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Geisteswissenschaft:"Das Gegenstück der Wachsamkeit ist immer die Gefährdung"

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Die Gesellschaft ist voller Orte der Beobachtung und des Verdachts.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Wer nicht aufpasst, versagt als Bürger. Aber wie viel Wachsamkeit ist gut? In München werden jetzt "Vigilanzkulturen" erforscht. Der Historiker Arndt Brendecke erklärt, warum.

An diesem Mittwoch wird an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ein neuer Sonderforschungsbereich feierlich eröffnet, er heißt Vigilanzkulturen. Über maximal zwölf Jahre wollen sich Fächer von der Ethnologie bis zu den Theaterwissenschaften, von der Medizingeschichte bis zur Literaturwissenschaft mit der kulturellen und politischen Bedeutung der Wachsamkeit beschäftigen. Die SZ hat den Historiker Arndt Brendecke, den Sprecher des Projekts, gefragt, warum das Thema Aufmerksamkeit verdient.

SZ: Bei Wachsamkeit denkt man derzeit besonders an diejenige des Staates gegenüber bürgerkriegsartigen Umtrieben auf der extremen Rechten. Wir passen auf, dass die demokratische Ordnung bewahrt wird - ist der Begriff also positiv besetzt?

Arndt Brendecke: Ja, allerdings setzen letztlich alle Gruppen auf die positive Konnotation von solchen Begriffen und Begriffsfeldern. Auch rechtsextreme Gruppen sagen vermutlich intern immer wieder, dass es um eine notwendige Wachsamkeitsleistung gehe, die sie erbringen, weil sie eben bestimmte Zustände gefährdet sehen, die sie bewahren wollen. Das Gegenstück der Wachsamkeit ist immer die Gefährdung, und wenn man die für sich markiert hat, dann klingt das Gegenstück dazu immer schon tugendhaft.

Und warum sprechen Sie von Vigilanz?

Wir haben diesen im Deutschen eher künstlichen Begriff gewählt, um aus diesem semantischen Problem auch ein wenig auszubrechen. Die gewohnten Begriffe sind alle schon so besetzt, dass ihre Bewertung auch tendenziell entschieden ist. Wachsamkeit ist eben prinzipiell eher etwas Gutes, oder nicht?

Und Überwachung eher etwas Schlechtes?

Genau. Vigilanz hingegen bringt zunächst eine gewisse Irritation, man weiß nicht genau, wie man das einzuordnen hat - und eben das, glauben wir, ist produktiv. Denn unsere Grundannahme ist, dass diese Irritation signifikant für das Phänomen ist. Wir haben es zum Beispiel bei disruptiven Ereignissen wie Terroranschlägen erlebt: Was man gestern noch für eine Zumutung hielt, hält man heute für notwendig.

Sie meinen: Man hat Angst um Bürgerrechte und vor zu invasiver Überwachung, aber nach der Tat fragen alle: Warum wurde nicht genauer hingeschaut?

Ja, und wegen dieser schwankenden Bewertungen misstrauen wir ein wenig der vertrauten Begrifflichkeit. Politisch mag sie angemessen sein - in bestimmten Momenten muss man so sprechen: "Jetzt müssen wir besonders wachsam sein ..." -, aber analytisch ist sie für uns nicht so tauglich.

Arndt Brendecke, Historiker und Sprecher des Sonderforschungsbereichs "Vigilanzkulturen".

(Foto: LMU)

Denkt man bei Vigilanz nicht auch an Vigilanten?

In der amerikanischen Semantik gibt es eine scharfe Scheidung zwischen vigilantism, was sich historisch herausgebildet hat als eine Art Bürgerwehr, die selbst illegal das Gesetz auf ihre Weise in die Hand nimmt - und being vigilant, was eine hohe Tugend ist und geradezu Bürgerpflicht. Im Deutschen haben wir diese Begriffsproblematik nicht, deswegen können wir Vigilanz neutraler und technischer verwenden (es gab zwar mal im 18. Jahrhundert den Vigilanten als Spitzel, aber der Begriff hat sich nicht erhalten).

Schwingt bei Vigilanz trotzdem eine gewisse Skepsis gegenüber dem Staat mit?

Historisch hat man oft an ein Nullsummenmodell geglaubt: Immer, wenn die gemeinschaftlichen Institutionen stärker werden, so die Vorstellung, dann müssen die Bürger weniger aufpassen, weniger für Sicherheit tun. Aber dann wird die starke Institutionalität - Behörden, Polizei - auch wiederum als eine strukturelle Bedrohung betrachtet. Und dann braucht es eben wieder zivile Wachsamkeit gegenüber dem Staat, der sie einem eigentlich abnehmen sollte.

Wachsamkeit als Tugend gilt also nicht nur dem Verbrechen?

Zur Geschichte des bürgerlichen Subjektes gehört bis heute die Vorstellung, dass man Aufmerksamkeiten kultiviert und damit beiträgt zur Verwirklichung bestimmter gesellschaftlicher, moralischer oder auch religiöser Ziele. Tut man das nicht, geht man also solipsistisch um mit seinen biologisch gegebenen Aufmerksamkeitspotenzialen - dann füllt man seine Rolle als Bürger oder als Christ nicht aus. Seit dem 18. Jahrhundert zeigte sich das ganz stark: Gerade in dem Moment, wo der Staat stärker wird und die Status- und Rangunterschiede schwinden, ist die Frage: Was ist denn eigentlich ein Bürger? So wurde wachsames Beobachten auch zu einem Akt der Partizipation. Man kann gar nicht passiv sein, ohne ewig Untertan zu bleiben.

Ist Wachsamkeit dann also das Gegenteil von Privatheit?

Das kann man so sehen. Aber wir haben zum Beispiel auch ein amerikanistisches Projekt, wo es um die Vorstädte der Fünfzigerjahre geht - und da sieht man, dass die Kultivierung von Privatheit geradezu zusammenfällt mit einer Mobilisierung von gegenseitiger Aufmerksamkeit, die auch konsequent organisiert wird. Die Suburbs sind ja - man kennt das aus vielen Filmen, etwa "American Beauty" - architektonisch schon so angelegt, dass es eine starke gegenseitige Beobachtung gibt, auch durch die Seitenfenster. Das Herunterlassen einer Jalousie wird respektiert als Ausdruck von "mind your own business", kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten - aber wenn sie zu lange unten bleibt, ist es auch gleich wieder verdächtig. Eine lange geschlossene Jalousie deutet in der US-Vorstadt seit den Fünfzigerjahren auf zwei mögliche Missstände hin: entweder eine Psychose oder Kommunismus.

Die Privatheit wird inszeniert, aber die serielle Anlage von Privatheit erzeugt schon einen großen Konformitätsdruck?

Ja, und genau das zeigt: Mit dem Nullsummenspiel kann man Vigilanz nicht immer erklären. Das Arrangement verändert sich historisch, aber es kommt nie zur Autonomie der völligen Privatheit, selbst wenn der Staat sehr viele Aufgaben für die Bürger übernimmt.

Wachsamkeit hat ja zunächst biologische, psychologische Grundlagen.

Das berücksichtigen wir natürlich auch: Das klassische Problem ist das der Daueraufmerksamkeit, mit der sich die Psychologie seit Beginn des 20. Jahrhunderts intensiver beschäftigt hat. Forschungen dazu wurden vom Militär stets aufmerksam verfolgt, etwa weil man möglichst aufmerksames Radarpersonal brauchte. Das Problem ist in allen Überwachungsszenarien bis heute präsent, von den Fluglotsen bis zur Regelung des Zugverkehrs. Und der menschliche Faktor bleibt wichtig, auch wenn man noch so viele Videokameras und automatische Systeme hat.

Zur Wachsamkeit gehört immer auch die Selbstbeobachtung?

Ja, und deshalb glauben wir, dass wir durch die Erforschung der Geschichte der Vigilanz sehr viel über menschliche Kulturen lernen können. Das reicht von Aufrufen zur Denunziation am Beginn der Staatlichkeit bei den alten Assyrern über die Pest-Beobachtung im Mittelalter bis hin zum Whistleblowing - und zur digitalen Überwachung und Selbstoptimierung in der Gegenwart, bei der wir ja alle mitmachen.

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