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Black lives matter protest

Proteste gegen Rassismus in Atlanta, USA im Juni 2020.

(Foto: AFP)

Noch immer sehen viele Verlage Bücher von Nicht-Weißen als kommerzielles Risiko. Doch die Black-Lives-Matter-Bewegung verändert auch die Bestsellerlisten. Zeit, Strukturen zu überdenken.

Von Birgit Schmitz

Ein Teil meines Ärger rührte daher, dass ich mal wieder nicht schlagfertig genug war. Dabei hätte ich eigentlich mit dem Satz rechnen können: "Rassismus ist ein amerikanisches Problem, das gibt es bei uns nicht." Ich reagierte aber nur mit einem lausigen Gegenargument, in dem ich auf die steigende Zahl rassistischer Straftaten in Deutschland verwies. Von Zeit zu Zeit berichtete ich als Verlegerin von Hoffmann und Campe dem Vorstand über neue Bücher, die bald erscheinen sollten. In diesem Fall ging es um "White Fragility" von Robin DiAngelo, einen Bestseller aus den USA über die Unfähigkeit weißer Menschen, ihre Privilegien zu hinterfragen, den wir eingekauft hatten, um ihn in Deutschland zu veröffentlichen.

Eine Diskussion über Rassismus wäre für alle Beteiligten am Tisch unangenehm gewesen

Die Autorin sollte übrigens später in ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe den Satz, den ich zu hören bekommen hatte, als typische Abwehrreaktion nennen, wenn es um Rassismus geht. Ihr Buch handelt schließlich genau davon: Wie auch kluge, wohlmeinende und progressive Leute Rassismus als ein Problem der anderen, wahrscheinlich sogar böser Menschen, abtun. Denn man selbst sei ja kein Rassist. Auch so ein Satz, der häufig fällt. Inzwischen ist DiAngelo eine gefragte Expertin, weil ihr Konzept der "weißen Empfindlichkeit" die Diskussion grundsätzlich weiterbringt. Im Nachhinein betrachtet ging es bei dem Gespräch im Verlag aber gar nicht darum, ob eine Übersetzung gerechtfertigt war. Das Problem war eher, dass eine Diskussion über Rassismus für alle Beteiligten am Tisch unangenehm gewesen wäre, insbesondere weil alle weiß waren. Ich wollte nicht die Stimmung verderben und ließ das Thema fallen. Zur selben Zeit erinnerte mich ein Autor an die Zeile aus Adornos "Minima Moralia": "Ohne Angst verschieden sein." Streben nicht alle Verlage vorgeblich danach?

Verlage und die Menschen dort glauben gemeinhin, zu den "Guten" zu gehören, die im Prinzip für das "Wahre und Schöne" kämpfen. Doch sich selbst so zu sehen, das können wir bei DiAngelo lernen, macht uns blind für die eigene, vermeintlich unangreifbare Position. Das gilt auch für Gespräche, in denen die Klage geführt wird: "Früher durfte man noch, aber heute muss man ja aufpassen, was man schreibt."

Diesen oder ähnliche Sätze habe ich mehr als einmal von Autoren gehört, und ich benutze hier bewusst die männliche Form, denn diese Behauptung trafen ausnahmslos ältere, weiße Männer. Die Verklärung einer vermeintlich besseren Vergangenheit und die Ablehnung dessen, was man nicht versteht, findet sich strukturell in fast allen Verteidigungsreden weißer Privilegien wieder.

Zweifellos diskutiert die Verlagsbranche schon länger über Verschiedenheit und Diversität, sowie über sexistische, rassistische oder antisemitische Vorstellungen in Texten, die gerade verlegt werden oder lange Zeit verlegt wurden. Hashtags zum Zahlenverhältnis von weiblichen und männlichen Autoren, der offene Protest gegen die Veröffentlichung der Autobiografie von Woody Allen (es ging um die Vorwürfe, dass der Regisseur seine Tochter missbraucht haben soll) oder die Frage nach dem Antisemitismus bei Georges Simenon (damit musste ich mich als Verlegerin auseinandersetzen) sind nur einige Beispiele aus der letzten Zeit.

Im Januar erschien in den USA mit einigem Tamtam der Roman "American Dirt". Erst wurde die Autorin Jeanine Cummins dafür gefeiert, das Leid der mexikanischen Migranten und Migrantinnen sichtbar gemacht zu haben. Doch dann meldeten sich Autoren und Autorinnen hispanischer Herkunft zu Wort und beklagten, der Roman komme nicht über Klischees hinaus, sei ein Musterbeispiel für kulturelle Aneignung. Es ging aber nicht nur um die Aneignung von Geschichten und Motiven, sondern auch um die generelle Sichtbarkeit hispanischer Literatur, darum, wer darüber entscheidet, was veröffentlicht wird und mit welchem Marketingaufwand. In Deutschland las man diese Kritik vor allem als Vorwurf gegen Cummins, sie habe nicht den richtigen ethnischen Hintergrund. Sie ist in Maine in einer weißen Mittelschichtsfamilie aufgewachsen, ihre Großmutter stammte aus Puerto Rico. Wie konnte es sein, so der Tenor in Deutschland, dass es plötzlich wichtiger war, wer etwas schreibt, als das, was geschrieben wird? Da schienen wieder einmal die dunklen Mächte der Political Correctness und Identitätspolitik am Werk. Wenn man so will, ist der Fall das perfekte Beispiel für "weiße Empfindlichkeit", die - sehr verkürzt gesagt - am Ende wieder die Anderen zum Problem macht, wenn sie auf ungerechte Strukturen in der Verlagsbranche aufmerksam machten.

An solchen Beispielen wird mir wieder klar, dass kein Aspekt verlegerischen Handelns von den Fragen unberührt bleibt, die #blacklivesmatter, #metoo und die Kritik an kultureller Aneignung aufwerfen. Es geht dabei nicht nur um die Auswahl von Autoren und Autorinnen und Titeln. All zu häufig wird das verlegt, wofür es vermeintlich ein Publikum gibt, Titel, die immer wieder dieselben Vorstellungen bedienen.

Die Struktur hält ganz automatisch den Status quo aufrecht

Entscheidungen auf rassistische Unterströmungen zu überprüfen, geht im Alltag eines Verlages gemeinhin unter. Wenn heute über ein Buch wie "Why I'm no longer talking to white people about race" der britischen Autorin Reni Eddo-Lodge (auf Deutsch erschienen im Tropen-Verlag, SZ vom 22.02.2019) in einer Lektoratsrunde diskutiert wird, ist mit ziemlicher Sicherheit in Deutschland, aber auch in England keine Person am Tisch schwarz. Vor Kurzem war deshalb der britischen Zeitung The Guardian eine Meldung wert, dass Eddo-Lodge als erste schwarze britische Autorin auf Nummer eins der britischen Bestsellerliste steht. Das geschah tatsächlich erst im Juni 2020.

Hinter dieser Meldung verbirgt sich womöglich etwas anderes: Für Verlage war in der Vergangenheit die Entscheidung eine schwarze britische Autorin zu verlegen, damit verbunden, die Absatzzahlen niedriger als im Vergleich zu einer weißen Autorin einzuschätzen, das bedeutete ein höheres finanzielles Risiko, was man wiederum zu mindern versucht, indem letztlich die schwarze Autorin einen niedrigeren Vorschuss erhält und weniger Aufwand an Pressearbeit und Werbung betrieben wird.

Ich unterstelle nicht, dass Lektoren und Verlegerinnen dies bewusst jedes Mal so durchdenken, aber überkommene Erfahrungen beeinflussen hier die Entscheidungen. Diese Struktur hält ganz automatisch den Status quo aufrecht und sorgt damit für weniger Diversität des literarischen und intellektuellen Lebens. Titelauswahl ist somit nie farbenblind.

Deutschland verfügt zwar im Vergleich zu anderen Länder über eine große Übersetzungstradition und Leserinnen und Leser steht eine Vielzahl von Werken aus allen möglichen Sprachen und Kulturen zur Verfügung. Es wurden auch immer schon Bücher verlegt, die sich mit Rassismus, Antisemitismus und Sexismus beschäftigen, und dass sie sich nun verstärkt den Bestsellerlisten nähern, ist eine erfreuliche Entwicklung. Den dennoch weiter bestehenden Mangel an Diversität sofort zu beheben, dürfte hingegen genauso schwierig sein, wie Lektorate, Literatur-Jurys oder Redaktionen mit entsprechenden Personen zu besetzen, damit jede Stimme einen Platz am Tisch hat.

Wir können aber damit aufhören, uns Ausreden zu überlegen, wenn wir gefragt werden, warum das so ist. Und wir können uns gegen die tagtäglich blödsinniger werdenden Klagen stellen, dass nun vor allem "weiße, alte Männer" diskriminiert werden. Niemand braucht "Zensur" zu rufen, wenn der einst unangreifbar erscheinende Kanon der Weltliteratur auf antisemitische, sexistische und rassistische Vorstellungen überprüft wird. Kein Verlag schaut auf eine unschuldige Publikationsgeschichte zurück.

Grundlegende Veränderungen sind nötig, sie können schmerzhaft sein

Statt über "American Dirt" zu diskutieren, könnte man, um ein der deutschen Buchbranche näherliegendes Thema zu wählen, einen Blick auf den nicht enden wollenden Strom sogenannter Destinationskrimis werfen, wenn es um kulturelle Aneignung geht. Hier werden Krimis aus der Deutschen liebsten Ferienregionen häufig mit beispielsweise französisch oder italienisch klingenden Namen vermarktet, auch wenn sich dahinter deutsche Autoren und Autorinnen verbergen. Man müsste dann darüber reden, dass hier Klischees nicht nur in Kauf genommen, sondern geradezu eingefordert werden.

Die Verlagsbranche ist nicht sonderlich groß und im Prinzip übersichtlich. Vielleicht werden dort deshalb viele gesellschaftlich relevante Diskussionen so intensiv geführt. Die Erkenntnis, dass Vielfalt in Verlagen dafür sorgen wird, Bücher zu verlegen, die mit den gesellschaftlichen Realitäten in Einklang stehen, kommt vermehrt auch in Vorstandsetagen an. In Zukunft kann es nicht nur darum gehen, People of Color zu verlegen, sondern sich auch uneingeschränkt in den Marketing- und Vertriebsabteilungen mit entsprechenden finanziellen Mitteln für ihre Bücher einzusetzen. Das sorgt dann für Diversität auf den Bestsellerlisten und erschließt neue Leser und Leserinnen, die jeder Verlag dringend braucht.

Am Ende wird das Ergebnis entscheidend sein, nicht wer am Tisch sitzt, nicht die gute Absicht, sondern das Bild, das mit Büchern von der Welt gezeichnet wird und dies gilt es zu beurteilen. White Fragility, "Weiße Empfindlichkeit" wird diese Debatte begleiten, weil grundlegende Veränderungen nötig sind, die durchaus auch schmerzhaft ausfallen werden. Zu den weißen Privilegien gehört schließlich, weder Schmerz noch Ausgeschlossensein als Normalität erleben zu müssen.

Birgit Schmitz war bis Oktober 2020 Verlegerin bei Hoffmann und Campe. Im Moment gründet sie einen eigenen Verlag und eine Agentur in Berlin.

© SZ vom 04.07.2020

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