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Jazz:Dreifaltigkeit

Das Klaviertrio als Utopie der Kommunikation: Tyshawn Sorey, Vijay Iyer und Linda May Han Oh.

(Foto: Craig Marsden/ECM)

Ein Experiment in Demokratie und Kommunikation: Vijay Iyer, Linda May Han Oh und Tyshawn Sorey haben ein Trio gegründet, das die Nachfolge des legendären Keith-Jarrett-Trios antreten könnte.

Von Andrian Kreye

Wenn man Jazz nicht nur als Musik, sondern auch als Labor für Demokratie und Kommunikation betrachtet, ist "Uneasy" ein exemplarisch gelungenes Album. Der Pianist Vijay Iyer, die Bassistin Linda May Han Oh und der Schlagzeuger Tyshawn Sorey haben es kurz vor dem Beginn der Pandemie aufgenommen, bevor die Seuchenschutzmaßnahmen die Demokratie auf Pause gestellt und Kommunikation ins Netz verlegt haben. Das ist kein banales Detail. Viel feinstoffliches Miteinander ist da im Spiel. Was auch an der Vorgeschichte liegt. Die drei kennen sich aus Banff, einem Städtchen in der atemberaubenden Berglandschaft des gleichnamigen kanadischen Nationalparks, in der sie Sommerkurse für kreative Musik geben. Da draußen kamen sie ganz anders zusammen als im Mahlstrom der Städte, wo Jazz sonst entsteht.

Will man das sofort nachvollziehen, kann man mit dem dritten Stück einsteigen, mit "Night and Day", dem einzigen Gassenhauer auf dem Album und deswegen der direkteste Weg in die inneren Zusammenhänge dieses Trios. Frank Sinatra, Ella Fitzgerald und Erroll Garner, Rod Stewart, Diana Krall und U2 haben Cole Porters größten Hit so oft eingespielt, dass das Kleinhirn direkt an fast 90 Jahre Popgeschichte andocken und mit dem Instinkt der nostalgischen Reflexe die intellektuellen Höhenflüge der drei aufspüren kann.

Gleich am Anfang jedenfalls, den die meisten als fanfarenhaften Auftakt in die euphorische Schwärmerei des Stückes inszenieren, setzen Iyer, Oh und Sorey ein schwerblütiges Intro. Und dann wird bald klar, dass die drei in jedem Moment auf Augenhöhe spielen. Auch wenn Iyer die gar nicht mal so banale Akkordfolge des Stückes mit Linien umspielt, die im Normalfall für sich stehen würden. Doch vom ersten Moment an holen Tyshawn Sorey und Linda May Han Oh ihre Instrumente aus der Dienstleistungsrolle der Rhythmusgruppe. Sorey öffnet sein Drumkit in Melodieformen, wie sie nur wenige Schlagzeuger beherrschen. Oh hält die Mitte, ohne sich auf bewährte Muster zu verlassen. Beide lösen sich auf Strecken aus der Struktur. Aber das bleiben Dialoge mit den jeweils beiden anderen. Da gibt es kein Egotripping, keine Show. Hierarchien sind erledigt, und so schaffen die drei eine Form der ständigen Bewegung, aus der die einzelnen Elemente wie in den Mobiles von Alexander Calder immer neue Konstellationen bilden, ohne aus der Balance zu kommen. Dass Iyer so etwas wie der Bandleader ist, zeigt höchstens, dass acht der zehn Stücke seine Kompositionen sind. Ansonsten stehen die drei ja mehr oder weniger gleichberechtigt in alphabetischer Reihenfolge auf dem Cover.

Dieses Zusammenspiel funktioniert über die gesamte Strecke auf einer enormen emotionalen Bandbreite. Auch wenn die vom Titelstück des Albums bestimmt wird. "Uneasy", diese ungute Unruhe befiel Iyer schon vor zehn Jahren, als er das Stück für ein Tanzprojekt mit der Choreografin Karole Armitage schrieb. Da taumelte Amerika zwar noch in der Euphorie der Obama-Jahre. Aber für Iyer war unter der kollektiven guten Laune schon eine Unsicherheit zu spüren.

Politischer Kopf am Klavier: Vijay Iyer.

(Foto: Ebre Yildz/ECM Records)

Das Album beginnt nun auch offensiv politisch. "The Children of Flint" ist den Kindern jenes Arbeiterstädtchens in Michigan gewidmet, die Opfer des exemplarischen Umweltskandals mit verseuchtem Wasser wurden. Das zweite Stück "Combat Breathin" nimmt den Rassismus und die Polizeigewalt ins Visier.

Was unterm Strich bleibt, ist eines jener seltenen Trios, die als Einheit das Ideal von Demokratie und Kommunikation verkörpern. Man könnte das noch mit ihren Biografien romantisieren. Vijay Iyer, der Sohn indischer Einwanderer, die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten ins amerikanische Bürgertum. Linda May Han Oh, Tochter chinesischer Einwanderer, die sich aus der Provinz des westlichen Australien an die Spitze der Jazzwelt spielte. Tyshawn Sorey, der in Newark, New Jersey, aufwuchs, dem verarmten Handelsstädtchen nicht weit von New York, der klassische Posaune und Jazzschlagzeug studierte und sowohl im Jazz als auch in der zeitgenössischen Klassik als Ausnahme-Musiker und -Komponist gefeiert wird.

Es ist aber vor allem die fast schon telepathische Kommunikation der drei miteinander, die das Album so einzigartig macht. Bleiben sie zusammen, könnten sie so etwas wie den Thronfolgeanspruch auf das Trio mit Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette anmelden, das von den frühen Achtzigerjahren bis zu seiner Auflösung 2014 den Goldstandard für diese Formation bestimmte. So viele gab es ja gar nicht in der Jazzgeschichte. Bill Evans, Scott LaFaro und Paul Motian waren die ersten, die wirklich zusammenfanden.. E.S.T. oder Michael Wollny, Tim Lefebvre und Theo Bleckmann erreichten solche Einigkeit in Europa. Das Publikum dankt es solchen Trios mit oft fanatischer Hingabe. Weil das symbiotische Zusammenspiel dreier Musiker, die sonst vor allem dazu da sind, die Fundamente des Rhythmus und der Harmonie zu legen, nicht nur eine musikalische Höchstleistung, sondern auch eine Utopie ist.

© SZ/jhl
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