Verwirrung um den Mann als solchen:Der letzte Metro

Ja, ist denn heute schon Ostern? Überall nur Weicheier im Kuschelnest. Und das, weil verwirrte Stilmagazine den Männern eingeredet haben, ihre "innere Frau" zu entdecken. Eine Geschlechts-Katastrophe. Machen Sie darum unseren Männer-Test!

Wäis Kiani

Die Schauspielerin Elizabeth Hurley, der man sonst wenig anhaben kann, hat kürzlich im US-Fernsehen sehr gelitten. Ihr aktueller Liebhaber, der Hindu-Beau Arun Nayar, wurde von Rapper Dr.Dre als "Schwuchtel" bezeichnet. Das war überraschend für Miss Hurley, die in der Sendung "Comedy Central Roast" zu Gast war, um den Amerikanern neben ihrem Film "Double Whammy" auch ihren neuen Lover zu präsentieren. Statt dessen nahm sich Straßenjunge Dre, der anderen harten Jungs wie Eminem zu Ruhm verhalf, notorisch Nayars übergepflegte Erscheinung vor.

Verwirrung um den Mann als solchen: Als Männer noch kraftvoll zubeißen konnten ... Claudia Cardinale & Henry Fonda in "Once Upon a Time in the West".

Als Männer noch kraftvoll zubeißen konnten ... Claudia Cardinale & Henry Fonda in "Once Upon a Time in the West".

(Foto: Foto:)

Wer seinen putzig zurecht gemachten Freund von St. Moritz bis Neu Delhi am Händchen hinter sich herschleift, braucht über Spott allerdings nicht zu klagen. Denn wer sich wiederum mit Föhnfrisur und weibischer Kleidung von der Hand einer Frau als männliche Susi durchs Leben ziehen lässt, ist per se ungefährlich. Herr Nayar erschrak und bog sich hinter den Rücken seiner Chefin, um sich dort zu schämen. Hurley schaute panisch zur anderen Seite, wo sich Schauspieler Kiefer Sutherland ebenfalls bog, wenn auch vor Lachen.

Warum aber sollen wir Frauen Männer sexy finden, die sich auf dem selben Terrain versuchen wie wir? Männer, die eingelaufene Hemden tragen, um die Figur ins bessere Licht zu rücken?

Nun ja, Weicheier, die die Frage "Wie geht's?" sämig beantworten und von ihren uninteressanten letzten Trennungen berichten, Typen, die sich von den bösen Launen ihrer Männerangstschweiß witternden Frauen regieren lassen - all sie sind keine neue Plage. Das Phänomen des nun glücklicherweise zu Ende gehenden Jahres 2003 sind vielmehr jene, die dazu bedruckte Hosen tragen sowie Flip-Flops und einen Ring am kleinen Zeh. Gleichzeitig beherrschen sie fatalerweise alle Regeln, um auf dem Planeten Venus eine irgendwie friedlich anmutende Koexistenz mit echten Weibern zu führen. Der als JGE bezeichnete Mann soll dadurch besonders userfreundlich sein, das er keine Berührungsängste mit seiner "inneren Frau" hat.

Ein Wunder der Evolution: Er lebt im Einklang mit seiner femininen Seite, nimmt Maniküre und Pediküre in Anspruch, liebt es, zu shoppen, weiß, dass Wolford keine Comicserie und Lipgloss nicht tödlich ist. Er investiert begeistert in für ihn abgestimmte Pflegeserien. Zusätzlich macht er sich zu Beginn jeder Saison heftige Sorgen um seine Garderobe. Das Resultat dieser Sorgen landet weit entfernt von dem Ziel, das kein Mann je aus den Augen verlieren darf, weit entfernt vom: coolen Hund.

In den schlimmsten Fällen macht er noch Yoga. Trifft sich aber auch mit Gleichgesinnten, um bei einem selbst gekochtem Männer-Risotto DFP-Pokalspiele zu sehen, bei denen er sich wünscht, dass drittklassige Luschen wie er selbst eine ist, gegen den FC Bayern gewinnen. Im Sommer scheut er weder Mühe noch Kosten, um Karten für ein Formel-Eins Rennen in Imola zu erlangen. Nach dem Rennen bleibt ihm nämlich noch Zeit, um in Mailand durch die Shops zu bummeln. Sollte "das Teil", das er erst kürzlich in einer Männer-Modegazette entdeckt hat, bereits "out of stock" sein, fällt sein Reisebericht enttäuscht aus. Er, ein hetereosexueller Mann, der glaubt, sowohl auf dem Mars wie auch auf der Venus zu leben, hält deshalb alle geschlechtspezifischen Probleme für gelöst. Aber: Wer hat Respekt vor einem Mann mit einer Yogamatte? Sind diese Männer mit Namen Susi die einzige Massenalternative zum normalschlecht angezogenen Mann? Und ist nicht irgendetwas im Geschlechterkampf missverstanden worden?

Die Klägerinnen bereuen jetzt alles. Sie haben nochmal nachgedacht und - wie es Art von uns Frauen ist - ihre Meinung geändert. Die neue, frauenfreundliche Züchtung gefällt überhaupt nicht. Sie ist unerotisch, zweckentfremdet, riecht pudrig, lässt sich nicht ernst nehmen. Frauen hätten die Veröffentlichung von Schund-Ratgebern wie "Männer kommen vom Mars und Frauen von der Venus", "Warum Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können" oder "Generation Ally" verhindern müssen. Sie hätten auch alle Frauen knebeln müssen, die dafür sorgten, dass Männer solche Bücher lesen.

Der Schaden ist enorm. Gute, alte, männliche Attribute sind weitgehend vom Parkett verbannt. Sie werden als roh, schlicht oder ursprünglich abgetan. Stattdessen bevölkern Gekkos in gerüschten Polyesterhemden mit großen Kragen, breit drapiert auf Ledersakkos, Laffen in beigen Karreeschuhen mit dekorativer Schnalle, Straßen und Bars der Republik.

Nie würden diese Männer auf die Idee kommen, sie seien keine echten Männer, züchten sie doch seit Monaten an einem albernen Designerbart herum, (und haben sie doch im Schlafzimmer eine Lampe in Kussform, um die Damen in Stimmung zu bringen). Schaut man ihnen länger als drei Sekunden in die Augen, fangen sie an zu zucken, ziehen Handys aus ihren Lackjöppchen und senden eine SMS, die mit "Hi Andi" anfängt und mit "Tschüssikowski" endet.

Um das Elend zu veranschaulichen, stelle man sich folgende Situation vor: Henry Fonda ruft Claudia Cardinale in der Mutter aller Stilvorlagen für Männer und Frauen - in Sergio Leones maßgeblichem Western "Spiel mir das Lied vom Tod" - zum Abschied "Tschüssikowski" zu. Dann erst reitet er davon, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Alles wäre doch anders gekommen, oder? Es hätte doch gar keinen Superfilm gegeben, oder? Oder??

Leone wusste, wie man Stil schreibt, ergo wusste er, wohin Männer und Frauen gehören - und dass es sich bei der sexuellen Anziehungskraft so verhält wie beim Stromkreislauf: plus und plus stoßen sich ab. Das ist nur einer der Gründe, warum Frauen eine Gänsehaut bekommen, wenn ausgerechnet Mörder Frank (Fonda) Witwe Mac Bains (Cardinale) vibrierendes Mieder aufknöpft. Wieso ist dieser Film - der vor 35 Jahren gedreht wurde - die letztgültige Stilvorlage? Nur zum Beispiel: wegen seines unübertroffen lässigen Kleidungsstils.

Selten waren Männer und Frauen so selbstverständlich sexy und dennoch zeitlos modern gekleidet wie hier. "Frank" Henry Fonda und "Harmonica" Charles Bronson wurden in den römischen Cinecitta-Studios unfassbar gut angezogen. Fonda trägt die meiste Zeit und zu allen Gelegenheiten (Töten, Erpressen, Quälen, Verführen) ein dunkles Nadelstreifenjackett, schmale Hosen und Lederboots. Ein Outfit, mit dem er sich auch in der Saison 2003/2004 in jeder guten Bar sehen lassen könnte.

Frank sagt zu seinem Auftraggeber Morton, einer großkapitalistischen Lusche, wie man sie heute noch in der Business-Class schlecht gelaunt nach der Bunten fragen sieht: "Soll ich einem Mann trauen, der sich einen Gürtel umschnallt und außerdem Hosenträger trägt? Einem Mann, der nicht seinen eigenen Hosen traut?"

Lifestyle-Redakteure sollen sich ihren JGE oder Metrosexual also bitte endlich an den Hut stecken. Und, liebe Männer, einige von uns Damen haben sich halt sehr geirrt. Tut uns leid. Deshalb hier 20 leicht zu befolgende Regeln, damit 2004 alles wieder an seinen Platz kommt.

Schauen Sie mal, ob Sie noch zu retten sind, okay?

Dann folgen Sie dem Link zu unserem Test

© SZaW v. 06./07.12.2003
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB