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Vezuz-TV mit Alicia Keys und John Legend:Hier ist Michelle Obama: Ihr habt Talent

Alicia Keys, John Legend

Noch ganz undistanziert: Alicia Keys und John Legend 2014 beim Konzert "The Night That Changed America" in Los Angeles.

(Foto: Zach Cordner/AP)

Verzuz-TV: Am Juneteenth-Wochenende spielten Alicia Keys und John Legend.

Von Jan Kedves

Corona macht erfinderisch. Weil sie gerade nicht auf Tour gehen können, schicken Popstars Livestreams ins Netz, was das Zeug hält. Aus der aktuellen Flut der Streams hebt sich Verzuz TV ab, ein neues Entertainment- und PR-Format, das sich die beiden afroamerikanischen Hit-Produzenten Timothy Mosley alias Timbaland und Kasseem Dean alias Swizz Beatz im März, gleich zu Beginn der Pandemie, gemeinsam ausgedacht haben. Es erzielt im Netz inzwischen wahnsinnige Reichweiten.

Das Konzept: Für eine Folge von Verzuz TV werden zwei Musiker zum battle zusammengesetzt, also zum "Kampf". Sie spielen sich abwechselnd eigene Songs vor und erzählen dazu Geschichten. Das Publikum, das den Abtausch via Instagram Live und andere digitale Plattformen verfolgen kann, darf für sich entscheiden, wer gewonnen hat. Wobei das mit dem Gewinnen nicht wichtig ist, am Ende hat man sich meist einfach lieb. So war es jedenfalls, als Anfang Mai die R&B-Sängerinnen Erykah Badu und Jill Scott antraten - und Verzuz TV im Anschluss vorrechnete, dass ihre Sendung zusammengerechnet, also über verschiedene Plattformen verteilt, eine Milliarde Aufrufe erzielt habe. Die Alben der beiden Musikerinnen schossen danach in die Charts der Download- und Streaming-Plattformen. So gesehen ist Verzuz TV auch eine clevere Maßnahme zur Aktivierung der Back-Kataloge von Musikern.

Eine neue Folge gab es am Freitag zum "Juneteenth"-Gedenktag, jenem Tag, an dem die afroamerikanische Community in den USA die Befreiung aus der Sklaverei am 19. Juni 1865 feiert. Alicia Keys, 39, und John Legend, 41, traten an, wobei man auch hier sagen muss: Sie spielten eher mit- als gegeneinander. Zwei Stars des modernen Soul und R&B, beide exzellente Songwriter, beide gesegnet mit Seelenbalsam-Stimmen und virtuosen Fähigkeiten am Klavier. Sie saßen Rücken an Rücken, vor ihnen jeweils ein Flügel. Der von Alicia Keys war fuchsiafarben lackiert, der von Legend klassisch schwarz.

Der Sieger? Egal. Es ging um die musikalische Erbauung der afroamerikanischen Community

Zu Beginn ihrer zweieinhalb Stunden verbeugten sich Keys und Legend voreinander und sangen dann als erstes, im Duett, Bob Marleys "Redemption Song". Auf Instagram Live fliegen unter dem Stream-Fenster die Herzchen und Kommentare des Publikum in Echtzeit durch, weswegen man genau sehen kann, wer im Publikum ist - so wie im Stadttheater, wenn man, statt die Inszenierung auf der Bühne zu verfolgen, den Blick durch den Zuschauerraum wandern lässt. Im virtuellen Raum von Verzuz TV waren am Freitag auch Stars wie Janelle Monaé, Missy Elliott und Queen Latifah. Und Michelle Obama. Die schrieb "So much talent! Love you both!" in die Kommentarspalte, woraufhin Alicia Keys, sichtlich ergriffen vom Lob der ersten schwarzen First Lady des Landes, ihr einen Song widmete: "A Woman's Worth".

Keys wollte in diesen Wochen zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder auf große Welttournee aufbrechen, ihr neues Album "Alicia" war für März angekündigt. Sie entschied, die Veröffentlichung aufgrund der Pandemie zu verschieben. Einen neuen Song aus ihrem Album sang sie aber bei Verzuz TV: "Perfect Way To Die", eine todtraurig-bittersüße Hymne, adressiert an all jene schwarzen Menschen, die durch Polizeigewalt zu früh aus dem Leben gerissen wurden und werden. Der Song ist hart und zugleich doch irgendwie tröstend - hohe Pop-Kunst.

John Legend hingegen passte die Veröffentlichtung seines neuen Albums "Bigger Love" am Freitag ganz PR-förderlich mit dem Auftritt bei Verzuz TV ab. Das Album, sein siebtes, enthält gelungenen Mainstream-R&B mit Hang zum emotionalen Motivationstraining. Musik, die einerseits klar in der Tradition von Bill Withers und Stevie Wonder steht, die aber auch mal in Richtung von elektronischem Schlafzimmer-Reggaeton ausbricht. Als Höhepunkt bei Verzuz TV spielte er den letzten Song des neuen Albums, "Never Break". In der dramatisch orchestrierten Zusammenhalt-Hymne geht es wohl eigentlich um ein Ehepaar. Aber sie lässt sich genauso als Feier des Zusammenhalts der afroamerikanischen Community hören.

Am Ende waren laut Verzuz TV wieder eine Milliarde Aufrufe zusammengekommen, unter anderem auch via Apple TV. Ginge es strikt nach der Anzahl der dargebotenen Copyright-Songs, hätte wohl Alicia Keys gewonnen - so werden im Musikgeschäft Hits genannt, die Erika und Max Mustermann auf der Straße mitsummen können, auch wenn sie vielleicht nicht wissen, wer den Song im Original gesungen hat. "Empire State Of Mind", "Superwoman", "Unbreakable": Keys' Hits sind noch tiefer in die Melodie-Wiedererkennungswindungen im Gehirn betoniert als jene von Legend. Aber ums Gewinnen ging es wie gesagt nicht. Sondern es ging um die musikalische Erbauung der afroamerikanischen Community, die ihr Juneteenth-Wochenende in diesem Jahr - nach den Toden von George Floyd, Breonna Taylor und weiteren schwarzen Polizeiopfern - umso dringlicher feiern wollte.

© SZ vom 22.06.2020/cag

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