Ausstellung in Leipzig:Was wir opfern

Sung Tieu
Offerings,
2021

Opfergaben aus volkseigenen Betrieben: Sung Tieus Offerings (2021) werden in der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst gezeigt.

(Foto: gaul.hansgeorg@berlin.de/ © Sung Tieu Courtesy of the artist and Emalin, London/Hans-Georg Gaul)

Die Bildhauerin Sung Tieu kam Anfang der Neunziger als Kind eines ehemaligen vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiters aus Vietnam nach Deutschland. Heute findet sie ihr Material in der eigenen Biografie, wie eine Ausstellung in Leipzig zeigt.

Von Kito Nedo

Ein seltsamer kleiner Hausaltar ist gegenwärtig im Erdgeschoß der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst zu besichtigen. Installiert hat ihn die Berliner Künstlerin Sung Tieu anlässlich ihrer Einzelausstellung "Multiboy". Die Herkunft der einzelnen Teile der Installation ist sehr genau auf der Werkliste aufgeführt: Auf einem Porzellanteller mit Kirschblütendekor aus der ehemaligen Produktion des VEB Henneberg-Porzellan Ilmenau steht eine rote Kerze aus dem VEB Wittol Wittenberg, flankiert von zwei silbern schimmernden Packungen "Mondo"-DDR-Kondomen (VEB Plastina Erfurt) sowie zwei fliederfarbenen Päckchen mit Tampons der Marke "Imuna" aus dem VEB Vliestextilien Lössnitztal. Rechts vom Teller sind zwei Schnapsflaschen aus dem VEB Weinbrand Wilthen mit bernsteinfarbener Flüssigkeit arrangiert, Marke "Deutscher Rum Verschnitt". All das ist gefasst in einer minimalistisch-funktionalistisch anmutenden Altarform aus matt poliertem Edelstahl. Der Titel des Werkes lautet "Offerings", was man mit "Opfergaben" übersetzen könnte.

Welche Geister werden hier beschworen? Mit dem Arrangement spielt die Künstlerin, die 1987 im vietnamesischen Hai Duong geboren wurde und seit 1992 in Deutschland lebt, offenbar auf die in Vietnam weit verbreiteten Hausaltäre an, die traditionell der Kommunikation mit verstorbenen Angehörigen dienen. Doch was hat vietnamesische Alltagsspiritualität mit der versunkenen Alltagsproduktwelt des Ostens gemeinsam?

Sujet ist das "Anwerbeabkommen" zwischen der DDR und Vietnam

Die Verbindung, das machen andere Teile der Ausstellung deutlich, ist eine historische. 1980 schloss die DDR mit der Sozialistischen Republik Vietnam ein sogenanntes "Anwerbeabkommen" ab, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Durch das Abkommen wurden in den folgenden Jahren Tausende junge Vietnamesinnen und Vietnamesen als Arbeitskräfte nach Ostdeutschland geholt. Zeitweise sollen es bis zu 80 000 bis 100 000 Menschen gewesen sein, die auf 700 bis 1000 Betriebe verteilt wurden. Ihr Aufenthalt wurde in der Regel vertraglich auf vier oder fünf Jahre begrenzt. Sie erhielten eine Ausbildung und schufteten in der Produktion. Sie arbeiteten in Kraftwerken, im Rostocker Hafen, als Näherinnen oder im Schlachthof und eben auch in den Betrieben, die jene Waren herstellten, die Tieu für ihre Installation verwendete.

Ab und zu fährt ein scharfkantiger Sound durch den ansonsten stillen Ausstellungsraum. Der Rhythmus klingt zunächst metallisch wie ein niedersausender Vorschlaghammer und verebbt dann als flächiger Ambient-Sound. In verschiedenen Archiven recherchierte die Künstlerin Fluglisten, Heimordnungen, Formulare und Verträge und folgte den bürokratischen Spuren, die nicht nur Rückschlüsse auf das Leben der vietnamesischen "Vertragsarbeiter" in der DDR erlauben, sondern auch auf die deutsche Sucht, das Leben anderer bis ins letzte Detail zu verwalten und zu reglementieren. So war es Vertragsarbeiterinnen beispielsweise verboten, während ihres Aufenthaltes schwanger zu werden oder eine Familie zu gründen.

Die Künstlerin hat die Dokumente abgeschrieben und sie zu grafischen Blättern weiterverarbeitet, die nun in Stahl gerahmt in der Leipziger Ausstellung hängen. Darunter befindet sich etwa eine "Liste für ausgewählte Gegenstände, die durch vietnamesische Werktätige innerhalb einer fünfjährigen Einsatzzeit in der DDR ausgeführt werden dürfen". Nach fünf Jahren Arbeit wurde etwa die Ausfuhr von 100 Kilogramm Zucker und 300 Stück Seife erlaubt, zwei Nähmaschinen und einem Fotoapparat sowie zwei Mopeds - diese aber ohne Ersatzteile.

Ausstellung in Leipzig: Die Künstlerin Sung Tieu ist selbst Kind eines Vertragsarbeiters, der aus Vietnam in die DDR kam.

Die Künstlerin Sung Tieu ist selbst Kind eines Vertragsarbeiters, der aus Vietnam in die DDR kam.

(Foto: Diana Pfammatter)

"Die Ausstellung sagt viel mehr über die DDR als über die vietnamesischen Vertragsarbeiter", sagt Tieu, deren Vater einer von ihnen war. Als 1989 die Mauer fiel, befanden sich rund 60 000 vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR. Der Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft bedeutete für sie nicht nur den Verlust der Ausbildungs- und Arbeitsplätze, sondern oft auch den Verlust ihrer Unterkunft in den betriebseigenen Wohnheimen, in denen sie für gewöhnlich isoliert von der übrigen Bevölkerung untergebracht waren.

Rassistische Übergriffe nahmen zu. Im 1990 unterzeichneten Einigungsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten blieb der aufenthaltsrechtliche Status der Vertragsarbeiter ungeklärt. In den letzten Tagen der DDR organisierten manche Betriebe Charterflüge und drängten Vertragsarbeiter regelrecht zur Rückreise. In nicht wenigen Fällen wurde das vereinbarte Entschädigungsgeld nicht ausgezahlt. Erst in der zweiten Hälfte der Neunziger verbesserte sich der Aufenthaltsstatus vieler ehemaliger Vertragsarbeiter in Deutschland.

Die Künstlerin spielte in "Türkisch für Anfänger" eine eher unsympathische Rolle

Zur Bildenden Kunst kam Sung Tieu auf Umwegen. Nach ein paar Jahren im sächsischen Freital zog die Familie Mitte der Neunziger nach Berlin um, wo Tieu zur Schule ging und ihr Abitur machte. Während der Schulzeit wurde sie Mitte der 2000er von einer Münchner Produktionsfirma für die ARD-Vorabendserie "Türkisch für Anfänger" gecastet, wo sie in der ersten Staffel eine Rolle eines eher unsympathischen Charakters übernahm. Doch die Schauspielerei verfolgte Tieu nicht weiter. Vom Studium für Politik und Verwaltung sowie Internationale Beziehungen wechselte sie schließlich an die Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg und später dann an das Goldsmiths College und die Royal Academy of Arts in London.

Das Leben und Arbeiten in juristischen oder ökonomischen Grauzonen hat Tieu schon vor ihrer Leipziger Ausstellung in verschiedenen künstlerischen Arbeiten zum Thema gemacht. Vor ein paar Jahren mischte sie eine limitierte Edition von 50 gefälschten MP3-Playern unter das Angebot eines Elektronik-Geschäfts im Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg. Die Speicher der Billig-Geräte hatte die Künstlerin zuvor in schöner Dialektik mit einer Soundarbeit bestückt: einem kommentierten Audiowalk durch das Schöneberger Kaufhaus des Westens, so ziemlich die entgegensetzte Einkaufserfahrung zum Dong Xuan Center.

Für das Münchner Haus der Kunst produzierte sie im vergangenen Jahr die Installation "Zugzwang", die sich um bürokratische Entscheidungsprozessen in Behörden drehte, die über die Zulassung oder Ablehnung von Asylanträgen zu entscheiden haben. Tieu interessierte sich vor allem für das, was in diesem Zusammenhang als "Tatsache" definiert wird und wann bestimmte Informationen als "Fakten" akzeptiert werden. Allzu oft hängt der positive Asylbescheid vom glaubwürdigen Auftreten einer antragstellenden Person ab und der Stimmigkeit des präsentierten Narrativs, welches in den Rahmen der Gesetze passen muss.

Neben der 34. São-Paulo-Biennale, die Anfang September eröffnet, wo Tieu zwei Installationen zeigen wird, hat die Künstlerin ihren nächsten großen Auftritt in Berlin, wo sie in diesem Jahr neben Lamin Fofana, Calla Henkel & Max Pitegoff sowie Sandra Mujinga für den renommierten Preis der Nationalgalerie nominiert ist. Vielleicht wird ihre Installation im Hamburger Bahnhof, dem hauptstädtischen Gegenwartsmuseum an die Installation anknüpfen, die gerade in Leipzig zu sehen ist. Die Geschichte der Vertragsarbeit in der DDR ist für Tieu noch nicht auserzählt, gerade weil sie in den vergangenen Jahrzehnten unter den Teppich gekehrt und auf diese Weise unsichtbar gemacht wurde.

Sung Tieu: Multiboy bis zum 3. Oktober in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig. Der Katalog kostet 28 Euro.

© SZ
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