VG Wort Ende der Blockade

Die Mitgliederversammlung der Verwertungsgesellschaft Wort hat sich am Samstag in München auf ein neues Ausschüttungsverfahren geeinigt und beendet damit einen einjährigen Streit um die Verteilung der Einnahmen.

Von Detlef Esslinger

Die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort kann ab sofort wieder das tun, wofür sie vor Jahrzehnten gegründet wurde: all das Geld, das sie einnimmt, an Autoren und Verlage ausschütten. Die Mitgliederversammlung einigte sich am Samstag in München darauf, nach welchem Verfahren die VG Wort künftig ihre Einnahmen ausschüttet. Damit beendete sie einen einjährigen Streit, der die Ausschüttungen zum Teil blockiert hatte.

Künftig ist es so: Jeder Autor erhält grundsätzlich 100 Prozent des Geldes, das die VG Wort für seine Texte eingenommen hat - von Bibliotheken, Pressespiegel-Nutzern oder den Herstellern von Festplatten, Kopierern, Smartphones und USB-Sticks. Jeder Autor kann aber seinem Verlag einen Teil seiner Einnahmen abtreten: anonym, also freiwillig, und dies entweder für alle seine Werke oder auch nur für einzelne. Damit setzt die VG Wort sowohl ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) vom April 2016 als auch das neue Verwertungsgesellschaften-Gesetz um. Das Urteil verbot ihr rückwirkend bis 2012 die langjährige Praxis, ihre Einnahmen pauschal auf Autoren und Verlage zu verteilen. Dafür hatten die Richter keine Rechtsgrundlage gesehen. Das neue Gesetz erlaubt ihr eine Beteiligung von Verlagen - jedoch nur, sofern jeder einzelne Autor für jedes einzelne seiner Werke sein Einverständnis erklärt.

Die VG Wort hat allein im vergangenen Jahr 185 Millionen Euro eingenommen, die nun zu verteilen sind. Es ist das drittbeste Ergebnis ihrer Geschichte. Doch statt diese Beträge zu feiern, zerfielen die Mitglieder lange in zwei Gruppen, die sich erbittert bekämpften. Die eine Gruppe bestand im wesentlichen aus freien Journalisten sowie dem Wissenschaftsautor Martin Vogel, der das BGH-Urteil erstritten hatte. Ihnen ist im Prinzip jede Verlagsbeteiligung zuwider. Sie stellten die Geschäftsführung der VG Wort seit Monaten quasi unter den Verdacht, verkappte Agenten der Verlage zu sein und diesen Geld zuschustern zu wollen, auf das sie eigentlich kein Recht mehr hätten. Die andere Gruppe bestand aus allen anderen Autoren sowie den Verlagen. Sie wollten einen Modus finden, der auch den Verlagen einen Anteil an den VG -Wort-Einnahmen sichert. In einer Verwertungsgesellschaft, die ihnen kein Geld bringt, wären viele Verlage nicht länger geblieben. Sodann hätten die Autoren alleine die Auseinandersetzung mit den Herstellern über deren Abgaben führen müssen und wären weniger durchsetzungsfähig gewesen. Diese den Verlagen wohlgesonnene Gruppe war zwar die Mehrheit in der VG Wort; die kleinere Gruppe hatte jedoch 2016 in zwei Mitgliederversammlungen Sperrminoritäten organisiert.

Sollte ein Autor künftig seinen Verlag an seinen VG-Wort-Einnahmen beteiligen wollen, so wird der Verlagsanteil zwischen 15 und 50 Prozent betragen, je nach Text- und Verbreitungsform. Diese Quote hatten Unterhändler von Autoren und Verlagen im März am Rande der Leipziger Buchmesse ausgehandelt. Ihr stimmten die Mitglieder am Samstag in München zu, wenn auch erst nach längerer Debatte. Ein Vertreter des Mehrheitslagers sagte, der neue Verteilungsplan sei doch "ein revolutionäres Papier". Wem die 15 oder 50 Prozent für seinen Verlag zu viel seien, der brauche ja gar nichts an ihn abzutreten - und behalte seine Einnahmen zu 100 Prozent. Aus dem Kreis der freien Journalisten wurde ihm erwidert: Er habe "vergessen, Martin Vogel zu danken, den Sie wie einen Feind bekämpft haben", dem aber das Urteil, das Gesetz und damit die 100-Prozent-Option zu verdanken seien. Ohne den neuen Verteilungsplan hätten die Einnahmen aus dem Jahr 2016 nicht verteilt werden können. Das Geld fließt immer Ende Juni, weil der Verteilungsplan aber erst jetzt, im Mai, beschlossen wurde, wird es Ende Juni nur einen Abschlag geben.

In den nächsten Monaten sind jedoch nicht nur die 185 Millionen aus dem vergangenen Jahr zu verteilen. Aus dem BGH- Urteil ergibt sich, dass die Verlage bis zu 86 Millionen Euro zurückzahlen müssen, die sie von 2012 bis 2015 von der VG Wort erhalten haben. 29 Millionen davon sind bereits bei der Verwertungsgesellschaft eingetroffen. Allerdings haben 26 000 Autoren erklärt, auf eine Rückzahlung zu verzichten - um ihre Verlage zu motivieren, in der VG Wort zu bleiben oder auch, um kleinere Verlage nicht in ihrer Existenz zu gefährden. Das zurückgezahlte Geld soll bis Jahresende an die Autoren weitergeleitet werden.