Leonie Falke hat ihm zudem einen silbrigen Latexanzug und schwindelerregende Plateauschuhe verpasst. Derart eingekleidet führt er eine merkwürdige Choreografie auf, die einem zugleich fremd und bekannt vorkommt. Zuerst bewegt er nur den Zeigefinger, dann nimmt er keuchende Laute ausstoßend die Arme und Beine dazu. Erste Lacher im Publikum - so also stellt sich ein Alien einen Orgasmus vor.

Die Rahmenhandlung des Stücks ist wie folgt: Fünf Außerirdische entdecken eine Ausgabe von "Salomé" und beschließen daraufhin, dem Phänomen der menschlichen Lust auf den Grund zu gehen. Das, was sie aus dem verstaubten Einakter erfahren, ist alles andere als erbaulich. Schließlich zeigt er vor allem, welche schrecklichen Konsequenzen sexuelles Begehren haben kann. Insbesondere für Frauen, so das misogyne Fazit, weil sie ihre Begierde angeblich zu männermordenden Scheusalen macht. Ganz so wie Wildes tragische Heldin Salomé, die sich sämtliche Annäherungsversuche gefallen lassen muss, während das Objekt ihrer Flirtversuche sich angeekelt von ihr abwendet.

Knubbel an den Gelenken ersetzen die Geschlechtsmerkmale

Das Programmheft enthält ein Manifest, das man getrost als Metaaussage des Stückes betrachten kann: "Die Körper erzählen über die Konstruktionen", steht da unter anderem geschrieben, und dass Freiheit in der Verfremdung liegt. Laura Kirst hat einen Raum konstruiert, der mit seinen Bogenfenstern und der breiten Treppe wie eine Mischung aus Kirchenschiff, Showbühne und futuristischem Sadomaso-Keller aussieht. Die Wände tragen Lila, die Symbolfarbe der Frauenbewegung, vor die Bühne ist ein transparenter Stoff gespannt, über den Aufnahmen von Aliens beim Gruppenkuscheln oder von schleimigen Fischeiern flimmern.

Ansonsten ist der Blick frei für ein skurriles Schauspiel. Wann hat man schon mal einer Gruppe so theaterbegabter Außerirdischer zugesehen? Katja Gaudard, Simon Mantei, Daniel Nerlich, Teresa Schergaut und Maria Walser, die in den Alienkostümen stecken, exerzieren das Drama mit exaltierter Sprechweise und bizarren Gesten durch. Man will gar nicht wissen, wie viel Training nötig war, um sich derart kreatürlich - und akrobatisch - über die Bühne zu bewegen. Dazu die Musik: düster, sakral, von leisem Stöhnen durchzogen, das nach Folterkammer klingt. Dazu passt, dass der gefangene Prophet wie ein Hund an der Leine herumgeführt und ausgepeitscht wird, während eine Computerstimme dunkle Prophezeiungen spricht.

Es scheint, als habe sich die Regisseurin von Judith Butlers Gendertheorie inspirieren lassen, die die Einteilung der Geschlechter aufgrund von Geschlechtsmerkmalen als konstruiert ansieht. Bihlers Aliens haben keine Brüste und Penisse, sondern bloß ungewöhnliche Knubbel an den Gelenken, an denen sie sich ständig befummeln, weil irgendwie muss doch nachzuempfinden sein, was die Menschen an Sex so fasziniert. Doch so sehr sie sich auch bemühen, verstehen tun sie die sexuelle Begierde und das ganze Drama, das sich darum entspinnt, nicht. Diese ausgestellte Verständnislosigkeit ist es, die diese Inszenierung so faszinierend macht. Denn geht es uns beim Anblick eines derart aus der Zeit gefallenen Stücks nicht genauso? Bei einem so klugen Abgesang auf die Frau als unheilbringende Verführerin bekommt man Lust auf mehr.

© SZ vom 19.12.2019

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