Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson hat sich in den letzten Jahren ein Fanpublikum über die engeren Kreise der Klassikafficionados hinaus erobert, scheint auf eine schwer greifbare Weise zeitgenössischer, moderner zu wirken als viele andere. Nicht immer lässt es sich so leicht festmachen wie bei seinen Fortschreibungen und Übermalungen klassischer Werke, bei denen er sich auch elektronischer Klangmittel bedient und die Klangästhetik der sogenannten Neoklassik aufgreift. Auch viele der Stücke auf seiner jüngsten Platte mit Musik von Wolfgang A. Mozart sind Transkriptionen, darunter eine des langsamen Satzes aus dem Streichquintett in g-Moll KV 516. Das ist weniger Tabubruch als Anknüpfung an ein eine verschüttete Tradition, wie Ólafsson selbst am Schluss der Platte zeigt. Da nämlich spielt er das berühmte "Ave verum corpus" für Chor in der Klaviertranskription von Franz Liszt und lässt Mozarts Sehnen dem Himmel entgegenstreben.
Er könne ihr seine Empfindung nicht erklären, schrieb Wolfgang Amadé Mozart im Todesjahr 1791 seiner Frau Constanze, "es ist eine gewisse Leere - die mir halt wehe thut, - ein gewisses Sehnen, welches nie befriediget wird, folglich nie aufhört". Die Briefstelle passt wenig in das noch immer weit verbreitete Bild vom quirligen und heiteren, kindlich verspielten und vor Brillanz überschießenden Mozart. Dass Melancholie nur die andere Seite davon ist, kann man in vielen Werken hören. Aber Mozart deutet es oft nur an, zieht wie alle Komponisten bis in die Romantik hinein das Dur als Grundtonart in der Regel dem Moll vor. Selten spricht sich Trauer, namenloses Sehnen so unverhüllt aus wie in der unvollendeten d-Moll-Fantasie KV 397 für Klavier oder dem Adagio in h-Moll, dessen Schlussrückung nach Dur zu den atemberaubendsten Momenten der Klaviermusik gehört.
Mozart, befand der Pianist Artur Schnabel, sei "für Kinder zu leicht und für Erwachsene zu schwer"
Víkingur Ólafsson hat beide Stücke in seine neue Platte aufgenommen, die Werke Mozarts mit denen seiner Zeitgenossen kombiniert, einer Platte, in der die Molltonarten deutlich über das Dur triumphieren. "Mozart & Contemporaries" (Deutsche Grammophon) belegt so auch, dass der "Weltschmerz" keine Haltung erst der ohnehin schwer abzugrenzenden Epoche der Romantik ist, sondern zum festen Empfindungsrepertoire schon des ausgehenden Rokoko gehört, bei Baldassare Galuppi, Carl Philipp Emanuel Bach oder Domenico Cimarosa. Solche Empfindungen können auch verkappt, unter der Maske nobler Eleganz daherkommen, wie das Joseph Haydns h-Moll-Sonate Hob XVI:32 zeigt. Nicht nur weil Haydn enthemmter Subjektivismus fremd ist, sondern auch weil Moll in der Musik nicht einfach umstandslos mit Trauer gleichzusetzen ist. Während umgekehrt Sätze in Dur in unerreichbare Fernen zielen können wie die langsamen Mittelsätze der beiden Klaviersonaten von Mozart, die Ólafsson ins Album aufgenommen hat: die in C-Dur KV 545, die sogenannte "Sonata facile", und die in c-Moll KV 457.
Dass Ólafsson sich seine bisherigen Repertoireschwerpunkte eigensinnig und ohne konkrete Anbindung an eine bestimmte Epoche gesucht hat, dazu passt Mozart durchaus. Schließlich spielen dessen Klaviersonaten und Einzelstücke für das Pianoforte in den Konzertsälen kaum die Rolle, die man aufgrund der Bekanntheit des Komponisten und seiner fortbestehenden Rolle im Klavierunterricht annehmen könnte. Mozart, befand der Pianist Artur Schnabel, sei "für Kinder zu leicht und für Erwachsene zu schwer". Die trügerische Einfachheit etwa der "Sonata facile" kann Pianisten schnell dazu verführen, zu viel tun zu wollen.

Ólafsson tut das nicht. Im Gegenteil spielt er Mozart geradezu betont schnörkellos, geradlinig, mit viel Zug nach vorn. Er setzt vor allem auf die bedingungslose Durchsichtigkeit und Klarheit, die bei diesem Komponisten unabdingbar sind. Der weiche, aber pointierte Anschlag fördert sie ebenso wie das äußerst präzise jeu perlé in raschen Passagen, dort wo Mozarts Musik tatsächlich brillant und quirlig ist wie im D-Dur-Rondo KV 485. Bisweilen setzt Ólafsson auch ruppige, der Historischen Aufführungspraxis abgelauschte Akzente, wenn etwa in den Rahmensätzen der c-Moll-Sonate die Melancholie in kreisende Ausweglosigkeit und unterdrückte Wut umschlägt. Aber er forciert nichts, bleibt zurückhaltend auch im Gebrauch des Rubato, wenn er etwa im langsamen Satz der "Sonata facile" sich nur in der Oberstimme winzige, raffinierte Temposchwankungen erlaubt. Er belauscht Mozarts Musik ergebnisoffen aus der Nähe, lässt sie für sich selbst sprechen.
Zu dieser Nähe trägt auch die besondere Klangästhetik bei, die die Platte mit ihren Vorgängern teilt. Der Toningenieur Christopher Tarnow hat den Klang vor allem direkt im Flügelkorpus abgenommen, ein in der Klassik ziemlich unübliches Verfahren. Wo andere die CD als reines Transfermedium nutzen, stellt Ólafsson ihren technischen Charakter bewusst aus. Dabei werden nicht nur andere Frequenzen hörbar als im Konzertsaal, sondern auch das sonst ausgeblendete Nebengeräusch der Dämpfer. Dem Hörer verschafft es den Eindruck, mit dem Pianisten und der Musik allein zu sein, allein gelassen zu werden, was das melancholische Moment deutlich verstärkt. Vielleicht ist es diese Einsamkeit, die mangelnde Korrespondenz zwischen Ich und Welt, die in der hochvernetzten, aber das Individuum zugleich immer stärker überfordernden Gegenwart den zeitgenössischen Zug von Ólafssons Platten ausmacht.

