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Viktor Pelewin: Vampir-Roman:Der Mensch als Milchvieh

Bildungsroman, Satire oder frivoles Märchen? Viktor Pelewins Vampirgeschichte "Das fünfte Imperium" will von allem ein wenig sein.

Burkhard Müller

Wer sagt denn, dass der Bildungsroman tot ist! Man sieht dem "Fünften Imperium" von Viktor Pelewin seinen Gattungscharakter nicht unbedingt gleich an, denn der Einband, schwarz und knallrot, wirkt wie die Wand eines Tatorts, an die der Mörder mit dem Blut des Opfers seine Botschaft gekrakelt hat; aber auf den vierhundert Seiten des Buchs begibt sich nichts, was nicht in Zusammenhang mit dem umfassenden Bildungsprozess des jungen Roma steht, eines etwa neunzehnjährigen Jugendlichen aus Moskau, der sich bisher mit Aushilfsjobs durchschlagen musste.

Das Interesse am Blutsauger ist nicht nur in der Literatur groß: Jan Ammann im Musical "Tanz der Vampire".

(Foto: Foto: ddp)

Nur allzu gern folgt er der mit Kreide aufs Trottoir geschriebenen Verheißung: "Nutzen Sie die Chance zum Eintritt in die Elite! 22.06. 18.40-18.55 Uhr. Garantiert einmalig!" Einem weniger naiven Passanten wäre daran manches verdächtig erschienen.

Aber Roma besinnt sich nicht lange, tritt ein - und das Nächste, was er weiß, ist, dass er aus einer Ohnmacht erwachend sich an eine Sprossenwand gefesselt wiederfindet. Vor sich sieht er eine merkwürdige, aber nicht unkultivierte Gestalt, die eine Maske trägt, welche an einen gewaltsam übers Gesicht bis auf die Schultern niedergedrückten Zylinderhut erinnert. Sie bietet ihm an, durch eine so simple Sache wie einen winzigen Biss in den Hals Bürger im Reich der Vampire zu werden, vielmehr: Sie tut es einfach. Dabei geht etwas wie eine Zunge von Mund zu Mund über: die eigentliche Seele des Vampirs. Nachdem dies geschehen ist, erschießt sich der seltsame Gastgeber ohne großes Brimborium. Er lebt in dem Novizen weiter.

Und es erweist sich, dass die plumpe Reklame in jedem Stück die Wahrheit gesagt hat. Als Vampir, der nun den leicht abgeänderten Namen Rama trägt, erhält der Protagonist die Fähigkeit, durch den Genuss winzigster Bluttröpfchen sofort den gesamten Erfahrungsschatz jedes beliebigen Gebissenen anzuzapfen (Telepathie wäre ein zu schwacher Ausdruck dafür), und kriegt nebenbei noch eine Visa Card mit einer Deckungssumme von hunderttausend Dollar in die Hand gedrückt, um sich die angemessene vampirische Grundausstattung zu beschaffen.

Vor allem aber durchläuft er eine Elite-Schulung; dass sie in geraffter Form vonstatten geht, weil der Schüler sich den größten Teil des Wissens einfach durch das Verkosten von Pröbchen der roten Flüssigkeit ("Blut" ist ein verpöntes Wort) einverleibt, mag man für unfair halten - für einen empörenden Fall von Doping, wenn man die aufrecht-mühsame Art, wie ein Romanheld im 19. Jahrhundert zu seinen Bildungserlebnissen gelangt, als Vergleichsmaßstab nimmt.

Die beiden Hauptfächer heißen Glamour und Diskurs, beides mit englischem Akzent auszusprechen. Was muss man sich darunter vorstellen? Pelewin und seine Vampirschule lieben zugespitzte Formulierungen. ",Glamour ist Sex, der sich durch Geld artikuliert', sprach die linke Box. ,Oder wenn man so will: Geld, das durch Sex artikuliert wird.' ,Und Diskurs ist sublimierter Glamour', konterte die rechte Box. (. . .) ,Betrachte den Glamour am besten als Diskurs des Körpers . . .', sprach die rechte. ,. . . und den Diskurs als Glamour des Geistes', gab die linke zurück. 'An der Schnittstelle dieser Begriffe entsteht die ganze moderne Kultur', sprach die rechte."

Und so geht das, linke Box, rechte Box, noch ein gutes Stück weiter, deutlich mehr Diskurs als Glamour. Da die Lehrinhalte Rama nur so ins Hirn flutschen, gewinnt das Buch den nötigen Raum, sich mit seinen anthropologischen und kulturgeschichtlichen Betrachtungen mehr oder weniger direkt an den geneigten Leser zu wenden. Handlungselemente - Geheimgesellschaften, originelle Parties, eine kleine Romanze und der Auftritt der zwangsverrenteten Göttin Ischtar, die, obschon nur noch aus ihrem Kopf bestehend, dennoch nicht verlernt hat, wie man elegant einen Cognac süffelt, auch zwei oder drei - scheinen eher beiläufig und zum Zweck der Erläuterung wie auch der Erholung des Lesers eingestreut. Darin besonders erkennt man als das konkrete formale Muster, an das Pelewin sich hält, die Bildungsromane des Marquis de Sade.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Menschen gemolken werden.

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