Vierte Station in Vermosh, Albanien Freiheit

Dieser stolze Hund in Sankt Petersburg weigert sich, jede Möglichkeit eines Unheils vorauszusehen. Sein rechtloser Artgenosse in den nordalbanischen Bergen kann von solchen Möglichkeiten nur träumen.

In den abgelegenen Bergen Nord-Albaniens begegnet man Menschen, die nicht nur ihre Hunde um die verdiente Freiheit bringen, sondern auch sich selbst. Nach außen hin sind sie freundlich und tadellose Gastgeber. Doch hinter der Fassade brodelt es zuweilen. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Von Michael Glawogger

In den abgelegenen Bergen Nordalbaniens begegnet man Menschen, die nicht nur ihre Hunde um die verdiente Freiheit bringen, sondern auch sich selbst. Nach außen hin sind sie freundlich und tadellose Gastgeber. Doch hinter der Fassade brodelt es zuweilen.

In Sankt Petersburg, gleich links neben dem Bahnhof, führt eine kleine Gasse weg von der neuen Fassade der Stadt. Rechter Hand gibt es noch ein Radisson-Hotel, schön geölt wie die Kette eines Motorrades, das so tut, als wäre es etwas Besonderes, indem es eine weltoffene Farbigkeit zur Schau stellt.

Natürlich ist an der Qualität des Etablissements nicht zu rütteln: die Betten sind gut, die Wäsche ist sauber, das Service ohne Fehl und Tadel. Amerikanischer Standard.

Gleichzeitig stimmt daran gar nichts. Schon der Standort zwischen Bahnhof und dem Rest der Stadt ist strategisch zu verstehen - ein Außenposten. Hier kann der Tourist sich noch im Zentrum fühlen und am Sowjet schnüffeln. Er kann sich an der Größe dieser aus Blut und Knochen gebauten Stadt vollsaugen - zu groß für Menschen und zu klein für Götter - und sich gleichzeitig wundern, warum alles rundherum bröckelt, zerfällt und bricht, als wäre der böse Geist des Kommunismus noch nicht vollständig ausgetrieben.

Alles ein Museum, rechts eines und links eines. Eines kostet Eintritt, das andere nicht.

In dieser kleinen Gasse, im ersten Stock über einem der Hauseingänge, durch die man auf einem Pferd reiten könnte, stand allabendlich zur Dämmerstunde ein Fenster offen, und an diesem Fenster stand ein großer Hund. Er hatte die kräftigen Vorderpfoten auf das Fensterbrett gestellt und schaute über die Köpfe der Menschen und den Verkehr hinweg in die Ferne.

Freudige Sicherheit

Er bellte niemandem hinterher und war nicht offensichtlich aufgeregt oder ungehalten über das Geschehen auf der Straße unter ihm. Von seiner Haltung her musste man auch nicht fürchten, dass er herunterspringen oder fallen würde. Er schien eher zu warten - vielleicht darauf, dass sein Mensch nach Hause kommen möge.

Er strahlte eine freudige Sicherheit aus. Ja, der Mensch würde kommen, der Mensch, der ihm vertraute, da er ihm die Freiheit gab, so an diesem Fenster zu stehen und zu schauen, auch wenn es die vage Möglichkeit gab, dass er fallen könnte und dann tot wäre.

Vielleicht ist es genau das, was man Freiheit nennt, und warum es immer weniger davon gibt. Der Tod der Freiheit ist, jede Möglichkeit eines Unheils vorauszusehen und das Leben danach zu gestalten, und nicht in Betracht zu ziehen, was an Schönem entstehen kann, wenn man derlei Einschränkungen einfach ignoriert. Denn die Angst ist ein grauslicher Partner. Dieser Hund hatte die Freiheit der Möglichkeit, aus dem Fenster zu fallen, und genau das machte ihn zu einem stolzen Hund, der niemals fallen würde - und fiele er, dann fiele er glücklich.

Ein ganzer Tisch voller Speisen und Getränke

Sooft er auch durch diese Gasse ging, er versuchte immer, den Hund auf sich aufmerksam zu machen. Aber das war natürlich vergebens, denn er war ja nicht der Mensch dieses Hundes, und der Hund war, ob der ihm zugestandenen Position dort oben am Fenster, viel zu stolz und elegant, um ihn dort unten überhaupt zu beachten, geschweige denn, auf seine Annäherungsversuche zu reagieren. Er blickte einfach über ihn hinweg.

In Vermosh in Albanien sah er einen rechtlosen Hund im Vorgarten eines Hauses. Es lebten dort an sich gute Menschen. Sie hatten ein Haus voller Betten, Kinder im fernen Amerika und Wandteppiche, die Jesus und der Muttergottes huldigten. Sie waren freundlich zu Fremden, heizten ihre Stube und trugen Speisen und Getränke auf, dass kein Millimeter Platz mehr auf dem Tisch blieb, wenn Gäste da waren.