bedeckt München 17°

Videospiele:Hinter den Kulissen

Vorne Aufführung, aber Irrwege hinter den Kulissen. Der Spieler sucht und findet Erstaunliches: Ein Videospiel, das Fragen nach seinem eigenen Medium stellt.

Geigen werden gestimmt, ein Regisseur gibt letzte Anweisungen. Die Geräusche dringen von draußen in einen Warteraum. Gleich beginnt die Aufführung. Doch die einzige Tür des Warteraums ist versperrt. Da meldet sich eine Stimme aus dem Off. Das sei jetzt peinlich, stottert sie, etwas sei schief gelaufen. "Das Spiel, das Sie gerade heruntergeladen haben", erklärt sie, "das wird von jemand anderem gespielt."

So beginnt das kleine Videospiel "Dr. Langeskov, The Tiger, and The Terribly Cursed Emerald: A Whirlwind Heist." Und anders als man vermuten könnte, erzählt es keine mysteriöse Kriminalgeschichte. Hier geht es eher um eine Fingerübung: Nachdenken über das Medium Computerspiel. Es wirft die Frage auf, wie ein Computerspiel überhaupt funktioniert.

So wird das Spiel zur Farce. In Egoperspektive navigiert sich der Spieler durch Räume hinter Kulissen und schnell wird klar: Das Theaterstück, um das es hier geht, ist eine Metapher für das Spiel, das der Spieler spielt. Er kann sich ausgerechnet überall dort bewegen, wo das große Spektakel gerade nicht stattfindet. Die Geschichte des Spiel dringt zum Spieler nur indirekt durch die Beschreibungen der Stimme vor. Irgendwann fragt man sich: Gibt es dieses Spiel überhaupt?

Blick hinter die Kulissen: Szene aus "Dr. Langeskov, The Tiger, and The Terribly Cursed Emerald: A Whirlwind Heist".

(Foto: PR)

So hat der Autor des Spiels, William Pugh, mit den einigermaßen starren Regeln seiner Branche gebrochen. Da geht es vor allem bei den großen Bestsellern mit Millionenbudget darum, dass sich der Spieler gedanklich in einer virtuellen Welt verlieren kann. Daher kommt der Drang nach Fotorealismus, darum warten in den großen Spielen überall Attraktionen auf den Spieler und nicht zuletzt ist darum die Rolle des Spielers meistens die eines Helden.

Pugh verwehrt den Spielern das Erfüllen ihrer Erwartungen. Bei ihm sind die Spieler machtlos. Sie bekommen noch nicht einmal den im Titel genannten Tiger zu sehen. In Kinofilmen oder Theaterinszenierungen mit einem gewissen künstlerischen Anspruch werden vergleichbare kritische Selbstreflexionen und Kontextverschiebungen ständig vorgeführt. In Spielen ist es jedoch die Ausnahme.

Das liegt zum einen daran, dass viele Entwickler sich nicht vorrangig als Künstler, sondern als Entertainer verstehen. Zum anderen gibt es kaum erprobte Formeln. Was William Pugh hier versucht, kann man vielleicht mit Arbeiten von Jean-Luc Godard oder Bertolt Brecht vergleichen. In der Eröffnungsszene von Godards "Die Verachtung" durchbricht der Regisseur die vierte Wand und lässt die Kamera von der Leinwand auf das Publikum schauen. Auch bei Brechts sprechen die Figuren sprechen gelegentlich zu den Zuschauern.

Nun funktionieren Videospiele grundsätzlich anders als Film und Theater. Entsprechend können Kunstgriffe nicht einfach kopiert werden. Spieleentwickler formen virtuelle Plastiken aus Programmcode und Animationen. Die Spieler überrascht es kaum, wenn sich die Charaktere direkt an sie wenden. In der Egoperspektive vieler Spiele ist das normal. William Pugh muss seine Spieler darum auch als Spieler vor dem Bildschirm adressieren statt wie sonst üblich in der Rolle, die das Spiel ihnen verleiht.

Das Spiel ist vor allem ein großer Witz der auch auf Kosten seiner Spieler geht

So viele Ideen, so viel Theorie. "Dr. Langeskov, The Tiger, and The Terribly Cursed Emerald" hätte auch ein verkopftes Konstrukt werden können, das unspielbar bleibt. Und tatsächlich sind die Interaktionsmöglichkeiten relativ beschränkt, das Spiel bietet kaum Herausforderungen. Doch sein Humor sorgt für großen Spaß beim Spielen. Es gibt auch wie in konventionelleren Spielen etwas zu entdecken. Nur findet man hier Artefakte wie etwa Publikums-Fragebögen zum Spiel voller wütender Kommentare. Das Spiel insgesamt ist ein großer Witz der auch auf Kosten der Spieler geht. Und trotzdem bleibt es sympathisch, weil es sich auch selbst nicht zu ernst nimmt. Zudem wird die Idee nicht überstrapaziert. Wie ein guter Kurzfilm ist nach einer konzentrierten viertel bis halben Stunde alles vorbei.

William Pugh ist allerdings auch kein Unbekannter. 2013 sorgte er mit "The Stanley Parable" für Aufsehen. In der Netflix-Serie "House of Cards" verblüfft dieses Spiel sogar die Figur des abgeklärten US-Präsidenten Frank Underwood.

Dr. Langeskov, The Tiger, and The Terribly Cursed Emerald: A Whirlwind Heist , kostenlos bei Steam und itch.io, für Windows und Mac OS X.