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Voguing:Unfassbar schön

Tommy Dorfman And Overthrow Boxing Club Host NYC Pride Party Benefiting GLAAD

New York City, Juni 2018: Ein Mitglied des „House of Xtravaganza“ während einer Vorstellung im "Underground Boxing Club".

(Foto: Getty Images for Tommy Dorfman x)

Mit Rücksicht auf das New Yorker "House of Xtravaganza" ändert der Verlag Kiepenheuer & Witsch den Titel eines Romans im Frühjahrsprogramm.

Dass ein Roman drei verschiedene Titel gleichzeitig trägt, kommt selten vor. Eine interessante Titelvermehrung erlebt aber gerade der Debütroman "The House of Impossible Beauties" des amerikanischen Autors Joseph Cassara. "Das Haus Xtravaganza" sollte die deutsche Übersetzung heißen, deren Erscheinen beim Verlag Kiepenheuer & Witsch für April angekündigt ist. Das Buch wurde im vergangenen Jahr in den USA ziemlich gefeiert, es beschreibt die enge Freundschaft und Selbstbehauptung einer Gruppe, oder besser: Wahlfamilie von latinoamerikanischen- und afroamerikanischen Kids in der New Yorker Schwulen- und Transgender-Community der Achtzigerjahre.

Vor einigen Tagen verschickte die KiWi-Pressestelle die Meldung, der Roman werde in "Das Haus der unfassbaren Schönen" umbenannt. Gründe wurden nicht mitgeteilt. Dass sich der Titel eines Buches vor Veröffentlichung noch ändert, ist nicht außergewöhnlich. Allerdings scheint es bei KiWi überstürzt zugegangen zu sein. Auf der Verlagswebsite steht "Das Haus der unfassbar Schönen", zwei Buchstaben weniger als in der Pressemitteilung ("unfassbar schöne" Menschen sind nicht dasselbe wie "unfassbare schöne" Menschen), in der Kurzbio des Autors Cassara weiterhin "Das Haus Xtravaganza".

Was stimmt denn nun? Sicher ist: KiWi kam nicht von allein auf die Idee, den Roman, der einen Höhepunkt im Frühjahrsprogramm darstellen soll, umzubenennen. Vielmehr stieß sich das "House of Xtravaganza", seit 1982 eine der traditionsreichsten Institutionen in der New Yorker Welt des Voguings und der queeren Bälle, die 1990 durch den Dokumentarfilm "Paris Is Burning" bekannt wurde, an dem angekündigten Titel. Denn er könnte die Vermutung nahelegen, das Buch beschreibe die wahre Geschichte des House of Xtravaganza. Dem ist nicht so. Obwohl seine Figuren so heißen wie Mitglieder, die es im House of Xtravaganza tatsächlich einmal gegeben hat.

Für KiWi ist der Vorgang wohl einigermaßen peinlich, vor allem in Zeiten, in denen so viel darüber diskutiert wird, wie groß der Hunger der Literatur nach fiktionalisierten realen Figuren sein darf, und wann vielleicht doch eine Grenze überschritten ist, wenn Personen, die tatsächlich gelebt haben, in Büchern Dinge sagen und tun, nur weil Schriftsteller es so wollen.

In Bezug auf den Roman "Das Haus der unfassbar(en) Schönen" ist es hilfreich zu wissen, dass das House of Xtravaganza in New York für seine "impossible beauties" berühmt ist, wahnsinnig hübsche, prä- oder postoperative Transfrauen, die in der Szene als Göttinnen verehrt und zelebriert werden.

Einige von ihnen, darunter Venus Xtravaganza, waren in "Paris Is Burning" zu sehen. Der Film hielt fest, wie die Menschen in der Community - gesellschaftlich benachteiligt aufgrund ihrer Hautfarbe, teils von ihren biologischen Familien aufgrund ihrer Sexualität verstoßen - imstande sind, nachts wie aus dem Nichts, jedenfalls ohne große materielle Ressourcen, grandiose Glamoureffekte zu erzeugen, mit selbst geschneiderten Kostümen, die sie bei ihren Bällen vorführen, und mit diesem speziellen Modelposen-Tanz, dem Voguing.

Zwei der besten Performer aus dem House of Xtravaganza, José und Luis, tanzten 1990 im "Vogue"-Video von Madonna und tourten mit ihr um die Welt. Venus Xtravaganza wurde mit 23 Jahren erdrosselt, mutmaßlich von einem Freier. Jetzt ist sie - neben den Gründern des House of Xtravaganza, Hector Valle (1960 - 1985) und Angel Xtravaganza (1964 - 1993) - Protagonistin des Romans von Joseph Cassara.

Der hat an der Columbia University in New York und am renommierten Iowa Writers' Workshop kreatives Schreiben studiert, ist Ende 20 und schwul. Cassara interessiert sich für die Biografien seiner Figuren insofern, als er "Paris Is Burning" als Grundlage seiner Erzählung nimmt und sich zu den Namen aus dem Film eine eigene Geschichte ausdenkt. Das stellt er im Disclaimer, den er dem Buch vorangestellt hat, auch klar. Sich realer Biografien zu bedienen und sie auszuschmücken, gehört zu den gängigen Verfahren der Literatur, etwa des historischen Romans. Und doch ließe sich fragen, ob Cassara in seiner Erzählung den Figuren - und ihren Nachfahren im heutigen House of Xtravaganza - nicht zu viel zumutet.

Etwa wenn er Venus Xtravaganza eine Kokainsucht andichtet und sie mehr als einmal bei dem männlichen Vornamen nennt, der in ihrer Geburtsurkunde stand (ein Tabu im respektvollen Umgang mit Transmenschen). Oder wenn er Angel, die "Mother" der Xtravaganzas, als "zu hässlich, um ohne Glitter und Make-up jemals schön aussehen zu können" beschreibt und sich ausmalt, wie sie sich für einen Blowjob an den Piers von Manhattan auf zwölf Dollar herunterhandeln lässt und ihr danach das Sperma des Freiers die Kehle heruntertropft.

Auffällig war, wie konsequent das House of Xtravaganza Joseph Cassaras Roman beschwieg

Cassara hat keine Gespräche mit Überlebenden oder heutigen Mitgliedern des House of Xtravaganza geführt. In Interviews in den USA zu seinen Recherchen befragt, gab er an, er habe - etwa um beschreiben zu können, wie einer seiner Protagonisten von einer Karriere als Tänzer träumt - mit jemandem gesprochen, der eine Ausbildung in der Martha-Graham-Technik hat. Es scheint, als habe Cassara seine trauma-pornografischen Fantasien in Bezug auf das House of Xtravaganza gar nicht erst durch Interaktion mit echten Xtravaganzas durchkreuzen lassen wollen. Oder wusste er gar nicht, dass es das Haus bis heute gibt?

Eine der Schlüsselfiguren der Szene, Grandfather Hector Xtravaganza, ist Ende Dezember im Alter von 53 Jahren in New York gestorben (SZ vom 7. Januar 2019). Nicht zu verwechseln mit Hector Valle, dem Gründer des Hauses, gehörte Hector Crespo zu den frühesten "children" der Xtravaganzas. Er kannte Venus, Angel und Hector Valle persönlich, lebte, tanzte, litt mit ihnen. Er gab weltweit Voguing-Workshops, engagierte sich in der AIDS-Prävention und wirkte als Berater an der ersten Staffel der TV-Serie "Pose" mit, die kürzlich für zwei Golden Globes nominiert war und via Netflix seit einigen Tagen auch in Deutschland zu sehen ist.

"Pose" taucht tief ein in die Ballrooms der Achtzigerjahre und zeigt, höchst unterhaltsam, die Konkurrenz zweier fiktiver Häuser: House of Evangelista versus House of Abundance. Während das House of Xtravaganza für "Pose" in den sozialen Medien stark die Werbetrommel rührt, war die Konsequenz auffällig, mit der es Joseph Cassaras Roman beschwieg. Kein Hinweis auf das Buch in den Social-Media-Kanälen, keine Empfehlung, keine Distanzierung. Gut möglich, dass man ihm nicht mehr Aufmerksamkeit bescheren wollte - die folgt ja automatisch, wenn man sich öffentlich gegen etwas ausspricht, vor allem im Zeitalter von Social Media.

Genauso gut möglich scheint es, dass dieses Beschweigen auch eine aktive Form von "shade" war. So nennt man es in der Szene, wenn man nonverbal, gestisch und mimisch sein Missfallen an etwas oder jemandem ausdrückt - durch demonstratives Wegschauen mit hochgezogener Augenbraue etwa. "Shade" als Strategie reichte dann wohl nicht mehr, als der deutsche Verlag - mutmaßlich mit Blick auf Madonna- und "Paris Is Burning"-Fans - auf die Idee kam, den klingenden Namen Xtravaganza aufs Cover zu drucken.

Während sich KiWi auf Anfrage nicht weiter äußern mag und auf die Sperrfrist verweist, die er für das Buch festgesetzt hat, antwortet, wenn man über Facebook in New York nachfragt, der Social-Media-Beauftragte und Archivar des House of Xtravaganza: "Der Verlag kam unserer Aufforderung in Bezug auf den geplanten deutschen Titel umgehend und auf respektvolle Weise nach. Wir sind zufrieden mit dieser Lösung". So das offizielle, knappe Statement, das Karl Xtravaganza, seit 1987 Mitglied des Hauses, übermittelt.

Das ist bewusst undramatisch formuliert. Das Drama behält man sich in New York doch lieber nachts für die Bälle vor.

© SZ vom 13.02.2019
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