Exilerfahrungen:Der leere Akku in der Fremde

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Soldaten der Armee der Ukrainischen Volksrepublik während der Ausbildung. (Foto: Scherl/SZ Photo)

Viktor Schklowskis meisterhaftes Buch "Zoo" über sein Leben im Berliner Exil Anfang der 1920er-Jahre erscheint ausgerechnet heute neu, da wieder viele Menschen aus der Ukraine und auch Russland fliehen.

Von Andreas Bernard

Zu den meistgeteilten Bildern in den sozialen Medien gehörte in den vergangenen Wochen ein Foto des überfüllten Bahnsteigs von Charkiw, dessen Dramatik so eindringlich war, dass viele Kommentatoren extra betonen mussten, es handele sich um eine aktuelle Aufnahme. Manche Nutzer verwandelten das Bild sogar in ein Schwarz-Weiß-Foto, um die unglaubliche Wiederkehr europäischer Flüchtlingsströme, wie man sie nur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennt, grafisch zu unterstützen. Die Popularität dieser Aufnahme macht deutlich, dass für Erfahrungen von Krieg, Flucht und Exil in Europa keine zeitgenössischen Bilder vorliegen; man muss sich auf frühere, längst historisch geglaubte Szenarien beziehen, um das Ungeheuerliche zu begreifen.

Bilder des Exils, die das Verständnis dieser Erfahrung für die nachfolgenden Generationen geprägt haben, wurden im 20. Jahrhundert vor allem auch durch die Literatur erschaffen, in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, aber auch in den Jahren des russischen Bürgerkriegs ab 1917 und der gewaltsamen Entstehung der Sowjetunion. Ein Zufall der Verlagsplanung will es, dass ausgerechnet in diesen Tagen zum ersten Mal die Originalfassung des Buches "Zoo: Briefe nicht über Liebe, oder Die dritte Heloise" von Viktor Schklowski in deutscher Sprache erscheint, in vorzüglicher Übersetzung von Olga Radetzkaja. Es ist eines der eindringlichsten literarischen Zeugnisse über das Leben im Exil überhaupt. Schklowski (1893 - 1984), zusammen mit Roman Jakobson Begründer der formalistischen Literaturtheorie, stand Anfang 1922 als Mitglied der "Partei der Sozialrevolutionäre" kurz vor der Verhaftung und floh von St. Petersburg über die gefrorene Ostsee zuerst nach Finnland und dann nach Berlin, wo er zwischen Sommer 1922 und Herbst 1923 lebte. Dort schrieb er sein Erinnerungsbuch "Sentimentale Reise" über die Zeit von 1917 bis 1921 zu Ende und arbeite dann an "Zoo", einem Roman in Briefen zwischen dem namenlosen Ich-Erzähler und einer Frau namens Alja: "Ich habe mir eine Frau und eine Liebe ausgedacht, um ein Buch über das Nichtverstehen zu schreiben, über fremde Menschen, fremdes Terrain."

Berlin war Anfang der 1920er-Jahre ein Zentrum für Flüchtlinge des russischen Bürgerkriegs und des sowjetisch-ukrainischen Kriegs; von den vier Millionen Einwohnern der Stadt stammten etwa 350 000 aus dem Gebiet der neuen Sowjetunion, darunter eine Vielzahl bekannter Schriftsteller und Künstler. Es gab russische Tageszeitungen und russische Verlage. Als Viktor Schklowski in Berlin lebt, trifft er dort auf Vladimir Nabokov, Maxim Gorki, Marina Zwetajewa, Ilja Ehrenburg, Wladimir Majakowski, Boris Pasternak; Memoirenbücher wie "Erinnerung, sprich" von Nabokov oder "Menschen Jahre Leben" von Ehrenburg haben dieses russische Berlin detailliert überliefert.

Die Briefe an Alja sind durchzogen von der Klage über die Einsamkeit

Schon am Ende des Buches "Sentimentale Reise", das von der Ankunft Schklowskis in Berlin erzählt, heißt es: "Jetzt lebe ich unter Emigranten und verwandle mich langsam in einen Schatten unter Schatten", und er schreibt von seiner Angst, "im fliegenden Sarg der Berliner Untergrundbahn" zu sterben. Die Briefe an Alja dann sind durchzogen von der Klage über die Einsamkeit "in diesem ungläubigen, untätigen russischen Berlin", über die Sprödheit des preußischen Temperaments, über die Konturenlosigkeit der Jahreszeiten, über die Verirrungen deutscher Mode (die Bundfalte in Herrenhosen), über die Sehnsucht nach dem Essen in der Heimat - in Russland sei "das Schwarzbrot weißer als eine deutsche Semmel", schreibt er in "Sentimentale Reise".

"Die Häuser sind gleichförmig wie Koffer": Mit Berlin wurde Viktor Schklowski nicht wirklich warm. (Foto: Wikimedia Commons)

Aufschlussreich ist, dass Schklowskis Distanz zu Berlin an jene Beschreibungsmuster erinnert, die im späteren 20. Jahrhundert den Blick Westeuropas auf die sozialistischen Großmetropolen kennzeichnen. Er leidet vor allem an der Einheitlichkeit und Standardisierung der Stadt: "Die Häuser sind gleichförmig wie Koffer"; "Trambahnen gibt es viele, aber damit zu fahren hat keinen Zweck, da die Stadt überall gleich aussieht. Paläste von der Stange. Denkmäler wie ein Satz Tafelgeschirr"; das Leben in Berlin sei nichts als "öde Konfektion". Vielleicht ist die Erfahrung des Fremden immer die Erfahrung des Ununterscheidbaren, so wie das Bild Moskaus oder Kiews für alle in der BRD groß Gewordenen von den fugenlosen Plattenbauten und Aufmarschplätzen geprägt war, vor denen die Fernsehreporter mit ihren Mikrofonen standen. (Und viele Jahre danach die Überraschung beim ersten Besuch in Kiew, dass diese Großstadt in Wahrheit grüner und beschaulicher ist als fast alle anderen in Europa.)

Ein zentraler Gegenstand in "Zoo" sind Autos, wie immer in den frühen Texten Viktor Schklowskis; in seinem Buch "Kindheit und Jugend" erklärt er diese Obsession vierzig Jahre später damit, dass es ihm als Jude im russischen Militär verwehrt war, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen, und er deshalb im Bürgerkrieg zu einer "Automobil-Kompagnie" kam. In Berlin arbeitet Schklowski für eine russische Film- und Werbeagentur und schreibt Reklametexte für Kraftfahrzeuge und Motorräder. "Von Liebe sprechen schadet mir. Sprechen wir von Autos", heißt es einmal in "Zoo", und dieser Satz kann beinahe als eine Losung des Buches verstanden werden; Schklowskis Briefeschreiber verfasst lange Elogen und Verrisse von Automarken, vor allem das überteuerte spanische Poser-Modell "Hispano-Suiza" erregt seinen Unmut.

Schklowski ist Erzähler und Erzähltheoretiker zugleich

Autos werden in "Zoo" aber vor allem zur Metapher für die Existenz im Exil, und das Buch ruft dabei ein technologiegeschichtliches Faktum in Erinnerung, das heute fast vollständig vergessen ist. Schklowski schreibt über die trostlosen Fahrten in Berliner Taxis, "am traurigsten in einem Taxi mit Elektromotor. In ihm schlägt kein Herz, es ist geladen und voll schwerer Akkus, aber sobald die Platten sich entladen, bleibt es stehen." In den 1920er-Jahren fuhr eine Vielzahl der Autos nicht mit Motor-, sondern mit Batterieantrieb, bei dem das aufwendige Ankurbeln entfiel. Elektroautos sind also keine zukunftsweisende Erfindung des 21. Jahrhunderts, sondern eher eine Rückkehr zu den Ursprüngen der Kraftfahrzeuggeschichte. In "Zoo" werden sie, in einer der anrührendsten Passagen des Buches, zu Stellvertretern der russischen Identität in Berlin: "Wie ein totes Batterieauto, geräusch- und hoffnungslos, sollst du durch die Stadt stromern. Halt die Luft an und spule ab, was dir gehört hat, und wenn du am Ende der Spule bist, stirb."

Schklowski hatte eine Schwäche für Autos - doch das Modell "Hispano-Suiza" erregte seinen Unmut. (Foto: Hulton Archive/Getty Images)

Viktor Schklowskis Buch löst beim Leser nicht zuletzt deshalb große Faszination aus, weil es sich jeder Gattungsbestimmung entzieht; es ist, trotz des Titels, ein Briefroman über die Liebe, ein Mosaik an Beobachtungen aus der fremden Stadt, eine Sammlung von Erzählfragmenten und literaturtheoretischen Passagen. "Zoo" lässt sich als eine Verwirklichung des poetologischen Programms lesen, das Schklowski in seinen formalistischen Aufsätzen wie "Kunst als Verfahren" oder "Literatur ohne ,Sujet'" in dem 1925 erschienenen Essayband "Theorie der Prosa" formuliert hat - ein Roman ohne das Joch der kohärenten Handlung, das die einzelnen Wahrnehmungs- und Erzählsplitter, auf die es ankommt, notdürftig verknüpfen muss. In "Zoo" dagegen wird einmal das Varieté-Theater zum Vorbild der Romangattung ernannt, eine Abfolge von Momenten, ohne inneren Zusammenhang. Praxis der Prosa. Schklowski ist Erzähler und Erzähltheoretiker zugleich, eine Synthese, die im frühen 20. Jahrhundert häufiger versucht wurde und heute fast ausgestorben ist.

Viktor Schklowski, Zoo. Briefe nicht über die Liebe oder Die dritte Heloise. Berlin: Guggolz Verlag, 2022, 192 Seiten, 22 Euro. (Foto: Guggolz)

Als der Berliner Guggolz Verlag das Manuskript von "Zoo" in Druck gab, als Marcel Beyer sein Nachwort schrieb, das auch kurz Schklowskis Rolle im sowjetisch-ukrainischen Krieg von 1917 bis 1921 erwähnt, war von den Ereignissen der letzten Wochen (zumindest aus der selbstgenügsamen deutschen Perspektive) nichts zu ahnen. Nun hat dieses Buch plötzlich große Aktualität gewonnen, und die Behaglichkeit des Lesers, der "Zoo" vielleicht auf einer Zugfahrt nach Berlin zu Ende liest und die literarische Meisterschaft dieses hundert Jahre alten Werks bewundert, weicht fast einem Gefühl von Scham, wenn er am Hauptbahnhof ankommt und unter dem Gewimmel der Reisenden die heutigen Nachfahren Viktor Schklowskis sieht, nicht auf den ersten Blick erkennbar, nur an dem Gepäck auf dem Boden, das eine Spur improvisierter und ungeordneter wirkt als das der anderen Passanten. Für ihr Schicksal gibt es noch keine Bilder und Formen.

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